Kreis Hildesheim - Die Jägerschaft Hildesheim hat im Mai und Juni insgesamt 26 Rehkitze mit der Wärmebildkamera einer eigens angeschafften Drohne aufgespürt und vor dem Mähtod bewahrt. Das geht aus der Bilanz von Matthias Mordeja, dem Leiter des Drohnenteams der Jäger, hervor. Das neue Fluggerät war die erste Saison im Einsatz – und zwar insgesamt 18-mal in aller Frühe. Denn morgens waren die 50 überflogenen Wiesen mit einer Gesamtfläche von rund 200 Hektar noch nicht von der Sonne aufgeheizt und die Wärme der Kitze hob sich für die Kamera noch gut erkennbar von der Umgebung ab. Zu späterer Stunde ist das nicht mehr der Fall. Das Ziel Mordejas für das nächste Frühjahr ist, für vier bis sechs Wochen täglich ein Team von einem Drohnenpiloten und zwei Helferinnen oder Helfern vorzuhalten – trotz Berufstätigkeit.
Jagdstrecke in den vergangenen Jahren auf ähnlich hohem Niveau
Den 26 geretteten Kitzen stehen kreisweit insgesamt 3395 getötete Rehe im Jagdjahr 2022/23 (1. April bis 31. März) gegenüber – das ist die Bilanz der Jagdstrecke, wie die Jäger sie nennen. In den beiden Vorjahren lag die Zahl ähnlich hoch: bei 3415 im Jagdjahr 2020/21 und 3173 in der Saison 2021/22. Viele der getöteten Rehe verendeten als sogenanntes Fallwild nach Unfällen, die meisten wurden aber von Jägerinnen und Jägern erlegt. Wie passt das zusammen, fragt sich mancher Außenstehende: 26 Rehkitze mit großem Aufwand gerettet – um dann mehr als die hundertfache Zahl von Rehen zu erschießen?
Jörg Haschke, einer der Pioniere der Kitzrettung per Dohne in der Region, begründete das am Rande eines Einsatzes auf einer Wiese bei Lamspringe, gegenüber der HAZ so: Die wichtigste Motivation sei, den Rehkitzen Qualen zu ersparen. „Eine Kugel aus dem Gewehr spüren sie kaum“, sagte Haschke. „Aber nach Verletzungen durch Mähgeräte dauert es oft Stunden, bis sie verenden.“
Erheblicher Schaden in Wäldern durch Rehe und andere Wildtiere
Die Niedersächsischen Landesforsten weisen auf der anderen Seite auf die Notwendigkeit hin, den Bestand von Rehen und anderen Wildtieren durch Jagd zu regulieren. Denn sie richten erheblichen Schaden in den Wäldern an, indem sie Keimlinge, Knospen, Triebe oder die Rinde junger Bäume fressen. Die sterben dann oft ab – und die Mühen für die Aufforstung in Zeiten ausgeprägten Waldsterbens sind dann vergeblich. Das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass landesweit etwa 60.000 Hektar Wald wieder aufgeforstet werden müssen, weil sie zum Beispiel durch das gravierende Fichtensterben, durch Sturmschäden, Trockenheit oder andere Einflüsse geschädigt sind. Um die Jagd vor allem auf Schalenwild wie Rehe zu erleichtern, wurde im vergangenen Jahr das Niedersächsische Jagdgesetz geändert. Seitdem haben Jägerinnen und Jäger noch deutlich mehr Spielraum und Flexibilität, an sogenannten Verjüngungsflächen im Wald zu deren Schutz mehr Rehe zu erlegen.
