Die Reportage

Kein Tag ohne Küsse – Irmgard und Christian Kleeberg schworen sich vor 70 Jahren ewige Treue

Hildesheim - Gnadenhochzeit wird der 70. Hochzeitstag genannt. Diesen seltenen Hochzeitstag feiern Irmgard und Christian Kleeberg aus Hildesheim. Ein Paar, das keinen Tag ohne Liebe war.

Hildesheim - Was er seiner Irmgard zum Hochzeitstag schenkt? Christian Kleeberg steht neben seiner Frau in der Küche. Er schmunzelt und sagt: „Liebe!“ Dann zieht er seine Irmgard zärtlich an sich und küsst sie. Das erste Mal berührten sich ihre Lippen vor mehr als 70 Jahren. Irmgard ergriff damals die Initiative und überraschte damit den Mann, in den sie sich verliebt hatte. Seitdem gab es unzählige Küsse. Noch immer. Jeden Morgen und jeden Abend küssen sie sich, schlafen Hand in Hand ein. Am 7. Juli feiern Irmgard und Christian Kleeberg ihre Gnadenhochzeit. Ein seltenes Fest. So selten, dass es dafür kaum Glückwunschkarten gibt.

Es ist einfach so passiert

Irmgard Kleeberg

„Fragen Sie mich nicht, ob wir ein Rezept für so eine lange Ehe haben“, sagt Irmgard Kleeberg, geborene Findeisen. „Es ist einfach so passiert“, sagt sie und lacht. Wenn sie das tut, kann man sich gut vorstellen, wie sie wohl als junge Frau war. Ihr Lachen klingt echt, herzlich und immer noch jung, selbst wenn ihre einst brünetten Haare längst grau sind. Einen Tag vor ihrem 70. Hochzeitstag wird sie 93 Jahre alt. Ihr Christian hat am 20. Juli Geburtstag, seinen 95.

Schwerer Schicksalsschlag im Jahr 2020

Das Paar sitzt im Wohnzimmer seiner Parterre-Wohnung in der Feldstraße in Hildesheim. Sie auf der Couch, er direkt neben ihr in einem braunen Ledersessel. Der Ventilator sorgt für einen Luftzug an diesem warmen Tag. 1957 zogen sie in die Vierzimmerwohnung ein, in dem Jahr kam ihre „Große“ Ute zur Welt, 1964 folgte die „Kleine“ Elke. In der Wohnung ist es sehr aufgeräumt, kein Stäubchen auf der Schrankwand aus Kirschbaum oder auf dem dazu passenden Esstisch. Zu den Mahlzeiten, die Irmgard Kleeberg zubereitet, nehmen die beiden dort Platz. „Immer mit einer brennenden Kerze, dass Essen bringen wird mit einem Teewagen aus der Küche“, sagt Christian Kleeberg, der für seine nun bald 95 Jahre noch erstaunlich jung aussieht.

An einer Wand im Wohnzimmer hängt eine Collage aus Hochzeitsbildern der Kleebergs. Ein Geschenk zur diamantenen Hochzeit vor zehn Jahren von Tochter Ute, die 2020 starb. Ein schwerer Schicksalsschlag für die Eltern. Besonders bedrückt sie, dass sie sich wegen der Coronaauflagen damals nicht von ihrem Kind im Krankenhaus verabschieden konnten. „Zwei Tage vor Heiligabend war die Beerdigung“, erzählt Irmgard Kleeberg. Dabei ist ihr der Schmerz noch immer anzusehen.

Er hat meinen Brautstrauß von 1953 nachbinden lassen

Irmgard Kleeberg

Doch das Traurige in ihrem Gesicht löst sich auf, als sie von dem besonderen Geschenk ihres Mannes zur eisernen Hochzeit erzählt. „Er hat meinen Brautstrauß von 1953 nachbinden lassen“, sagt sie. Da habe sie vor Rührung geweint. Überhaupt, ihr Mann hat sich einiges einfallen lassen, um sie zu überraschen. Die Seniorin erinnert sich an eine Öllampe, die sie in einem Geschäft gesehen hatte und die ihr so gefiel. Als sie sich entschlossen hatte, Geld für dafür auszugeben, war es verkauft. Sie bekam es von ihrem Mann zu Weihnachten. Oder die Sache mit dem Zahnarzt. Eigentlich sollte Christian Kleeberg eine Behandlung mit höherer Zuzahlung bekommen. Doch er hatte in einem Geschäft in der Scheelenstraße einen Ring gesehen, den er seiner Frau schenken wollte. Da sagte er zum Arzt, er wolle nur die einfachere Behandlungsvariante. Irmgard Kleeberg hält die linke Hand hoch: „Das ist der Ring!“

Irmgard und Christian Kleeberg heirateten – wie schon seine Eltern Werner und Meta – am 7.7. „Aus Kostengründen“, sagt er. Die Eltern feierten an dem Tag 1953 silberne Hochzeit, das junge Paar seine grüne. Zehn Jahre später bekam Meta Kleeberg von ihrem Mann einen riesigen Blumenstrauß zum Hochzeitstag. „Und ich nur eine einzelne Rose“, erinnert sich Irmgard Kleeberg. Aber die hatte es in sich. In der Blüte hatte ihr Mann einen Brillantring versteckt. Doch diese Gesten allein sind kein Garant für eine lebenslange Liebe. „Die beiden mögen sich von Grund auf“, erklärt Hubert, der jüngste der insgesamt vier Kleeberg-Geschwister, die alle noch am Leben sind.

