Hildesheim - Der kalifonische Konzern ResMed hat das Hildesheimer Pflegesoftware-Unternehmen Medifox DAN gekauft – für fast eine Milliarde Euro. Wie wurde aus einem 1994 gegründeten Kleinbetrieb ein bundesweiter Marktführer, mit dessen Software täglich rund 300.000 Pflegekräfte in ganz Deutschland auf ihren Smartphones und Tablets arbeiten? Und wie soll es nach der Übernahme durch ResMed weitergehen? Darüber sprach die HAZ mit den Geschäftsführern Thorsten Schliebe und Christian Städtler.
Herr Schliebe, Herr Städtler, 1994 hatte die meisten Menschen weder Handy noch Computer. Wie kam man damals auf die Idee, ein Unternehmen für Pflegesoftware zu gründen?
Städtler: Anlass war der Start der Pflegeversicherung. Ambulante Pflegedienste schossen seinerzeit wie Pilze aus dem Boden. Medifox-Gründer Falk Preußner erkannte ein Geschäftsfeld wegen der hochkomplexen Abrechnungen und Dokumentationen, die den Pflegediensten von Beginn an abverlangt wurden. Da war schnell klar: Für die Ansprüche der Krankenkassen, die die Leistungen ja bezahlen sollten, reichten Excel-Tabellen nicht aus.
Wofür wurde die Software konkret eingesetzt?
Städtler: Zum einen, um die Leistungen des Personals auf die Aufgaben zu verteilen, also sozusagen die Einsatzplanung. Vor allem aber für die Dokumentation dieser Leistungen mit ihren vielen Sonderfällen. Beispiel: Die Pflegekraft besucht an einem Samstag, der zudem ein Feiertag ist, zwei Pflegebedürftige, die im selben Haushalt leben. Solche Einzelfälle gab und gibt es zuhauf. Und die Qualität der Dokumentation ist sehr wichtig. Zunehmend spielte auch der Fachkräftemangel in der Pflege eine Rolle.
Inwiefern?
Städtler: Der Bedarf an digitaler Unterstützung hat sich dadurch deutlich erhöht. Pflegekräfte, ob in ambulanten Diensten oder in Heimen, verbringen viel Arbeitszeit mit der Dokumentation ihrer Tätigkeit. Diesen Zeitanteil zu reduzieren, um mehr Zeit für die eigentlichen Kernaufgaben zu bekommen, ist eine zentrale Aufgabe für alle in der Pflege aktiven Unternehmen.
Die Öffentlichkeit diskutiert den Fachkräftemangel in der Pflege vor allem seit der Corona-Pandemie. Seit wann haben Sie ihn gespürt?
Städtler: Seit zehn Jahren, würde ich sagen. Die Dramatik haben viele lange unterschätzt. Inzwischen ist die Wucht allgemein spürbar, etwa bei der Suche nach einem Heimplatz oder eben erst einmal einem ambulanten Pflegedienst. Und gerade in den vergangenen Jahren wurde klar: Die Digitalisierung kann einer der Auswege sein.
Schliebe: Ein zentrales Element ist dabei, dass wir die Software recht früh standardisiert haben und dass sie einfach anzuwenden ist.
Städtler: Das ist in der Tat sehr wichtig, denn Pflegekräfte wollen ja in erster Linie Menschen pflegen und sich nicht mit IT beschäftigen. Sie haben unsere Programme auf dem Handy, und da funktionieren sie wie ein Navi durch den Arbeitstag. Die Aufgaben ploppen auf, man klickt „erledigt“ und „weiter“. Im stationären Bereich, also in Altenheimen, sind analog dazu immer mehr Beschäftigte mit Ipads statt Papier unterwegs. Unsere Programme sind Teil ihres Alltags.
Medifox DAN ist inzwischen einer der führenden Anbieter in Deutschland, zumindest bei den ambulanten Pflegediensten. Welche Meilensteine haben dazu geführt?
Schliebe: Es gab nicht unbedingt die großen Durchbrüche, das lief ziemlich stetig und organisch ab. Am Anfang hat Medifox vor allem Kunden in der Region um Hildesheim gewonnen und konnte das dann stetig erweitern. Die meiste Zeit über gab es ein jährliches Wachstum von 15 bis 20 Prozent. Inzwischen setzt fast die Hälfte der Pflegedienste in Deutschland unsere Produkte ein. Einen Schub gab es allerdings im Jahr 2011, als wir stationäre Pflegeeinrichtungen ins Kundenportfolio aufgenommen haben.
Wie kam es dazu?
Schliebe: Das war eine Idee aus der bestehenden Mannschaft heraus, ein neues Geschäftsfeld zu entwickeln und völlig neue Lösungen für Heime und andere stationäre Einrichtungen anzubieten. Damit sind wir dann aber ähnlich kontinuierlich gewachsen wie zuvor und weiterhin bei den ambulanten Pflegediensten.
Seit einigen Jahren wachsen Sie auch durch Zukäufe kleinerer Firmen. Wie kam es zu diesem Strategiewechsel?
Schliebe: Ein Thema war das schon vorher. Aber man braucht als Unternehmen auch eine gewisse Professionalität und Reife, um mit zugekauften Firmen dann auch vernünftig umzugehen, was die Struktur, aber auch die hinzukommenden Mitarbeiter angeht. Diese Reife hatten wir vielleicht vorher noch nicht in allen Bereichen. Hinzu kommt natürlich, dass es ja nichts nützt, einen Strategiewechsel zu verkünden und zu sagen, wir kaufen ab sofort Firmen auf. Es müssen natürlich auch passende Unternehmen auf dem Markt sein.
Wer passt denn?
