Literatur aus Hildesheim

Jo Köhler: Kunst muss sich den Menschen in den Weg stellen

Hildesheim - Serie „Wer schreibt denn da?“: Jo Köhler gilt als heimlicher Lyrikpapst von Hildesheim. In einem neuen Band „Grenzseitig“ hat er jetzt 100 Gedichte und Essays veröffentlicht.

Jo Köhler hat sich in Hildesheim vor allem durch seine augenfälligen Lyrikprojekte an Bushaltestellen und Kirchenmauern bekannt gemacht. Foto: CHRISTIAN GOSSMANN

Hildesheim - Scheitern ist nicht das Gegenteil von Erfolg – es ist ein Teil davon. So gesehen, muss Jo Köhler oft gescheitert sein. Umfasst sein literarisches Werk mittlerweile doch 1000 Gedichte und Essays, Erzählungen sowie einen Roman. Und gerade jetzt hat er wieder einen Band mit 100 Gedichten und Essays veröffentlicht. „Das wiederholte Scheitern, die so oft vergebene Liebesmüh, die Widerständigkeit so vieler Dinge des Lebens war mein Kapital, mein Brennstoff – und ist es bis heute“, sagt der 61-Jährige, der sich selbst gern als „Mensch beziehungsweise Dichter“ vorstellt.

Mehr als eine Million Fördergelder eingeworben

Und tatsächlich könnte man ihn auch so etwas wie den Lyrikpapst von Hildesheim nennen, der als Initiator und Vermittler der Wortkunst unermüdlich im Einsatz ist. Gerade erst hat sein von ihm gegründetes Literaturforum sein 25-jähriges Bestehen gefeiert. Mehr als eine Million Fördergelder hat er seit 1996 für die Projekte einwerben können: Gedichte an Bushaltestellen und Kirchenmauern, Hildesheimer Lesezeichen, Lyrik-Installationen im Park oder Schreibworkshops in Schulen.

„Kunst muss sich den Menschen in den Weg stellen.“ Er lenkt den Blick beharrlich auf die Worte und vor allem auf den Raum zwischen den Zeilen. Für sein vorbildliches Engagement ist Köhler – neben anderen Preisen – von der Stiftung Lesen unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten ausgezeichnet worden.

Vorgeschmack auf Einheit des Seins

Was ein Gedicht vermitteln kann, das sei keine Theorie, keine Denk- oder Weltanschauung. „Sondern eine ganz eigene Wahrnehmung der Schönheit der Dinge, man könnte auch sagen: ein Vorgeschmack auf die Einheit des Seins“, so formuliert es der gebürtige Hildesheimer. Für ihn sei das Schreiben, das Dichten keine Schule, die sich lernen ließe.

„Was ich Poesie oder angewandte Lyrik nenne, realisiert sich paradoxerweise erst in dem Nicht-Realen und findet vor allem Resonanz in einem Bereich der Seele, die nicht dem Intellekt angehört“, sagt der Autor mit der wohltemperierten Stimme, den die meisten unzertrennlich mit einem dunklen Hut auf dem Kopf kennen.

Scheinbar Unnütze kultivieren

Als Kind bekam er von seinem Vater oft die Botschaft zu hören, er wäre ein Nichtsnutz, tauge für nichts. Für den ehemaligen Eis-Fabrikanten aus Groß Lobke habe die Welt eben aus Fortschritt, Erfolg und Effizienz bestanden. Nicht so für den Sohn. In seiner Welt zählen seit jeher Werte wie Müßiggang, Rückzug, Insichgekehrtsein. Dieses scheinbare Unnütze zu kultivieren, dass treibt ihn an. Und ja: Auch eine Grundgelassenheit, dass sich viele Dinge schon regeln werden. Er habe sich nie Gedanken gemacht, wovon er leben solle, sondern wofür: „Dann ergeben sich die Dinge.“ Eine Einstellung, die man sich leisten können muss. Aber unternehmerisches Denken sei ihm nicht fremd – da haben die Gene und ein angefangenes Betriebswirtschaftsstudium doch resistente Spuren hinterlassen.

 „Literatur und Poesie legen etwas Verborgenes offen“

Um sich ganz der Literatur widmen zu können, dafür musste Köhler bis in die 90er Jahre jobben: Taxi fahren oder Waren ausliefern. So hatte er genügend Beinfreiheit im Alltag. „Vor allem faszinierte mich schon immer der Umgang mit dem Unsagbaren und das Erschaffen von dichterischen Lebensräumen.“ In der Poesie finden für ihn als Dichter alle Ebenen des Daseins zueinander – selbst die, die am weitesten voneinander entfernt sind, so sagt er. „Literatur und erst recht die Poesie hat für mich immer etwas Fraktales – wie an einer Abbruchkante, die etwas Verborgenes offenlegt.“

Passend dazu, hat der 61-Jährige seinen neuen Band „Grenzseitig“ genannt. In den Gedichten und Essays äußert sich Köhler erstmals auch zu ganz aktuellen Themen: Da geht es um Willkommenskultur, Corona-Ausnahmezustand, Sprachpolizei, Europäische Union, Kontaktbeschränkungen, Informationssysteme oder Political Correctness. Das wird inhaltlich gestreift, ohne belehrend zu wirken. Vielmehr lässt der Autor die Deutung offen, setzt gern Fragezeichen zum Schluss. „Eine Kunst, die alle Erwartungen erfüllt, ist keine. Eine Politik dagegen schon“, so heißt es in seinem Gedicht „Kolon“. Auch geht es bei ihm um Wertschätzung, Glaube, Träume, Schweigen, Nähe und natürlich Liebe. Köhler, der inzwischen Großvater einer Enkelin ist, hat das Buch seiner Ehefrau Margarethe gewidmet.

Jeder Ort hat eigenen Seelenzustand

Die Sammlung von Gedichten und Essays sollte nicht hintereinander weggelesen werden, sondern man sollte sich in Sequenzen auf Köhlers Gedanken einlassen, ihnen Raum und Ruhe geben. „Jeder Ort auf der Welt hat nach innen betrachtet seinen eigenen Seelenzustand, und wenn man ihn betritt, geht er auf einen über. So ähnlich ist es auch mit dem Lesen – mit dem Wahrnehmen von Gedichten“, vergleicht der Autor. Und fügt hinzu, dass global betrachtet nichts so ressourcenschonend und friedfertig sei wie sie, da sie sich weder ökonomisch noch ideologisch ausbeuten lassen. Wer will da noch von Scheitern sprechen.

Jo Köhler, Grenzseitig, 178 Seiten, BoD, Norderstedt 2021,ISBN 9783754306284, 17,99 Euro.

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