„Ich weiß gar nicht, was ich an meinem Mann nicht mag“, sagt Irmgard Kleeberg. Als seine Frau in der Küche einen Kaffee aufsetzt, denkt Kleeberg über die Frage kurz nach. Dabei streicht sein Daumen über den Stoff seines gestreiften Polohemdes. Er möge alles an ihr, ihr ganzes Wesen, sagt er. Und: „Sie ist ein Stück von mir. Wenn mal einer von uns gehen muss, glaube ich nicht, dass der andere noch lange hier sein möchte.“

Keine Liebe auf den berühmten ersten Blick

Dabei war es keine Liebe auf den berühmten ersten Blick. Die Eltern von Christian Kleeberg zogen mit ihren vier Kindern in eine Wohnung in einer Villa in Zschopau im Erzgebirge. Das Haus gehörte der Familie Findeisen, fünf Familien wohnten dort. Die Findeisens lebten mit ihren Zwillingen Lothar und Irmgard in Chemnitz und waren in den Ferien zu Gast bei der Oma. Nach dem Krieg, Vater Findeisen war gefallen, zogen sie ganz in das Familienanwesen. Christian Kleeberg freundete sich mit Lothar an, für dessen Schwester Irmgard hatte er noch gar keine Augen.

Mit den Mädchen hier kam ich nicht so klar

Christian Kleeberg

Die junge Frau kam ihm erst nach seiner Flucht 1947 nach Westdeutschland wieder in den Sinn. „Mit den Mädchen hier kam ich nicht so klar“, erinnert sich Kleeberg, der bei Bosch eine Anstellung gefunden hatte. Also schrieb er Irmgard. Sie schrieb zurück. Zwei Jahre ging das so und über die vielen Briefe wuchs die Zuneigung.

Einen dieser Briefe hat Irmgard Kleeberg bis heute aufbewahrt. „Zeig den doch mal“, sagt ihr Mann. Sie kichert und knufft ihn an den Oberarm. „Neee, der Brief wird nicht gezeigt.“ Nur so viel: Ihr Mann habe wirklich gute Briefe schreiben können. Doch irgendwann hat ihm das nicht mehr gereicht und er machte sich auf den Weg zu ihr. Für die damalige Ostzone hatte er einen Passierschein, nicht aber für das Erzgebirge, das damals Sperrgebiet war. Vorsorglich hatte Kleeberg Geld in seinem Schuhabsatz deponiert, falls er auf seiner Reise jemanden bestechen müsste. Und so kam es.

Wie kam es zum Antrag?

Um illegal in den Güterzug nach Aue zu gelangen, versteckte sich Kleeberg unter einem anderen Waggon. „Da kam ein Bahnmitarbeiter mit Laterne, der die Züge inspizierte“, erinnert sich der Rentner. Der Bahner leuchtete ihn an. „Mach die Lampe aus, dann kriegst du was“, zischte Kleeberg den Fremden an. Kleeberg gab ihm ein paar Scheine aus dem Absatzversteck. Beim Abfahren hechtete er in den Güterzug. Kurz vor Thalheim sprang er aus dem fahrenden Zug, dann ging es zu Fuß weiter. „Die Geschichte ist noch nicht zu Ende“, sagt Kleeberg und wieder streichen seine Daumen über den Stoff seines Hemdes. „Christian, erzähl doch nicht so viel“, sagt seine Frau. Kleeberg lässt sich nicht bremsen. Er erzählt weiter. Berichtet, wie er von Volkspolizisten gefragt wurde, wie er ins Sperrgebiet gekommen sei. „Mich hat keiner aufgehalten“, sagte er. Ob seine Zukünftige dieser Einsatz imponiert habe? „Das weiß ich nicht mehr“, gesteht sie. Auch an den Heiratsantrag erinnere sie sich nicht. „Doch, doch“, sagt er. „Ich habe ganz klassisch bei deiner Mutter um deine Hand angehalten. In einem Brief“, sagt er. Sie: „Den Brief habe ich nie gesehen.“ Er: „Bei denen war alles so ein bisschen reserviert.“

Das richtige Zusammenkommen hat es damals ja nicht gegeben

Irmgard Kleeberg

Nicht so zwischen den beiden jungen Leuten. Wobei: „Das richtige Zusammenkommen hat es damals ja nicht gegeben“, sagt Irmgard Kleeberg und wedelt, während sie das sagt, mit den Händen in der Luft. Die körperliche Nähe musste warten – mindestens bis zur Verlobung. Doch der erste Termin platzte. Christian Kleeberg kam mit ein paar Freunden nur bis Marienborn, dann hinderten sie russische Soldaten an der Weiterreise. Erst ein Jahr später, 1952, folgte der zweite Versuch. Erfolgreich. Für die Trauung, wieder ein Jahr später, hatte sich Irmgard ein langes weißes Kleid und einen Schleier von einer Freundin geborgt.

