Hildesheim - Plötzlich zieht Uwe Kolmey wieder einen kleinen Schatz aus der Kiste: die Schallplatte „Radio-Aktivität“ von Kraftwerk. Aber nicht die Neuauflage von 2009. Nein, schon der Volksempfänger auf dem Albumcover zeigt an, dass hier das Original von 1975 aufgetaucht ist. Und nicht nur das: Die damals mitgelieferten Aufkleber sind nach fast 50 Jahren nahezu vollständig erhalten. Auch die Platte selbst wirkt wie selten abgespielt und die Hülle ist wie neu. Kolmey legt die Scheibe auf den Grundig-Plattenspieler und setzt die Nadel aufs Vinyl. Eine Minute ist der Geigerzähler zu hören, dann setzt das titelgebende Lied ein. Kolmey ist begeistert. Der frühere Präsident des Landeskriminalamts schreibt den Betrag 25 Euro auf einen kleinen weißen Aufkleber und heftet diesen auf das Cover. Dann stellt er die Schallplatte zurück in die Kiste.
In den nächsten Wochen werden er und viele weitere Helfende des Lions Clubs Hildesheim-Rose diesen Vorgang noch Tausende Male wiederholen. Der Service-Club will vom 22. bis 26. September im früheren Fotogeschäft Storm im Hohen Weg Schallplatten für den guten Zweck verkaufen. Die Einnahmen fließen an die evangelische Stiftung Familien in Not. Nach einem ersten Aufruf wurde der Club nahezu geflutet. Rund 6000 Exemplare hat er in den vergangenen Wochen gespendet bekommen. „Etwa die Hälfte müssen wir noch unter die Lupe nehmen“, sagt Kolmey.
Etwa die Hälfte müssen wir noch unter die Lupe nehmen
Das ist durchaus wortwörtlich zu verstehen. Jedes einzelne Exemplar wird ganz genau angeschaut. „Bis heute rufen noch Leute an, die ihre Schallplatten spenden möchten“, berichtet Kolmey. Bisher sind es etwa 130 Spenderinnen und Spender. Allerdings nehmen die Mitglieder der Lions jetzt keine neuen Exemplare mehr an.
Wer die Räume über dem früheren Foto Storm im Hohen Weg betritt, bekommt einen Eindruck davon, warum. Im größten Raum, gleich rechts hinter der Eingangstür, kann man kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen, ohne in eine Kiste voller Schallplatten zu treten. Im Raum dahinter, von dem aus man in die Fußgängerzone schauen kann, haben Kolmey und die anderen eine Bierzeltgarnitur aufgestellt. Die Kisten kommen nacheinander auf den Tisch, dann werden alle Schallplatten der Reihe nach rausgezogen und inspiziert. Wie ist der Zustand des Covers, der Innenhülle und der Scheibe selbst? Handelt es sich um eine beliebte Schallplatte, gar ein Sammlerstück? Oder um ein weniger bedeutendes Exemplar, das am Ende zusammen mit anderen in einem Paket angeboten werden sollte?
Die eingangs erwähnte Kraftwerk-Schallplatte kostet 25 Euro, was durchaus ein stolzer Betrag für eine alte Schallplatte ist. Wer allerdings auf Ebay nach der Scheibe sucht, bekommt dort sogar Angebote bis 100 Euro angezeigt. Vielleicht handelt es sich schon um ein begehrtes Sammlerstück.
„Opus Dei“ ist eine der teuersten Platten
Wenn man in die Tiefen der vielen Kisten abtaucht, kommen zahlreiche Exemplare ans Licht, die in Sammlerkreisen vermutlich schon Kultstatus haben. „Musik aus Zeit und Raum“ von Elektro-Urgestein Jean-Michel Jarre etwa oder Vinyl der slowenischen Band Laibach. Deren Platte „Opus Dei“ ist wohl eine der teuersten, die man bei der Plattenbörse der Lions erwerben kann. Sie soll 50 Euro kosten.
Aber das sind Ausreißer nach oben. Whitney Houston, Falco, Beatles oder Jane sind meist zwischen 5 und 10 Euro zu haben. Viele Sampler, Klassik-Vinyl und Schlager sogar noch günstiger. Auch die gespendeten Singles werden wohl in der Mehrzahl billig sein. „Vielleicht verkaufen wir sie auch paketweise“, sagt Kolmey.
Wir müssen die Schallplatten am Ende nur noch eine Etage nach unten tragen
Dass er und seine Mitstreiter die Platten nicht nur optisch, sondern auch akustisch inspizieren können, haben sie ebenfalls einem Spender zu verdanken. Der Mann hat nicht nur seine ausgemusterte Sammlung zur Verfügung gestellt, sondern gleich noch den dazugehörigen Schallplattenspieler von Grundig. Auch das Sarstedter Elektro-Geschäft Burandt + Hoffmann zeigte sich spendabel: Das Unternehmen schenkte den Lions eine spezielle Waschanlage für Schallplatten. Die Scheiben werden auf eine Art Plattenteller gelegt, man trägt eine Reinigungsflüssigkeit auf – und das Gerät saugt die Flüssigkeit anschließend inklusive Staub und anderer Partikel wieder ab. Die meisten Schallplatten sehen nach der Reinigung aus wie neu.
Im ersten Geschoss geht es also nahezu täglich zu wie in einer Art Plattenwerkstatt. Nur, dass nichts repariert wird. „Für uns ist es ein Glücksfall, dass uns die Stadt die Örtlichkeiten kostenfrei zur Verfügung gestellt hat“, sagt Kolmey. „Wir müssen die Schallplatten am Ende nur noch eine Etage nach unten tragen.“ Die Stadt vermittelt das Objekt eines Privateigentümers – so wie inzwischen an vielen Stellen bei den Pop-up-Stores.
Im Hohen Weg 1 sollen sich die Türen am 22. September um 16 Uhr zur Plattenbörse öffnen. Zur Eröffnung hat sich auch Oberbürgermeister Ingo Meyer angekündigt. Wenn er will, kann er gleich das Kraftwerk-Album mitnehmen. Oder den Swingin’-Hildesheim-Sampler „Cyclus Instant“ aus dem Jahr 1978 mit Liedern von Kuddel Renner, Das Dritte Ohr und Lösekes Blues Gang. Davon gibt es jeweils ein Exemplar. Bei den Bee Gees, Richard Clayderman und Abba sieht das etwas anders aus. „Allein von Abba haben wir bestimmt 30 Platten“, sagt Kolmey.




