Hildesheim - Die Zahl der Ausländer hat sich in Hildesheim binnen zehn Jahren verdoppelt. Bei Kindern und Jugendlichen sind Jungen und Mädchen mit ausländischen Wurzeln inzwischen in der Mehrheit in der Stadt. Das geht aus der Fortschreibung des sogenannten Sozialmonitoring-Berichtes der Stadt hervor, den Sozialdezernent Malte Spitzer am Dienstag vorgestellt hat. Erstmals hatte die Stadt den Bericht vor zwei Jahren veröffentlicht, nun wurde er aktualisiert und thematisch ausgeweitet. Er bietet eine Vielzahl von Erkenntnissen über die Menschen in Hildesheim, darunter auch überraschende – und manchen Ansatz, um auf Entwicklungen zu reagieren. Dabei geht es um Zuwanderung, aber auch um Armut, um Leben im Alter und um die Zukunft der Hildesheimer Schullandschaft.
Ausländer-Anteil verdoppelt, vor allem bei den Jungen
„Hildesheim wird internationaler“, sagt Sozialdezernent Malte Spitzer. Ende 2012 lebten 8388 Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft in Hildesheim, Ende 2022 waren es 16 885. Der Anteil hat sich verdoppelt, und zwar nicht nur durch die beiden Flüchtlingswellen 2015 und 2022. Tatsache ist auch: Ohne diese Zuwanderung wäre Hildesheim keine Großstadt mehr.
Rechnet man diejenigen hinzu, die offiziell als „Menschen mit Migrationshintergrund“ gelten, weil mindestens ein Elternteil bei der Geburt keinen deutschen Pass hatte, liegt der Anteil an der Gesamtbevölkerung inzwischen bei mindestens einem Drittel, bei Kindern und Jugendlichen sogar über 50 Prozent. Die Quoten werden weiter zunehmen – „schneller als alle Prognosen es vorhergesagt haben“, ist Spitzer überzeugt. Es gehe bei dieser Feststellung überhaupt nicht darum, das gut oder schlecht zu finden, sondern um die Frage, wie die Stadt damit umgehen soll.
Weniger Deutsch zu Hause
Was dabei auffällt: Der Ausländer-Anteil ist in der Nordstadt mit 46 Prozent deutlich am höchsten. Es folgen Stadtmitte und Oststadt – und nicht etwa Drispenstedt. Dort leben zwar sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund, viele von ihnen haben aber deutsche Pässe – die Familien sind im Schnitt deutlich länger in Deutschland als die in der Nordstadt.
Dennoch ist in Drispenstedt der Anteil der Familien, in denen Deutsch nicht die erste Sprache ist, merklich höher als in der Nordstadt. Was indes noch auffällt: Die Zahl der türkischen Staatsbürger in Hildesheim ist in den vergangenen zehn Jahren merklich gesunken – wohl, weil immer mehr türkischstämmige Menschen deutsche Pässe haben.
Viel Kinderarmut – aber auch zarte Zeichen der Hoffnung
Hoher Anteil an Ausländern oder Menschen mit Migrationshintergrund, hohe Kinderarmut – diese Gleichung gilt in Hildesheims Stadtteilen eindeutig. „Das ist auch in anderen Städten so“, sagt Spitzer. Doch lohnt sich der Blick auf die Details. So lebten im Jahr 2021 immer noch 54,6 Prozent aller Kinder in der Nordstadt offiziell in Armut, gegenüber dem „Flüchtlingsjahr“ 2016 war die Quote aber wieder etwas gesunken.
In Drispenstedt geht die Kinderarmut sogar seit 2011 kontinuierlich zurück, auch wenn sie mit 37,5 Prozent immer noch sehr hoch ist. Positive Entwicklungen gab es auch in der Oststadt und in Neuhof. Auch in Hildesheim insgesamt sank die Quote leicht, möglicherweise auch analog zum Rückgang der Arbeitslosigkeit – doch noch immer lebt jedes vierte Kind in Hildesheim in Armut. Und in dieser Erhebung sind ukrainische Familien noch nicht enthalten.
Mehr Geld für Sprachförderung?
Der Zusammenhang zwischen Migration, Kinderarmut, eher schwachen Ergebnissen bei Schuleingangs-Untersuchungen und einer eher geringen Quote an Grundschülern, die auf Gymnasien wechseln, ist für Spitzer in den fraglichen Stadtteilen augenfällig.