Die Tochter schwärmt von ihren Eltern

Die beiden passen zusammen wie Pott und Deckel

Elke Meyer, Tochter

In der St.-Lukas-Kirche in Garmissen versprach sich das Paar ewige Treue. „Für mich ist das wie ein Schwur. Das half über so manche Unebenheit hinweg“, sagt Christian Kleeberg. Dabei, so fügt er an, gab es keine Zeit, in der die Liebe zwischen den beiden nicht da war. „Die beiden passen zusammen wie Pott und Deckel“, sagt Elke Meyer. Die Tochter schwärmt von ihren Eltern, die so unkompliziert seien. Auch jetzt im Alter, wo sie Unterstützung benötigen. Elke Meyer sorgte dafür, dass eine Putzfrau sich um den Haushalt kümmert, ein „Goldschatz“ vom DRK begleitet das Paar zu Arztbesuchen, bügelt oder erledigt, was gerade anliegt, ein Pflegedienst unterstützt Christian Kleeberg bei der Körperpflege. „Das entlastet uns sehr“, erklärt Elke Meyer. Ihr Mann Mario geht einmal in der Woche mit den Senioren einkaufen. Dabei trennen sich die Wege der Rentner. Sie arbeitet ihre Einkaufsliste ab. „Und mein Vater trägt zusammen, worauf er Lust hat“, erzählt Elke Meyer. Dass die beiden auch im hohen Alter ihren Humor behalten haben, beweisen sie immer wieder, wie die Tochter erzählt. Etwa, als sie am vergangenen Rosenmontag der Pflegekraft die Tür öffneten. Beide trugen Pappnasen.

Schwanenpaar aus Klöppelspitze

Auf dem Weg in die Küche, um dort einen Kaffee aufzusetzen, zeigt Irmgard Kleeberg einige Klöppelarbeiten. Mit 50 Jahren hatte sie das Hobby für sich entdeckt. Nun wollen ihre Augen nicht mehr so und sie musste die Kunst aufgeben. Im Schlafzimmer hängt im Rahmen ein umschlungenes Schwanenpaar aus zarter Spitze, von ihr gefertigt. In der Küche, die den Charme der 1970er Jahre hat, mit orange-weißer Brotmaschine und orangener Arbeitsplatte, baumelt an der Speisenkammertür ein alter Hampelmann. Ebenfalls Kunst aus dem Erzgebirge. Sie zieht an der Kordel und die Figur streckt die Beine und die Arme in die Höhe. „Den bekommt mein Urenkel mal“, sagt sie. Leon wird im Oktober zwei Jahre alt. Trotz des Altersunterschiedes von mehr als 90 Jahren spielen sie mit dem Kleinen, wenn er zu Besuch ist.

Die Liebe zum Erzgebirge verbindet

Sie konnte laufen, wie eine Bergziege

Christian Kleeberg

Die Liebe zum Erzgebirge verbindet das Ehepaar. Christian Kleeberg gehört zu den Gründern des Erzgebirgsvereins in Hildesheim, er ist der Letzte, der noch lebt. Auch die meisten Freunde sind schon tot. „Das ist so, wenn man so alt wird“, sagt Kleeberg. Richtig traurig gewesen sei er, als er mit 85 Jahren das Wandern aufgeben musste. Das habe ihm immer so viel Freude bereitet, wie seiner Frau auch. „Sie konnte laufen, wie eine Bergziege“, sagt er. Nun gehen sie nur noch kleine Runden spazieren. Er am Rollator, sie mit Stock. Gibt es gar nichts, was die beiden an sich bemängeln könnten? Die beiden überlegen lange. „Sie räumt sehr schnell etwas weg“, sagt Christian Kleeberg schließlich. Seine Frau: „Und er räumt nie was weg.“

Zur eisernen Hochzeit wollten die Kleebergs noch einmal in der St.-Lukas-Kirche in Garmissen den Segen bekommen. „Da war aber Schützenfest und der Altar im Zelt aufgebaut“, berichtet Irmgard Kleeberg. Das Paar bekam den Segen im Festzelt und anschließend gab es Blasmusik.

Ihre Gnadenhochzeit feiern sie mit ihrer Familie, wohl ohne Blasmusik. Aber bestimmt mit einigen Küssen. Und am Abend werden Irmgard und Christian Kleeberg wie seit sieben Jahrzehnten Hand in Hand einschlafen.

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