Kolumne „Unter uns“

Jens Spahn und die Leihmutterschaft: Und plötzlich sind die moralischen Bedenken verschwunden

Hildesheim - Seit die Nachricht in der Welt ist, dass Jens Spahn und sein Mann Eltern geworden sind, kocht die Debatte über Leihmutterschaft – und über die Diskrepanz zwischen Spahns bisherigen Äußerungen und seinem tatsächlichen Verhalten. Offenbar kann man seine moralischen und konservativen Werte schnell vergessen, wenn sie dem eigenen Leben im Weg stehen, wundert sich HAZ-Kolumnistin Katharina Brecht.

In der neuen HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller abwechselnd zu Themen, die sie bewegen. Foto: HAZ

Hildesheim - Kinder von Leihmüttern könnten „besondere Schwierigkeiten bei der Selbstfindung“ haben, hieß es noch 2020 von Jens Spahn – außer natürlich, er selbst ist einer der Väter. Getreu dem Adenauer-Zitat „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ lassen sich konservative Einstellungen offenbar von einem auf den anderen Tag vergessen, liebe Julia. Juristisch strafbar ist die Leihmutterschaft für Spahn und seinen Partner nicht, sie sind ja den Umweg über die USA gegangen, wo das erlaubt ist. Politisch ist der Fall dennoch brisant. Denn der CDU-Politiker hat sich in der Vergangenheit mehrfach parteitreu für ein Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland eingesetzt. Diesmal führte der Skandal – anders als seine bisherigen, ich sag nur Maskenaffäre, Villa und Co. – dazu, dass Spahn seinen Posten als Fraktionsvorsitzender geräumt hat. Am Hungertuch nagt er nun aber sicher trotzdem nicht, er bekommt seine regulären Abgeordnetenbezüge schließlich weiterhin.

Doch während der 46-Jährige zu Hause Windeln wechselt und Fläschchen gibt, steht eine nicht minder wichtige Frage im Raum. Kann Leihmutterschaft jemals frei von Ausbeutung sein? Nicht nur Konservative stehen dem Konzept kritisch gegenüber, auch aus feministischer Sicht gibt es immense Bedenken. So sind Leihmütter laut einem UN-Bericht häufig einkommensschwächer und auch sozial schlechter gestellt als die Menschen, die sie beauftragen. Wie frei kann die Entscheidung, auf diese Weise Geld zu verdienen, also sein? Es entsteht doch zwangsläufig ein Machtgefälle. Ich musste bei der Debatte auch an die Serie „Handmaid’s Tale“ denken, die ich gerade schaue. Darin werden Frauen in einer dystopischen Zukunft ihrer Körper, ihrer Rechte und ihrer Selbstbestimmung beraubt, um als Gebärmaschinen Kinder für privilegierte Paare auszutragen. Klar, Leihmutterschaft ist nicht automatisch so erzwungen und verheerend wie in dem Stoff von Margaret Atwood, auf dem die Serie basiert. Aber die fiktive Handlung berührt genau die Angst, die auch die aktuelle Leihmutterschaftsdebatte so auflädt: Dass Frauenkörper verfügbar gemacht werden für die Wünsche anderer. Ich verstehe, dass man mit starkem Kinderwunsch auch ungewöhnliche Lösungen in Betracht zieht. Und trotzdem müssen wir unbedingt über die Frau sprechen, die ihren Körper gegen Geld für die Familienplanung anderer zur Verfügung stellt – und dafür ihre Gesundheit, Schmerzen und Gefühlschaos riskiert.


In der Kolumne „Unter uns“ schreiben die HAZ-Redakteurinnen Katharina Brecht und Julia Haller im Wechsel über Themen, die nicht nur Frauen um die 30 bewegen.

  • Hildesheim
  • Hildesheim