Cocktail der Vergangenheit

Keine Party ohne Bowle – mit Gudrun Mushardt zurück in die 70er

Almstedt - Bestimmt 30 Jahre hat Gudrun Mushardt keine Bowle mehr zubereitet. Doch das Rezept hat sie noch im Kopf und eine Dose Fruchtcocktail im Schrank.

Gudrun Mushardt aus Almstedt. Foto: Chris Gossmann

Almstedt - Keine Party ohne Bowle! Das war jedenfalls in den 70er und vielleicht noch frühen 80er Jahren so. Bowle war damals das Misch-Getränk der Zeit. „Misch-Getränk, nicht Mix-Getränk!“, betont Gudrun Mushardt aus Almstedt. „Wenn man das mixt, wird es Matsch.“ Bestimmt 30 Jahre sei es her, dass Mushardt ihre letzte Bowle angesetzt hat. Doch die 74-Jährige erklärt sich bei der Anfrage sofort bereit, für die Hildesheimer Allgemeine Zeitung eine Bowle anzurichten. Materialkosten? „Das gibt der Hof schon noch her“, sagt Mushardt und lacht ihr herzhaftes, ansteckendes Lachen. Sie überlegt gleich, welche Früchte sie verwenden wird.

Fruchtcocktail aus der Dose

Die Obstentscheidung fällt ebenfalls auf einen 70er-Klassiker: Fruchtcocktail aus der Dose. Die Banderole um die Dose suggeriert, dass in diesem Cocktail etliche Kirschen enthalten sind. Am Ende gibt es meist nur zwei halbe, dafür jede Menge Pfirsich, Ananas und Birne. Für die Farbigkeit hat Gudrun Mushardt noch ein paar Johannisbeeren im Garten gepflückt und ein Stängel Minze. „Der gibt die Frische“, sagt sie.

Der gute alte Bowle-Topf

Am Abend vor dem Pressetermin hat Gudrun Mushardt den Bowletopf aus der Anrichte gekramt und vom Staub befreit. „Den haben wir uns damals zu Hochzeit gewünscht“, sagt sie. 52 Jahre ist das her. Bowlentopf, die dazugehörige Kelle und die zwölf Gläser mit Henkel haben die Jahrzehnte 1a überstanden. Obwohl das Glas an geborstenes Panzerglas erinnert. „Das ist Craquelé Glas“, erklärt die Hausherrin. Das soll so aussehen. Der goldene Rand unterstreicht die besondere Verarbeitung. Zu dem Service gehörten auch noch Pikser mit Glückssymbolen, Kleeblatt, Hufeisen und so. Die kamen in eine Art Mini-Schirmständer. Die Gäste wählten einen Pikser aus und hängten ihn mit einem kleinen goldenen Haken ans Glas. So konnten die Gläser nicht verwechselt werden. „Aber die Dinger habe ich nicht gefunden. Vielleicht, wenn ich das Haus auf den Kopf stellen würde“, sagt Mushardt. Aber für das Rezept sind die Spieße schließlich nicht von Bedeutung.

Rum für das Obst

Im Bowletopf saugen sich die Dosenfrüchte seit einer guten Stunde mit einem Schnapsglas Rum und einem Glas Weißwein voll. „Das Früchteprobieren ist das Tollste“, sagt die Landwirtin, die in der Gemeinde Sibbesse bekannt ist wie der sprichwörtlich bunte Hund. Die Frau saß 33 Jahre als CDU-Politikerin im damaligen Samtgemeinderat, war 14 Jahre lang DRK-Vorsitzende in der Gemeinde. Mit ihrem Mann Gerhard zusammen betrieb die aus Wallensen stammende Landwirtstochter den Hof in Almstedt und kümmerte sich um die drei Kinder. Vor 20 Jahren gaben die Mushardts den Hof an die nächste Generation, ihre Tochter Marion Tietjen und deren Familie ab. Die Mushardts haben ihr Altenteil nebenan gebaut. Dort greift Gudrun Mushardt zur Weißweinflasche. Der ist trocken und stammt aus der Felsengartenkellerei. Vier Liter fasst der Bowletopf, der auf dem Couchtisch steht. Mushardt gießt den Weißwein in den Topf. Danach schraubt sie eine Flasche Wasser auf. Auch das gehört dazu. Soll die Bowle etwas stärker sein, dann sollte die neutrale Flüssigkeit nur in geringerem Maße verwendet werden.



Der Geschmack – eine Reise in die Vergangenheit

Sekt, ebenfalls trocken, fehlt noch. Mushardt nimmt die Flasche, entfernt die Alumanschette und den Metallring um den Korken, um den dann sachte aus dem Flaschenhals zu drücken. Plopp! „Ach guck mal, wie schön das sprudelt“, freut sich Mushardt und rührt mit der Bowle-Schöpfkelle um. In drei Gläser füllt sie das nun fertige Getränkt. Gastgeberin, Fotograf und Redakteurin stoßen an: Prösterchen! Der erste Schluck: eine Reise in die Vergangenheit. „Och“, sagt Mushardt, „Das trinkt sich so weg!“. Das ist das Gefährliche an Bowle. Sie ist süffig und die Früchte gehaltvoll. Also gibt es tatsächlich auch nur eine Kostprobe – ohne Salzstangen, die auf 70er Jahre-Partys natürlich auch nicht fehlen durften. Mushardt will am Nachmittag ihre Familie zusammentrommeln, damit die Bowle wegkommt. „Wenn Sie wieder mal was haben, melden Sie sich“, sagt sie strahlend. „Nur nicht, wenns ums Backen geht. Das kann ich nicht!“


Mehr Geschichten, Fun-Facts und ein Gewinnspiel rund um das sommerliche Thema Cocktails gibt’s in unserem HAZ geschmeckt?!-Newsletter. Melden Sie sich bis Donnerstag hier kostenlos an, um nichts zu verpassen. Unser Highlight im Juli: Potters Bar in der Friesenstraße – Hildesheims bekanntester Barkeeper Dieter Podleska spricht über sein Lebenswerk

  • Hildesheim
  • Almstedt
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.