Kreis Hildesheim - Ich bin dann mal weg: Als Hape Kerkeling vor fast 20 Jahren unter diesem Titel ein Buch über seine Pilgererfahrungen veröffentlichte, katapultierte er den Jakobsweg damals auch in das Bewusstsein vieler Menschen, die bis dahin nichts mit Pilgern am Hut hatten. Mittlerweile ist es quasi „in“: Besonders das letzte Teilstück des Weges zum Grab des Heiligen Jakobus, eines der zwölf Apostel, im spanischen Santiago de Compostela hat sich fast zu einer „Partymeile“ mit Rummel, Trubel und Gedränge entwickelt. So empfand es Barbara Fahlbusch-Eisheuer aus Emmerke, als sie den Weg vor einigen Jahren erneut ging, gemeinsam mit ihrer Schwester.
Braunschweiger Jakobsweg ist 270 Kilometer lang
Mittlerweile weiß sie: Der eigentliche Sinn des Pilgern lässt sich viel besser auf dem Braunschweiger Jakobsweg erleben, der auch durch das Hildesheimer Land führt. Auf ihm ist sie als eine von rund 30 Pilgerbegleiterinnen und -begleitern im Einsatz, die Menschen auf Etappen der insgesamt 270 Kilometer langen Strecke zwischen Magdeburg und Höxter mitnehmen. Was ist der Sinn des Pilgerns? In einem Flyer zum Braunschweiger Jakobsweg wird es mit folgenden Worten beschrieben: „Manchmal scheint es, als sei das Leben und die Welt um einen herum aus dem Takt gekommen. Dann sehnen wir uns danach, wieder unseren Rhythmus und unsere Ruhe zu finden.“ Das wird beim Pilgern auf vielfältige Weise angestrebt: „Gespräche und Schweigen, Singen und Lachen, zügigen Schrittes vorangehen und staunend verharren.“
Dazu ist der Jakobsweg im Hildesheimer Land bestens geeignet, findet Fahlbusch-Eisheuer und hat zum Beispiel die Strecke von Diekholzen nach Wrisbergholzen vor Augen: „Das ist ein unglaublich schöner Weg.“ Und er kann beim Pilgern gewissermaßen zu einer Freiluft-Kirche werden. In die herkömmlichen Gotteshäuser zieht es zwar immer weniger Gläubige. Die Sehnsucht nach Spiritualität sei aber ungebrochen, meint die Pilgerbegleiterin und erinnert an einen Satz des verstorbenen Hildesheimer Bischofs Josef Homeyer: Der sprach einmal von der „Verdunstung des Glaubens“. Soll heißen: Der Glaube ist nicht weg, auch wenn die Kirchen nur noch spärlich bevölkert sind und viele den Amtskirchen den Rücken kehren. Er lässt sich nur anders nieder. Zum Beispiel im Pilgern.
„Abspannen, Abschalten, Vor- und Nachdenken“
Früher, im Mittelalter, hatte das noch andere Hintergründe – zum Beispiel im Rahmen von Ablasshandel: Reiche bezahlten Arme dafür, dass sie quasi ihre Sünden mit auf die Pilgerwege schleppten und für ihre Auftraggeber abbüßten. Dem schob die Reformation einen Riegel vor. Das Bedürfnis zu pilgern blieb, der Wunsch nach „Abspannen, Abschalten, Vor- und Nachdenken“, wie es im Flyer heißt.
Der Braunschweiger Jakobsweg geriet zwischenzeitlich in Vergessenheit. Er wurde von Dieter Prüschek reaktiviert. Er kümmerte sich zum Beispiel um Ausschilderung und Karten. Hört sich einfach an, war es aber nicht, wie Barbara Fahlbusch-Eisheuer weiß: „Da gab es viele Probleme mit Genehmigungen.“ 2013 wurde der Pilgerweg dann offiziell eingeweiht. Das Pilgerprogramm der geschulten Begleiterinnen und Begleiter bietet heute viele Ansatzpunkte, den Weg zu erschließen. Die Emmerkerin bietet zum Beispiel regelmäßig Feierabendpilgern mit verschiedenen Themen vom Hildesheimer Dom zum Kloster Marienrode an, am 29. Mai unter dem Motto „Maifreude“, am 22. August unter dem Titel „Der Sommer neigt sich – Loslassen, Vorfreude auf das Neue“. Am 31. August gibt ein Psalm das Thema einer Tour von Ottbergen zum Dom vor: „Lass jubeln alle Bäume“. Auf solchen längeren Strecken sind die Begleitungen meist zu zweit oder zu dritt. Für die jeweiligen Wege erarbeiten sie jeweils eine kleine Liturgie.
Auch wenn Barbara Fahlbusch-Eisheuer den Weg durch das Hildesheimer Land liebt, denkt sich gern an Pilgertouren zurück, als sie selbst „mal weg“ war. „Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela hat mich nie wieder losgelassen“, erzählt sie. Das gilt auch für den 850 Kilometer langen Küstenweg in Nordspanien, den sie anlässlich ihres 60. Geburtstages allein mit Gepäck bewältigte: „Das war richtig, richtig klasse. Diese Erfahrungen haben mein Leben sehr bereichert.“
Das Pilgerprogramm für den Braunschweiger Jakobsweg kann hier heruntergeladen werden.
