Die Reportage

Kim und Ardi leben ihren Traum, lieben einander – und Hunderttausende feiern das junge Paar aus Hildesheim genau dafür

Hannover - Kim Caramella und Ydra sind mit „Liebe im Haus“ und Likes im Netz auf Erfolgskurs. Von Hildesheim aus arbeiten sie an ihrer Karriere als Musiker und Youtube-Stars. Auf ihrer ersten Tour haben sie jetzt aber auch gelernt, was wirklich zählt. (mit Video)

„Liebe im Haus“ heißt die erste Tour von Kim Caramella und YDRA. Beim Abschlusskonzert im „Mephisto“ in Hannover beweist das junge Paar aus Hildesheim, dass sie zusammen alles schaffen können. Foto: Moritz Frankenberg

Hannover - Das Sofa steht eigentlich in einem Wohnzimmer, aber für diesen Sonntagabend haben Kim Caramella und YDRA die cremefarbene Sitzgelegenheit auf die Bühne vom „Mephisto“ gestellt. Ihre Wohnzimmereinrichtung hat das Paar in dem Monat, der hinter ihnen liegt, durch die ganze Republik transportiert. Berlin, Köln, München, Hamburg, jetzt Hannover. Überall war „Liebe im Haus“, wie das Musiker-Duo seine erste Tour genannt hat.

Dass sie dabei auf private Möbel setzen, ist nicht nur dem Pragmatismus junger Künstler geschuldet, sondern gehört auch zur Marke Kim & Ardi. Denn so heißt der Youtube-Kanal der beiden, auf dem sie Videos aus ihrem Leben teilen. Auch jetzt, zwei Stunden bevor das Abschlusskonzert ihrer ersten Tour beginnt, posieren sie auf dem Sofa für zwei Kamerafrauen. Was auf der Videoplattform nach Spaß aussieht, ist Arbeit für die erfolgreichsten Hildesheimer Youtuber.

Das sind die Zahlen und das sind die Fans

530.000 Fans sehen „Caramella“, den Hauptkanal von Kim auf Youtube. Dazu kommen 112.000 Abonnenten auf Kim & Ardi, dem Kanal für Video-Blogs, den die Hildesheimerin und ihr Lebensgefährte, Rapper YDRA, seit März 2022 betreiben. Dazu kommen 193.000 Follower für Kim auf Instagram und 505.200 Follower bei Tiktok sowie 156.339 monatliche Hörer bei Spotify. YDRA bringt bei dem Musik-Streamingdienst sogar 157.484 Hörer jeden Monat zum Einschalten. Für Menschen, die noch mit CD-Playern oder Walkmans groß geworden sind, liest sich das vielleicht wenig beeindruckend. Im modernen Kulturbetrieb sind Followerzahlen aber harte Währung – und Kim & Ardi sind gut im Geschäft.

Wofür diese Zahlen stehen, zeigt an diesem Sonntag ein Blick vors Mephisto. Ab 19 Uhr ist Einlass in den Konzertsaal im Kulturzentrum Faust in Hannover Linden-Nord. Bereits ab 18.15 Uhr reicht die Warteschlange vor der Tür über den ganzen Hof der ehemaligen Bettfedernfabrik. Ganz vorne stehen Kim und Talina, Zoe und Finn. Die Gruppe harrt seit 11.30 Uhr an diesem Tag vor dem Eingang aus, um in der ersten Reihe stehen zu können. „Ich bin so aufgeregt“, gibt Zoe zu. Die 18-Jährige ist extra aus Dortmund angereist. Die 25-jährige Kim wiederum hat den Weg von Ostfriesland aus auf sich genommen. Talina und Finn, beide 16, kommen aus Walsrode.

„Ich liebe einfach ihre Art“

„Wir folgen uns jetzt aber gegenseitig bei Instagram“, sagt Finn und lacht. Sie kennen sich nicht, aber sie kennen Kim und Ardi. „Ich folge ihr seit sechs bis sieben Jahren“, erzählt Zoe. Entdeckt hat sie Kim Caramella, wie heutzutage Künstler in die Wahrnehmung ihres Publikums kommen: durch den Youtube-Algorithmus. „Youtube hat mir Kim einfach mal vorgeschlagen.“ Es dürfte also eines der Videos gewesen sein mit Titeln wie „1 TAG nur SNACKAUTOMATEN Essen“ oder „1 Tag bestimmt Spotify mein Leben“.

