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Jugendliche machen in Hildesheim Theater – gleich mehrere Premieren an zwei Tagen

Hildesheim - An diesem Wochenende gehörte das Theater in Hildesheim voll und ganz den Jugendlichen. Gleich mehrere Premieren waren am Freitag und Samstag im tfn zu erleben. So sind sie gelaufen.

Der tfn-jugendchor, das symphonische Blasorchester der Musikschule Hildesheim und die Band von St. Lamberti haben sich zusammengetan, um von dem Feuer zu erzählen, das 1847 die Stadt Bockenem zerstört hatte. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - An diesem Wochenende gehörte das Theater voll und ganz den Jugendlichen. Vom Rockmusical über ein Stück von Kindern und Theater in Leichter Sprache bis zur szenischen Auseinandersetzung mit dem Druck, den Jugendliche heute aushalten müssen: Gleich vier Premieren waren am Freitag und Samstag im tfn zu erleben.

Mit einer mitreißenden Erzählung über verbotene Liebe und die erdrückenden Mauern einer engstirnigen Stadt machte das Musical „liebe und feuer“ den Auftakt. Am Freitag konnte ein voll besetzter Saal das bestaunen, was Jugendliche aus ganz Hildesheim in harter Arbeit erprobt haben. Der tfn_jugendchor, das symphonische Blasorchester der Musikschule Hildesheim und die Band von St. Lamberti haben sich zusammengetan, um von dem Feuer zu erzählen, das 1847 die Stadt Bockenem zerstört hatte.

Es geht um Liebe und Vorurteile

Fast 50 Jugendliche füllten an diesem Abend die Bühne. Sie haben wochenlang ihre Abende für die Proben geopfert, erzählt Achim Falkenhausen, der die Gesamtleitung übernimmt. In dem Musical von Stefan Wurz und Martin Doll geht es um die junge Liebe zwischen den Handwerkerkindern Jule und Max sowie der Kaufmannstochter Amalie und Maurer Josef. Beide ergänzen die Darbietungen des Jugendchors durch gekonnte Duette, wobei Lena Prätorius (Amalie) und Torben Kirchner (Josef) beeindruckende Harmonien erklingen lassen. Die Liebespaare und die restliche Jugend singen „zu eng sind hier für mich die Wände und die Gedanken in den Köpfen“. Sie versuchen, den vorurteilsbehafteten Ansichten der elterlichen Generation und den Klassenunterschieden zu entkommen und werfen die Frage auf, ob es erst zu einer Katastrophe kommen muss, bevor sich etwas ändern kann.

Mit einer märchenhaften Ouvertüre und deren dynamisch-emotionaler Darbietung konnten die Band und das Orchester das Publikum sogleich in ihren Bann ziehen und beweisen, welch eine Klangfülle ein voll besetztes Orchester zu bieten hat. Gleichzeitig beeindruckt das Ensemble mit seiner Bandbreite, denn während verträumte Melodien von tiefen Bläsern und hellen Glockenspielern getragen werden, sorgen gekonnte Genrewechsel zu poppigen Stücken mit Schlagzeug und E-Gitarre für dramatische Stimmung. Der inhaltliche Bruch zwischen Tradition und Moderne findet sich also auch in der Begleitung wieder. Die jungen Musikerinnen und Musiker lassen es sich auch nicht nehmen, die Schrecken der Feuersbrunst, die Bockenem überfällt, mit experimentellen Klängen zu untermalen, die das Chaos und die Verzweiflung der Bürgerinnen und Bürger transportieren. Dass die Instrumentalisten mit Leidenschaft spielen, ist nicht zu überhören. Schlagzeuger Timo Brülls betont nach der Vorstellung, die Stellen, an denen er sich von der Musik treiben lassen und den Kopf ausschalten könne, seien die Besten.

Drei Institutionen beteiligt

Dass diese Kooperation zwischen gleich drei Hildesheimer Institutionen für Begeisterung sorgt, ist anhand der minutenlangen Standing Ovations nicht zu überhören. Zuschauer Markus Knapp (53), der extra aus Hannover angereist ist, sagt, er sei völlig hin und weg, obwohl das sein erster Musicalbesuch sei.

Wer sich selbst von dem Jugendmusical überzeugen will, hat noch am 23. Juni die Gelegenheit dazu. Um 19 Uhr geben der Jugendchor, das Orchester der Musikschule und die Band von St. Lamberti ihre zweite und für diese Spielzeit letzte Aufführung im Großen Haus im tfn.

Jugendclub des tfn zeigt „Mein Ventil“

„Es geht mir gut. Es geht mir gut.“ Mantraartig wiederholen die jungen Darstellerinnen und Darsteller diesen Satz; zunächst leise, dann immer verbissener, bis schließlich die verzweifelte Erkenntnis folgt: „Es geht mir nicht gut!“ Am Samstagabend feiert der Jugendclub des Theaters für Niedersachsen im gut besuchten thim die Premiere von „Mein Ventil“. In der etwa einstündigen Szenencollage thematisieren die 13 jungen Darstellerinnen und Darsteller den gesellschaftlichen, schulischen und inneren Druck. Textsicher setzen sie dabei alltägliche Situationen wie die Angst vor einer Klassenarbeit oder die hohen Erwartungen der Eltern und Großeltern in Szene. Auch körperliche Grenzüberschreitungen oder Panikattacken werden durch Gruppenchoreographien eindrücklich dargestellt. Das minimalistische Bühnenbild funktioniert fast ausschließlich über farbiges Licht und einzelne Requisiten. Dennoch entstehen effektvolle Bilder, wenn sich die Jugendlichen unter einer transparenten Folie verstecken, die im violetten Bühnenlicht schimmert, oder wenn sie mithilfe von Luftballons Situationen untermalen, in denen sie innere Anspannung verspüren. Steigt das Druckgefühl, werden die Luftballons aufgeblasen. Manchmal findet sich dann ein Ventil, wie die Umarmung einer nahestehenden Person oder ein nettes Gespräch. In anderen Fällen platzen die Ballons; dann zerreißt der Knall die absolute Stille, die überwiegend unter den Zuschauenden herrscht. Im Kontrast zu den oft bedrückenden Erzählungen sticht vor allem eine humorvolle Szene heraus: Eine Person träumt von den Lästereien ihrer Schulkameraden. In einem inszenierten Filmstudio wird der Traum einstudiert und das Publikum wird durch Pappschilder mit Anweisungen zum Lachen und Applaudieren animiert. Den langen Applaus am Ende des Stücks spendet das Publikum dann aus eigenem Antrieb. Eine Zuschauerin äußert sich begeistert: „Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht.“

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