Zivilcourage

In Hildesheim gibt es 145 Notinseln für Kinder – es könnten mehr sein

Hildesheim - Bus weg, Mama nicht da, Freunde verpasst, Angst oder Bauchschmerzen: Wenn das Kindern widerfährt, haben sie in Hildesheim 145 Anlaufpunkte. Die Notinseln. Aber das Netz ist alles andere als lückenlos.

Der Aufkleber (hier am Hotel Bürgermeisterkapelle) zeigt: Hier wird Kindern geholfen. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Da stand dann plötzlich das traurige siebenjährige Mädchen im Laden: „Meine Mama ist mir verloren gegangen“, sagte die Hildesheimerin, doch die Verkäuferin wusste, was zu tun war: Erst beruhigen, dann recherchieren. Und so bekam sie schnell heraus, dass das Kind eine Stunde früher Schulschluss hatte, also gar nicht von seiner Mutter abgeholt werden konnte. Oder der Schüler, der in einem Geschäft in der Andreaspassage auftauchte – weil er seinen Hausschlüssel verloren hatte und nun nicht wusste, wohin. Nur zwei Fälle aus der Vergangenheit. Und zwei Beispiele dafür, dass die Kinder-Notinseln helfen können, wenn Mädchen und Jungs nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. 145 solcher Anlaufpunkte gibt es derzeit in Hildesheim. Doch der Präventionsrat Hildesheim ist überzeugt: Es dürfen und müssen mehr werden.

Dass es in Hildesheim keine Beispielfälle gibt, in denen Kinder etwa vor Straftätern flüchten und sich in Geschäften in Sicherheit bringen mussten, wertet Knut Hauptvogel nicht etwa als Zeichen, dass die Notinseln überflüssig wären. „Im Gegenteil, wir machen schließlich Prävention“, sagt der Ehrenamtliche vom Präventionsrat, nichts sei besser als die Aussage: „In Hildesheim passiert nichts.“ Hauptvogel muss es wissen, er ist schon seit fast zwei Jahrzehnten am Start und Erfinder des Schulwegmagazines der Stadt, in dem die Kinder-Notinseln aufgelistet sind.

250 Städte in Deutschland weisen Kinder-Notinseln aus

Das deutschlandweite Projekt „Notinsel“ hat die Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel vor mehr als 20 Jahren initiiert. Mit über 16.600 teilnehmenden Geschäften, Bäckereien, Kiosken, Apotheken, Friseurbetrieben und vielen weiteren Anlaufstellen in 250 Städten soll ein dichtes Netz an sicheren Orten geschaffen werden, an denen Kinder in Notsituationen Zuflucht finden können. Wer mitmacht, bekommt auch Infos, wie er sich zu verhalten hat. Vom Ernstnehmen der Sorgen bis zum Einschalten der Polizei. Das Signal für diese Art von Hilfe ist immer gleich – der typische Nothilfe-Aufkleber mit den drei Figuren, die signalisieren: Wo wir sind, bist du sicher.

Dumm nur, wenn der Aufkleber zu hoch angebracht ist, sodass kleine Kinder ihn nicht sehen können. Wenn er entfernt wurde. Oder wenn er noch von den Vormietern im Fenster klebt. „Leider passiert so etwas, und wir haben natürlich nicht die Kapazitäten, das flächendeckend zu kontrollieren“, räumt Hauptvogel ein.

In Hildesheims Stadtteilen ist noch Luft nach oben

„Wir wünschen uns, dass sich noch mehr Geschäfte und Einrichtungen dem Notinsel-Projekt anschließen“, sagt Birgit Kaevel, die Geschäftsführerin des Präventionsrates der Stadt Hildesheim. In der Innenstadt sei noch Luft nach oben, besonders in den Stadtteilen gehe aber noch mehr: „Es braucht ein neues Gefühl von Gemeinschaft, ein Hinsehen und Handeln im Alltag. Mit jeder weiteren Notinsel wächst unser Netz für Zivilcourage und Achtsamkeit, zum Wohle unserer Kinder.“

Geschäfte und andere Einrichtungen können sich ab sofort online registrieren unter www.notinsel.de/notinsel-werden. „Nachdem der Präventionsrat als Projektträger vor Ort die Angaben überprüft hat, kommt der Notinsel-Aufkleber frei Haus ins Geschäft“, sagt Knut Hauptvogel für den Präventionsrat Hildesheim. Er rührt ohnehin die Werbetrommel für die Aktion, erst recht am bundesweiten Tag der Zivilcourage, der am Donnerstag, 19. September begangen wird. Oft stößt er dabei auf offene Ohren, sagt Hauptvogel. Aber es gibt offenbar auch Geschäftsleute, die nicht einmal antworten, wenn er sie anschreibt. „Merkwürdig“, urteilt Hauptvogel, der sich davon aber nicht entmutigen lässt. Schließlich geht es nur um eines: die Sicherheit der Kinder.

Alle Notinseln in Hildesheim finden Sie hier.

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