Mit solchen Sketchen – ein bisschen humorig, ein bisschen konsumorientiert – ist der Kanal von Caramella groß geworden. Neben der Kunstfigur Caramella lernen Fans aber auch immer wieder Kim Möllring, wie die 27-Jährige bürgerlich heißt (auch wenn sie das in den Videos nicht erwähnt), kennen – ihre Triumphe und Niederlagen, Freude und Trauer, Trennung und Verlust. „Parasoziale Beziehungen“ nennen Fachleute dieses Phänomen. Es beschreibt, sich einem Menschen verbunden zu fühlen, ihn aber ausschließlich über seine Darstellung in den sozialen Medien zu kennen. „Ich liebe einfach ihre Art und wie sie sich Zeit für Fans nimmt“, fasst Zoe ihre Faszination für Kim und Ardi zusammen.

Das Team ist der Freundeskreis

Auf so ein Publikum stellt sich das Team im Saal ein. „Jung, vielleicht ein bisschen aufgeregt, aber rechnet nicht mit Stress“, gibt das Management mit Blick auf die Schlange dem Personal an der Tür mit. Während sich die Gruppe die Wartezeit mit Spielen vertreibt und sich durch Lieferando versorgen lässt, laufen drinnen die Vorbereitungen. Seit 16 Uhr sind Kim Caramella und YDRA, bürgerlich heißt der 31-Jährige Ardian Musolli, vor Ort.

In ihrer Garderobe lässt sich Kim von einer Stylistin schminken, die „Vorher/Nachher“-Bilder landen selbstverständlich auf ihren Konten bei Social Media. „Wir haben heute schon geprobt und Videos aufgenommen“, erzählt Kim, während sie ihr Make-up in einem herzförmigen Handspiegel begutachtet. Sie ist glücklich und herzt die Stylistin. Zehn Personen bilden den Kern ihres Teams. Es ist ihr Freundeskreis.

„Alles, was wir zusammen machen, stärkt uns“

Hannover ist Abschluss der „Liebe im Haus“-Tour. „Ich bin voller Vorfreude, aber auch ein bisschen traurig“, gibt Kim Caramella zu. „Ich versuche jetzt, es zu genießen und im Moment zu sein.“ Sie spricht auch im Interview wie in ihren Videos: voller Energie, Begeisterung und Humor. Das ist bisweilen entwaffnend ehrlich. Beispiel: Floskelhafte Einstiegsfrage: „Wie geht’s?“ „Gerade habe ich Periodenschmerzen. Aber auch an roten Tagen muss man performen.“

Ardi, wie den Rapper seine Freunde nennen, ruht dagegen in sich. „Das hier fühlt sich nicht nach Arbeit an“, findet er. „Das ist unser Hobby.“ Seit vier Jahren gibt es den gemeinsamen Kanal der beiden. Caramella war da schon ein Youtube-Sternchen. YDRA gibt es aber auch schon länger. Musik macht Musolli seit seiner Schulzeit. Die beiden verbindet eine faszinierende Dynamik. Sie wirken vom Typ her komplett unterschiedlich. Ardi meint: „Wir chillen jetzt halt zwölf Stunden hier.“ Obwohl er heute schon das Bühnenbild – das Sofa, einen Plastikkaktus, einen Hocker – aufgebaut hat. „Die eine Blume habe ich übrigens nochmal umgestellt“, fällt Kim dann ein. Ardi macht große Augen, dann lächelt er. In solchen Momenten wirkt das Paar wie kurz vor der Goldenen Hochzeit. „Alles, was wir zusammen machen, stärkt uns“, findet Kim.

Mama ist stolz

Seit einer Woche sind die beiden erst aus Brasilien zurück. Caramella hat dort eine Folge von „Dangerous Foods“ für Galileo gedreht und einige Videos für den eigenen Kanal. „Die Energie ist danach voll oben!“ Zwei Stunden vor der Show steht Ardi mit einer Kaffeetasse am Mischpult und redet mit dem Tontechniker. Der Support-Act macht Soundcheck, das Team baut den Merchandising-Stand auf. Die T-Shirts der Tour werden heute Abend restlos ausverkauft. Freunde kommen, es wird eingeschlagen und sich umarmt.

Kims Mutter steht mittendrin und beobachtet das Treiben. „Mir war schon früh klar, dass es Kim auf die Bühne zieht“, erzählt sie. Schon früh habe ihre Tochter moderiert und getanzt. „Sie ist einfach genauso wie auf der Bühne oder in den Videos“, betont sie. Zugegeben, als Mutter hätte sie sich gedacht und es sich vielleicht auch gewünscht, dass der Nachwuchs erst studiert. „Sie ist so schlau!“ Jetzt eben Youtube. „Ich freue mich so für die beiden. Hauptsache, sie ist glücklich.“

In Berlin war der Strom weg

Eine andere Mutter steht unterdessen vor dem Konzertsaal und denkt sich vermutlich Ähnliches. Jennifer Oentrich-Tegeler hat ihre Tochter zum Konzert gebracht. Die 17-Jährige steht mit einer Freundin in der Schlange, die Mutter mit ihrem Partner abseits. Es ist das erste Konzert, auf das die junge Frau allein geht. „Ich find’s gut“, meint Oentrich-Tegeler. Das Faust sei ein schönes Setting und Kim Caramella haben sie schon zusammen beim Seefest am Hohnsensee in Hildesheim gesehen. Zum Konzert geht die Tochter aber allein. Die Eltern gehen essen.

