Ganz großes Tennis

Jede Wette, das wird der neue Kult in Hildesheim: So hat man Karaoke noch nie erlebt

Hildesheim - Auf der großen Bühne stehen und von einem Orchester begleitet werden: Diesen Traum haben offenbar viele. Das tfn hat ihn mit einem ganz besonderen Karaoke-Event wahr werden lassen. Ein furioser Abend, der nach Fortsetzung ruft.

Emilie und Claudi singen das erste von zwei Abba-Medleys an diesem Abend im Hildesheimer Theater. Sogar ein paar Choreos von Agnetha und Anni-Frid haben sie auf Lager. Foto: Moritz Frankenberg

Hildesheim - Das Orchester kommt herein, beginnt, die Instrumente zu stimmen – alles ist wie immer bei klassischen Konzerten. Wirklich alles? Nicht ganz! Dass das Programm des Abends hinten auf eine große Fläche projiziert wird, ist ebenso ungewöhnlich wie die Namen darauf: Abba, Village People, Coldplay. Dass am Dirigentenpult ein Keyboard steht, passt auch nicht ins gewohnte Bild, ebenso wenig wie der Monitor am vorderen Bühnenrand. Wollen die beim Musikmachen Fernsehen gucken? Nichts da, heute gibt es Karaoke. Nicht wie sonst zur Konserve, sondern live mit Orchesterbegleitung. Zweieinhalb Stunden sieht man nur noch glückliche Gesichter. Prädikat: absolut kultverdächtig.

Die ersten Takte des Dienstagabends im tfn klingen noch ganz klassisch. Doch bald erscheint hinter den Musikerinnen und Musikern der Text von „House of the Rising Sun“, ein Mann in einem abgefahrenen Texmex-Anzug kommt herein und beginnt zu singen – so herzergreifend schief, dass einem ganz warm wird ums Herz. Als das Stück vorbei ist, brandet Applaus auf. Aber das ist nur der Anfang. Von jetzt an geht es steil bergauf.

Sofort sind alle per Du

Der Mann im Anzug ist Philipp Wegerer, Musikdramaturg am tfn, heute Moderator und offenbar Karaoke-Fan. So, wer möchte denn jetzt mal auf die Bühne kommen und es selber probieren? 18 Songs, darunter drei Medleys, stehen zur Auswahl. Wer damit gerechnet hat, dass ein so großes Podium eine gewisse Scheu einflößt, hat sich getäuscht. Die Leute im gut gefüllten Parkett sind nicht gekommen, um zuzuhören. Sie wollen singen. Sofort gehen die ersten Hände hoch.

Gerhard, ein Mann in den besten Jahren, mit weißen Haaren und weißem Bart, hat am schnellsten den Arm oben. Wegerer sogleich führt das kollektive Du ein und stellt die entscheidende Frage: „Was willst du singen?“ „My Way“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Ein Raunen geht durchs Parkett, gleich das ganz große Tennis!

Wegerer nickt Dirigent Stefano De Laurenzi zu, „Nummer 4 bitte“. Gerhard steht seelenruhig da, die linke Hand auf dem Bauch und legt los: „And now, the end is near, and so I face the final curtain.“ Was für eine Stimme. Und was für ein Feeling! Gerhard hat Sinatras Phrasierungen verinnerlicht, die kleinen Verzögerungen einzelner Worte, es ist unglaublich. Als er aufhört, bricht ein Jubelsturm los, so laut, dass man des Outro des Orchesters kaum noch hören kann.

Choreos wie bei Agnetha und Anni-Frid

Lars, ebenfalls mit weißen Haaren, ist der Nächste. Er wählt Nummer 9, „I Do It For You“ von Bryan Adams, singt mit Seele, geschlossenen Augen und großen Gesten. Die Einsätze, die De Laurenzi ihm gibt, sieht er nicht, braucht er nicht. Lars ist eins mit der Musik. Das Gleiche gilt für Claudi und Emilie, einige Jahrzehnte jünger, die sich ein Abba-Medley aussuchen. Bei „Mamma Mia“, „SOS“ und „Dancing Queen“ sind sie in ihrem Element, sogar ein paar Choreos von Agnetha und Anni-Frid haben sie drauf. Der Saal tobt.

Und so geht es Schlag auf Schlag, mit Leonard Cohen, Queen, Green Day und anderen Gassenhauern. Wegerer hat seine liebe Mühe, bei der Auswahl der Sängerinnen und Sänger gerecht zu sein – so groß ist der Andrang. „Hier, hier, hier!“, ruft es aus den hinteren Reihen des Saals. Ein Pärchen macht Schnick-Schnack-Schnuck, um zu klären, wer auf die Bühne darf.

Publikum hilft zurück in die Spur

Das alles macht fast zu viel Spaß, um wahr zu sein. „The Time of My Life“ singt ein Paar im Duett, komplett mit Tanzeinlage, Flirten und Anschmiegen. Und wenn zwischendurch doch mal etwas schief geht, zum Beispiel, weil versehentlich der Texteinsatz falsch angezeigt wird (bei einem Live-Orchester geht das nicht automatisch, sondern nur von Hand), hilft der vereinte Chor des Publikums, wieder in die richtige Spur zu kommen.

Arthur Geffert, altgedienter tfn-Mitarbeiter am Einlass, staunt Bauklötze: „Ich bin schon seit 20 Jahren hier, aber diese Leute habe ich alle noch nie gesehen.“ Gäste haben ihm erzählt, sie seien extra aus Hamburg und Münster angereist. Auch eine ganze Busladung voller Karaoke-Fans ist wohl gekommen – woher, weiß er aber nicht. tfn-Intendant Oliver Graf strahlt übers ganze Gesicht. Er hatte ein Orchester-Karaoke in einer anderen Stadt erlebt, und danach war ihm sofort klar: „Das müssen wir auch machen.“

Die nächsten Termine

Zum Glück sind in der kommenden Spielzeit weitere Termine geplant, am 13. September und 6. Februar. Jede Wette, das Haus wird ausverkauft sein, denn diese irre Geschichte wird sich verbreiten wie ein Lauffeuer. Und vielleicht wagt sich beim nächsten Mal sogar jemand an Enrico Carusos „O sole mio“.

  • Hildesheim
  • Hildesheim