Energiewende

Investoren planen Riesen-Windpark mit 14 Großanlagen nahe Hildesheim

Hildesheim - Bei Hildesheim soll ein riesiger Windpark entstehen, so wünschen es sich örtliche Investoren. Wie groß soll er werden, wie hoch werden die Anlagen, was soll das kosten und was soll es bringen, wie ist der Zeitplan? Erste Antworten auf zentrale Fragen. (mit Kommentar und Karte)

Blick aus Richtung Kapellenberg nach Hildesheim: In diesem Bereich planen Investoren einen großen neuen Windpark. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Das dürfte das Landschaftsbild massiv verändern. Einen für Hildesheimer Verhältnisse gigantischen Windpark wollen örtliche Investoren gemeinsam mit der Firma Innovent im Osten Hildesheims errichten – in erster Linie im Gebiet der Gemeinde Schellerten, aber auch auf Hildesheimer Flächen. Erste Pläne sehen 14 Windräder vor. Jede Anlage soll bis zu 240 Meter hoch werden, die Beteiligten wollen gut 100 Millionen Euro investieren. Doch es gibt noch einige Hürden. Am Mittwochabend wurde das Projekt erstmals öffentlich im Einumer Ortsrat vorgestellt. Nur zwölf Bürgerinnen und Bürger waren dabei, Gegenwind gab es kaum.

Wo soll der Windpark entstehen?

Die Initiatoren haben die recht große Feldmark zwischen den Ortschaften Einum, Achtum, Uppen, Wendhausen, Ottbergen, Dinklar und Bettmar ausgeguckt. Das Gebiet, in Einum auch als Landwehr bekannt, ist eine der größten unbesiedelten Flächen im Kreis Hildesheim außerhalb der Waldgebiete. Der Windpark soll in Anlehnung an den dort fließenden Ilsebach „Ilse“ heißen.

Wie wollen die Investoren bauen?

Nach Angaben von Innovent-Vertreter Dirk Ihmels ist es in diesem Gebiet möglich, einen Windpark mit 14 Windrädern auf einer Fläche von 300 Hektar zu bauen und dabei von jedem Windrad mindestens 1,1 Kilometer Abstand zum nächsten Wohnhaus zu wahren. „Das ist mehr als vorgeschrieben“, betonte er. Tatsächlich gilt im Landkreis eine 750-Meter-Regel. Im Windpark zwischen Einum, Bettmar und Hönnersum hat sich Innovent mit den beteiligten Kommunen auf einen Mindestabstand von 900 Metern verständigt, allerdings sind die Anlagen dort nicht so hoch.

Wie viel Strom sollen die Anlagen liefern?

Bis zu 14 Windräder heutiger Maximalgröße sehen die Pläne vor. Die Nabenhöhe der Anlagen würde bei 160 bis 170 Metern liegen. Steht ein Rotorblatt senkrecht nach oben, würde die Spitze eine Höhe von 230 bis 240 Metern erreichen. Jede Anlage würde laut Ihmels zwischen 7 und 7,5 Millionen Euro kosten und könnte pro Jahr rund 16 Millionen Kilowattstunden Strom liefern. Insgesamt käme der Windpark so auf 224 Millionen Kilowattstunden Jahresproduktion, was rechnerisch für rund 50.000 Vier-Personen-Haushalte reichen würde – und damit für einen Großteil der Bevölkerung des Landkreises.

Was soll mit dem Strom passieren?

Da Windstrom nicht konstant fließt, sondern wie bei Photovoltaik abhängig vom Wetter mal mehr und mal weniger davon produziert wird, kann der Windpark nicht einfach eine bestimmte Region versorgen. Stattdessen soll er über ein eigenes Umspannwerk an das überregionale Stromnetz angeschlossen werden, in dem er damit den Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen erhöht. Innovent-Vertreter Ihmels wollte aber auch nicht ausschließen, dass perspektivisch große Batteriespeicher oder ein Elektrolyseur zur Erzeugung von grünem Wasserstoff installiert werden, um überschüssigen Windstrom aufzunehmen.

Wer steht hinter dem Projekt?

Die Initiative für den Windpark geht von einer Gruppe von Grundeigentümern im besagten Gebiet aus. Etwa 50 der 70 Eigentümer haben sich in einer Art Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. Sprecher für Einum ist der frühere Ortsbürgermeister Stephan Hesse. Die Gruppe hat ihre Vorstellungen verschiedenen auf Planung und Bau spezialisierten Unternehmen präsentiert und fast eine Art Ausschreibung gemacht. Mit der Firma Innovent aus Varel, die bereits den Windpark zwischen Einum, Bettmar und Hönnersum geplant und gebaut hat, gab es die größten Übereinstimmungen. Geplant ist die Gründung einer gemeinsamen Betreibergesellschaft. Die Grundbesitzer der konkreten Windrad-Standorte würden ihr die nötigen Flächen verpachten.

Ziel ist, dass sich auch Bürgerinnen und Bürger der anliegenden Orte über eine Genossenschaft beteiligen können. Die Betreiber-Gesellschaft insgesamt soll so gestaltet werden, dass sie ihre Gewerbesteuer in der Region abführt. Ihmels kündigte zudem freiwillige Spenden an Feuerwehren, Vereine und Verbände in den umliegenden Dörfern an – je mehr Windräder, desto höhere Beträge.