Tatsächlich spielen Kim Caramella und YDRA dann ein Konzert, wie es sich Fans und Eltern wohl wünschen. Das Publikum ist jung und begeistert. Die jungen Frauen und Männer können alle Texte mitsingen. „In Berlin hatten wir sogar Stromausfall“, erzählt Ardi. „Da hat das Publikum angefangen, einen Song von uns zu singen, um zu überbrücken. Das war so ein geiler Moment.“ Er sagt, das seien die Momente, von denen er weiß, dass er sie immer im Herzen tragen wird. „Die Tour ist ein Highlight in unserem Leben“, stimmt Kim zu.

Nach der Show kommen die Fans

Die Stimmung im Mephisto ist locker, die Leute sind freundlich zueinander, machen jedes Spielchen mit, kennen die Texte. Für ein erstes Konzert gibt es sehr viel Schlechteres, was ein junger Mensch erleben könnte. Spätestens, wenn am Ende das ganze Team mit den beiden über die Bühne hüpft, der Saal „Roomtour 2.0“ von Caramella und YDRA in einem Remix mit „We Found Love“ von Rihanna singt und dabei die Kuscheltiere in Gebäckform, die Kim so liebt, über den Köpfen schwenkt, dann fällt es auch als Erwachsener schwer, sich nicht von der Energie mitreißen und der Stimmung anstecken zu lassen.

Nach der Show, gegen 22.30 Uhr, laden Caramella und YDRA noch zum Meet’n’Greet. Etwa die Hälfte der schätzungsweise 100 Gäste ist geblieben, um mit den beiden zu quatschen und ein Foto zu schießen. Mit der Community, wie die beiden sagen, zusammen zu sein, sei ihnen wichtig. Es wird viel umarmt und geherzt. „Ich liebe dein Outfit!“ Kim ist meistens die Erste, die mit strahlendem Lächeln ihren Fans um den Hals fällt.

Geburtstag im Konzertsaal

Dann stehen wieder Finn und Talina, die beiden 16-Jährigen aus Walsrode, vor ihr. „Ich bin so aufgeregt“, bringt ein sichtlich nervöser Finn hervor. Er überreicht den beiden zwei Geschenktüten mit Selbstgebasteltem und Süßigkeiten. „Oh nein!“ Kims Stimme bricht fast, sie legt die Hände mit den langen Nägeln an die Wangen. „Ihr seid so süß!“ Währenddessen macht sich vor der Halle eine Gruppe von Freunden aus Hildesheim auf den Weg. Auch sie haben Blumensträuße und Geschenke dabei. Kim feiert mit diesem Konzert rein. Sie hat am nächsten Morgen Geburtstag.

Eine Woche später melden sich die beiden per Videocall vom Sofa – mittlerweile wieder zu Hause in Hildesheim. „Wir realisieren jetzt erst, wie krass es war“, erzählt Kim. Erst Ende letzten Jahres haben sie die Tour geplant. Für so ein Projekt eine extrem kurze Zeit. Ob sie an den fünf Konzerten und den Merchandise-Artikeln verdient haben, wissen sie noch nicht einmal. „Plusminusnull reicht mir“, meint Kim. „Für uns stand die Leidenschaft im Vordergrund.“

Die Pläne für die Zukunft

Außerdem hätten sie etwas Entscheidendes gelernt: „Es muss nicht perfekt sein. Es muss echt sein“, erklärt Kim. „Vor der ersten Show habe ich mir so einen Druck gemacht. Aber dann habe ich gemerkt: Wenn ich Spaß habe, haben die Leute Spaß.“ Ardi stimmt sofort zu. Darüber hinaus könne die Tour sie auch empfehlen und die Beiträge auf Youtube und den anderen Plattformen andere Veranstalter aufmerksam machen. Denn was nach Spaß und Hobby aussieht, ist für die beiden auch ein Job, den sie mit Einsatz und Professionalität betreiben.

„Es war nicht die letzte Tour“, verspricht Kim Caramella. „Wir haben schon eine richtig coole Idee für Hildesheim.“

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