Die Zahlen sind in der Tat eindeutig. Für den Sozialdezernenten ist deshalb klar: Schulen und Kitas in diesen Bereichen der Stadt brauchen möglichst viel Unterstützung. „2000 Kindern fehlt Sprachförderung, dafür ist das Land zuständig.“ Doch die Stadt müsse auch sehen, wie sie selbst ihre geringen freien Mittel möglichst zielführend verteilt, und vielleicht die Schulen in Gebieten mit hohem Migranten-Anteil stärker unterstützt.
Bildung wichtiger als Herkunft
Der Sozialdezernent denkt dabei auch langfristig. „Wer mit vier in der Kita oder im Sportverein ist, hat wissenschaftlich erwiesen bessere Chancen auf eine gute Bildungskarriere.“ Was im Kindesalter passiert, könne sich lange auswirken bis hin zur Frage von Berufsausbildung oder Studium. Die von der Stadt erhobenen Daten haben auch ergeben, dass zwei Drittel der Arbeitslosen in Hildesheim keine Berufsausbildung haben. Der Anteil derer mit Lehre liegt bei nur 28 Prozent: „Und dabei ist es egal, ob Männer oder Frauen, ob Deutsche oder Ausländer“, betont Christoph Döring von der Stabstelle „Migration und Inklusion – Sozialplanung“ der Stadt. Nicht die Herkunft sei demnach entscheidend für die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sondern der Bildungsstand.
Beifall dürfte es für diese Erkenntnisse aus der Wirtschaft geben. Erst vor wenigen Wochen mahnte Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes NiedersachsenMetall, bei einem Besuch in Hildesheim, Bildung sei das A und O – und müsse eigentlich auf der Agenda von Politikern und Behörden aller staatlichen Ebenen stets ganz oben stehen.
Viel mehr Nordstädter trauen sich aufs Gymnasium
Unterdessen gibt es in der Nordstadt eine sehr markante Entwicklung: Noch im Sommer 2019 wechselten nur knapp 15 Prozent der Viertklässler von der Didrik-Pining-Schule in der Nordstadt auf ein Gymnasium, im vergangenen Sommer waren es gut 34 Prozent. An Grundschule Nord und Johannesschule stieg der Anteil im gleichen Zeitraum von 12,4 auf 23,7 Prozent. Die Gründe kennt Spitzer selbst noch nicht, hofft aber, dass seine Bemühungen um eine stärkere Unterstützung der Nordstadt erste Früchte tragen.
Gut möglich, dass viele, dies auf dem Gymnasium versuchen, dort zunächst einmal scheitern – das ist auch Spitzer klar. Doch aus den Zahlen spricht gleichwohl mehr Zutrauen und mehr Bewusstsein von Eltern für eine bestmögliche Bildung für ihre Kinder. Wo auch immer das die Jungen und Mädchen am Ende hinführt: Auffällig ist, dass das Gymnasium zwar unverändert die beliebteste Schulform ist – dass die einst verfemte Hauptschule inzwischen aber wieder deutlich mehr Zulauf hat. Womöglich auch wegen ihrer konsequenten Berufsorientierung. Inzwischen wird das Angebot knapp. Braucht Hildesheim eine weitere Hauptschule? „Wir müssen über die weitere Schulentwicklung nachdenken“, sagt Spitzer dazu vorsichtig.
Immer mehr Senioren sind auf Grundsicherung angewiesen
Bei aller Fokussierung auf Kinder und Jugendliche und auf Integration – auch Seniorinnen und Senioren darf die Stadt nicht aus dem Blick verlieren, mahnt Spitzer. Bekannt ist, dass der Anteil der über 80-Jährigen auf dem Moritzberg am höchsten ist – allerdings dürfte das zum Teil auch mit dem Standort des Christophorusstifts zu tun haben. Auch Itzum hat einen recht hohen Anteil von Rentnerinnen und Rentnern in der Bevölkerung. „Auch hier werden Politik und Verwaltung sich mit der Frage befassen müssen, wie wir mit der Altersstruktur in Stadtteilen umgehen“, sagt Spitzer.
Zumal das zunehmend auch eine soziale Frage ist. Der Anteil der Rentnerinnen und Rentner, die Grundsicherung im Alter bekommen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, die Stadt rechnet in den nächsten Jahren mit einem noch deutlicheren Anstieg.