Welche Hürden gibt es?

Die Gemeinde Schellerten hat aktuell zwei Vorranggebiete für Windkraft ausgewiesen – aber nicht im von Innovent und den örtlichen Eigentümern angestrebten Bereich. Die Stadt Hildesheim hat solche Konzentrationsflächen gar nicht ausgewiesen. Ihmels appelliert an beide Kommunen, mit den Investoren zusammen eine solche Planung voranzutreiben: „Dann bekommen sie mehr Steuerungsmöglichkeiten, es gibt mehr Einfluss für die Menschen in der Region und dadurch auch weniger Konfliktpotenzial.“

Der Innovent-Vertreter verwies auf Gesetzesänderungen im Laufe dieses Jahres, vor allem das sogenannte Wind-an-Land-Gesetz. Kommunen, die nicht bis Anfang 2024 Vorranggebiete auswiesen, verlören ihre Steuerungsmöglichkeiten – denn der Windkraft werde inzwischen eine „überragende Bedeutung“ zugeschrieben. Damit gehe eine Privilegierung zum Bau außerhalb von Ortschaften einher, wie es sie schon lange für Biogasanlagen gibt.

Allerdings sind unverändert umfangreiche Prüfungen nötig, von Schallmessungen über die Kartierung von Vögeln und Fledermäusen bis hin zu Vogelschutz, Bodenschutzgutachten und vielen anderen Untersuchungen.

Wann könnte der Bau beginnen?

Planungen, Untersuchungen, Genehmigungsverfahren, Beschaffung von Bauteilen und die Beauftragung verschiedener Arbeiten – bis zu einem möglichen Baustart könnten aus Sicht von Dirk Ihmels bestenfalls dreieinhalb Jahre vergehen. Im Schnitt dauern solche Verfahren in Deutschland bislang aber eher sechs bis sieben Jahre. Planungen für einen vergleichbar großen Windpark an der Bundesstraße 3 zwischen Gronau und Elze laufen allerdings schon seit rund zehn Jahren. Zwar ist zuletzt deutlich Bewegung in die Sache gekommen, ein Baubeginn ist aber noch nicht in Sicht.

Wie reagierten die Zuhörer?

Erstaunt waren die Initiatoren des Windparks von der geringen Resonanz. Nur zwölf Zuhörerinnen und Zuhörer kamen am Mittwochabend ins Einumer Ortsgemeinschaftshaus, obwohl das Thema auf der Tagesordnung stand und sich in den umliegenden Orten durchaus herumgesprochen hatte. Nur ein Besucher merkte kritisch an, auch aus weiterer Entfernung würden ihn die Rotorengeräusche von Windrädern stören.

Ortsratsmitglied Thomas Epp (CDU), der ansonsten viel Sympathie für die Windenergie offenbarte, monierte, dass die von Innovent versprochene „bedarfsgesteuerte Nachtkennzeichnung“ – es blinkt nur, wenn tatsächlich ein Flugzeug vorbeifliegt – der Windräder nördlich von Einum immer noch nicht umgesetzt sei. Ihmels räumte das ein, verwies aber auf die Deutsche Flugsicherung. Diese müsse den Windpark noch „befliegen“, darauf warte man schon lange. Innovent habe die Technik längst installiert.

Einums Ortsbürgermeister Simon Bauermeister (CDU) äußerte sich indes sehr positiv zu dem Projekt, auch aus dem Publikum gab es mehrheitlich Applaus.


Kommentar: Jetzt muss sich zeigen, ob es wirklich schneller geht

Im Landkreis Hildesheim sind aktuell gut 0,5 Prozent der Gesamtfläche für Windenergie ausgewiesen. Doch längst nicht in allen diesen Gebieten stehen auch Windräder. Von den 1,5 Prozent, die Niedersachsen beisteuern soll, ist die Region aktuell weit entfernt, erst recht von den ab 2030 vorgesehenen 2,2 Prozent. Die Windkraft gilt als zentraler Baustein der Energiewende, für die Stromproduktion ebenso wie langfristig für die Herstellung grünen Wasserstoffs.

Gute lokale Initiativen

Vor diesem Hintergrund ist es gut, wenn sich örtliche Grundeigentümer zusammentun und große Projekte planen. Weil es wirtschaftlich die Region stärkt – und weil solche Gruppen in aller Regel mehr Rücksicht auf die Belange ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger legen als große Konzerne.

Zeigen, dass es ihnen ernst ist

Das heißt nicht, dass der Windpark zwischen Hildesheim und Ottbergen auf jeden Fall genehmigt werden muss. Im Gegenteil: Es ist richtig und wichtig, Folgen für Mensch und Umwelt gut zu analysieren, bevor man entscheidet. Was aber wichtig ist: Es muss Tempo her. Bund und Land haben versprochen, die Genehmigungsfristen für Windkraft-Projekte deutlich zu verkürzen, und das ist auch dringend nötig. Beim Großprojekt „Ilse“ können und müssen Kommunen, Landkreis und andere beteiligte Behörden zeigen, dass sie das umsetzen können – egal ob sie für oder gegen das Vorhaben entscheiden. Denn Klimaschutz und Energiewende haben sich auch Landrat, Bürgermeister und Kommunalpolitiker vor Ort ganz groß auf die Fahnen geschrieben. Nun können sie zeigen, dass das Thema wirklich Priorität hat.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.