Schliebe: Unternehmen, die in ähnlichen Bereichen aktiv sind wie wir. Oder innovative, oft junge Firmen, die uns Software oder Lösungen zuliefern können, mit deren Integration wir aber unsere eigene Kompetenz und Angebotstiefe erweitern können. Zum Beispiel Firmen mit mittlerer Kundenzahl, deren Eigentümer eine Nachfolgereglung suchen. Oder Startups aus den Bereichen Künstliche Intelligenz oder E-Learning, was zum Beispiel unseren künftigen Eigner ResMed sehr interessiert.
Die wohl größte Übernahme war 2020 der Zusammenschluss mit der Firma DAN-Produkte, deren Name ja auch in der heutigen Firmenbezeichnung Medifox DAN überlebt hat. War das ein besonderer Meilenstein?
Schliebe: Sicher. Das war selbst eine recht große Firma, und sie hatte im stationären Pflegebereich sogar mehr Kunden als wir.
Städtler: Bei zwei so großen und starken Firmen braucht man auch ein bisschen Zeit, um alles zusammenzuführen, auch die Unternehmenskulturen. Wir haben jetzt zu Jahresbeginn die ersten gemeinsamen Produkte auf den Markt gebracht. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, darauf haben wir gut zwei Jahre lang intensiv hingearbeitet.
Sie betonen neben der Nutzerfreundlichkeit Ihrer Produkte auch die Fähigkeit des Unternehmens, sehr schnell auf neue Entwicklungen und Anforderungen reagieren zu können. Sehen Sie die Gefahr, dass Medifox DAN so groß wird, dass das Unternehmen dann auch schwerfälliger wird, vielleicht sogar von kleineren, innovativen Konkurrenten überholt werden kann?
Schliebe: Das zu verhindern, ist eine unserer zentralen Aufgaben als Geschäftsführer, jeden Tag. Unsere Hintergründe helfen uns dabei. Ich hatte als Unternehmensberater viel mit Großkonzernen zu tun. Was mich bei diesen Tankern gestört hat, war mitunter eben die langsame Reaktionszeit. Medifox ist weiterhin ein Schnellboot, dass schnelle Wenden hinbekommt, wenn man am Steuerrad dreht.
Städtler: Das ist auch ein wesentlicher Faktor dafür, dass es uns gelingt, immer wieder tolle Leute dafür zu gewinnen, bei uns mitzumachen. Die suchen oft diese Dynamik ...
Schliebe: ... und sind dafür auch bereit, ihren Lebensmittelpunkt von London nach Hannover oder Hildesheim zu verlegen.
Städtler: Thorsten Schliebe achtet schon darauf, dass wir nicht zu konzernig werden.
Jetzt sind Sie allerdings von einem Konzern übernommen worden. Und zwar nicht von einem Finanzinvestor wie zuvor, der Medifox wohl vor allem als Geldanlage betrachtet hat, sondern von einem Branchenriesen mit konkreten eigenen Vorstellungen, Produkten, Abläufen. Erwarten Sie dadurch verstärkte Eingriffe ins operative Geschäft?
Städtler: Nein, das ist nicht der Plan von ResMed. Sicher gibt es Synergien, die wir gemeinsam nutzen wollen, gegenseitige Unterstützung auf den Märkten, auf denen wir jeweils stark sind. Aber auch eine große Unabhängigkeit. Nicht umsonst bleibt die Firma mit ihrem bisherigen Namen erhalten. Und alle Standorte und Beschäftigten sollen bleiben, wir suchen sogar noch mehr.
Haben Sie denn überhaupt noch Platz? Vor zwei Jahren haben Sie zusätzliche Büros in der Arneken Galerie angemietet, weil es am Hauptsitz am Flugplatz zu eng wurde.
Städtler: Vor zwei Jahren war Platz wirklich ein Problem, jetzt nicht mehr. Durch die Pandemie hat auch bei uns flexibles Arbeiten an Bedeutung gewonnen, im Schnitt sollen die Beschäftigten drei von fünf Arbeitstagen im Büro sein. Im Schnitt, das heißt, manche öfter, andere seltener, es gibt da keine in Stein gemeißelten Vorgaben. Jedenfalls schafft das Platz. Die Büros in der Arneken Galerie haben wir inzwischen an unsere Abrechnungs-Tochtergesellschaft BFS untervermietet. Wir suchen aber weiter Personal und haben auch Platz für mehr Leute.
Wen suchen Sie denn?
Städtler: Wen nicht? Ernsthaft, eigentlich suchen wir in allen Bereichen. Gerade Service und Vertrieb sind wichtige Felder, wir suchen Menschen mit kaufmännischem wie mit technischem Hintergrund. Unsere Beschäftigten haben ganz unterschiedliche berufliche Vorgeschichten.
Was Medifox groß und wertvoll gemacht hat, ist die Digitalisierung der Pflege, die auch eine Reaktion auf zunehmenden Personalmangel war. Dieser Mangel verschärft sich weiter – ist die Entlastung, die die Digitalisierung da liefern kann, nicht langsam ausgereizt?
Schliebe: Das glaube ich nicht. Die Digitalisierung bleibt ein ganz wesentlicher Baustein für die Zukunft der Pflege. Der Bedarf an Pflegekräften ist jetzt und in Zukunft kaum zu decken, deshalb muss die technologische Entwicklung weitergehen. Ein ganz wichtiges Thema für die Zukunft ist dabei für uns der große Bereich der pflegenden Angehörigen. Also Menschen, die Verwandte oder bekannte noch selbst pflegen, was eine große Belastung darstellt. Welche Instrumente man entwickeln kann, um die Leute dabei zu unterstützen, ist für uns ein großes Zukunftsthema.
