Hildesheim - Weinen, brüllen, toben – in vielen Familien zeigt sich jeden Abend das gleiche Bild, wenn der Nachwuchs ins Bett soll. Viele Kinder versuchen, das Schlafengehen hinauszuzögern, kommen nicht zur Ruhe oder werden nachts wach und können dann nicht wieder einschlafen. Was können Eltern tun, damit die Abende entspannter und die Nächte ruhiger werden? Expertinnen und Experten aus Hildesheim haben die Antworten.
Warum wollen Kinder abends nicht ins Bett gehen?
„Kinder leben in einer wundervoll fantastischen Welt und wollen einfach nicht, dass der Tag endet“, erklärt Dr. Harald Raith, Kinderarzt aus Hildesheim. Es sei daher nicht ungewöhnlich, dass Kinder abends nicht ins Bett wollen. Clara-Sophie Ott, Psychologin und Teamleitung bei der Jugend-, Erziehungs- und Familienberatung der Caritas, bestätigt das: „Vielen Kindern fällt es schwer, sich vom Tag mit all seinen Eindrücken zu lösen.“ Gerade deshalb sei es wichtig, die Abendstunden als etwas Schönes zu gestalten und den Nachwuchs in diesen Prozess mit einzubeziehen. Auch Ängste etwa vor Dunkelheit oder dem Alleinsein könnten Kinder um den Schlaf bringen, erklärt die Erziehungsberatungsstelle des Landkreises.
Wann sollten Kinder schlafen gehen?
Das hängt davon ab, wie viel Schlaf der Nachwuchs benötigt, und wann die Kinder morgens aufstehen müssen. Als Richtwerte für den Schlafbedarf von Kindern empfiehlt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für Kinder von vier bis sechs Jahren etwa elf bis zwölf Stunden Schlaf, Kinder zwischen sieben und neun Jahren benötigen etwa zehn bis elf Stunden Schlaf. Dr. Harald Raith weist zudem darauf hin, dass es auch wichtig sei, wann dieser stattfinde: „Eltern sollten ihre Kinder abends früher hinlegen und morgens früher wecken. Auch der Mittagsschlaf sollte nicht zu spät sein.“
Wie sieht eine gute Schlafumgebung aus?
Die drei Expertinnen und Experten aus Hildesheim empfehlen ein abgedunkeltes und möglichst geräuscharmes Kinderzimmer, das weder zu warm noch zu kalt ist. Eine Temperatur von 16 bis 18 Grad könne beim Einschlafen helfen. Etwas Vertrautes wie das Lieblingskuscheltier kann dem Kind ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben, wodurch es besser zur Ruhe kommt.
Was sollten Eltern vermeiden?
„Kinder sollten das Schlafengehen nicht als Strafe wahrnehmen“, unterstreicht Psychologin Clara-Sophie Ott. Stattdessen sollte es Teil der täglichen Routine sein, die Kinder sollten also wissen, dass nach dem Spielen irgendwann das Schlafen kommt. Es sei außerdem wichtig, dass Eltern auch selbst zur Ruhe kommen. „Viele Paare wünschen sich einen kinderfreien Feierabend, wodurch sehr viel Druck auf dem Einschlafen liegt“, erläutert Ott. Damit Eltern, während sie ihre Kinder ins Bett bringen, nicht noch parallel die Liste an Erledigungen durchgehen, die am Abend noch anstehen, könnten sie einige Dinge schon machen, solange die Kleinen noch wach sind. Während die Kinder spielen, könnten sich Eltern beispielsweise um die Wäsche kümmern. Auf keinen Fall sollten sie einfach zu Schlafmitteln greifen, wenn die Kinder nicht zur Ruhe kommen.
Ab wann sollten sich Eltern professionelle Hilfe suchen, und wo finden sie die?
Darauf gibt es keine eindeutige Antwort: „Wenn Eltern sich Sorgen machen, dann sollten sie in die Beratung gehen“, sagt Clara-Sophie Ott. Eltern würden ihre Kinder am besten kennen und jede Familie sei unterschiedlich. Wenn Eltern dauerhaft unter der Situation leiden oder feststellen, dass ihre Kinder Auffälligkeiten entwickeln, ist Hilfe erforderlich. Auch Kinderarzt Dr. Harald Raith empfiehlt den Gang zu den Beratungsstellen etwa beim Landkreis oder bei der Caritas, wenn es mit dem Schlafen dauerhaft nicht klappt. Er als Arzt sei aber auch ein guter erster Ansprechpartner.
Mit diesen fünf Tipps kommen Kinder besser zur Ruhe
Eine gute Nacht beginnt schon am Tag
Nach einem aktiven Tag mit viel Bewegung und frischer Luft finden Kinder nach Erfahrung von Clara-Sophie Ott und Dr. Harald Raith am besten in den Schlaf. Der Abend sollte hingegen etwas ruhiger gestaltet werden. Zwischen Abendessen und Schlafenszeit sollte eine Pause von etwa einer Stunde liegen, in der die Kinder den Tag langsam hinter sich lassen können.
Langsamer Sinkflug statt Vollbremsung
Psychologin Ott vergleicht die Gestaltung der Abendstunden mit Treppenstufen, die Eltern und ihre Kinder gemeinsam hinabsteigen. Eine ruhige, leicht abgedunkelte Umgebung, viel Körperkontakt und Wärme können den Kindern dabei helfen, zur Ruhe zu kommen. Eltern könnten auch gemeinsam mit ihrem Kind baden und dabei über die Ereignisse des Tages sprechen. Clara-Sophie Ott empfiehlt außerdem, dass Eltern ihren Kindern schon früher die Zähne putzen und den Schlafanzug anziehen – so ergibt sich für die Kleinen nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen ein neuer Stressfaktor.
Rituale schaffen Sicherheit
Eine Tagesstruktur mit einer Abendroutine und geregelten Schlafenszeiten gibt den Kindern Halt und sorgt dafür, dass sie sich besser selbst regulieren können. Weil sie wissen, dass ohnehin irgendwann das Schlafengehen ansteht, kommen sie besser zur Ruhe. Was hier gut funktioniere, müsse aber jede Familie selbst herausfinden, erklärt Psychologin Ott. Wichtig sei hier auch, dass die Kinder mit einbezogen werden.
Geborgenheit bringt Ruhe
„Nur wer sich geborgen fühlt, kann auch einschlafen“, stellt Kinderarzt Dr. Raith heraus. Dafür sorgen eine vertraute Umgebung mit Kuscheltieren sowie die Nähe der Eltern. Es sei wichtig, dass Eltern abends viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, unterstreicht auch Clara-Sophie Ott.
Analog statt digital
Vor 65 Jahren hat das Sandmännchen zum ersten Mal seine Gute-Nacht-Geschichte erzählt. Statt digitaler Medien plädieren die Expertinnen und Experten aus Hildesheim eher fürs Vorlesen. „Das erfüllt so viele Qualitäten wie den Wunsch nach Nähe, Liebe und Geborgenheit und fördert die emotionale Ausgeglichenheit. Außerdem beobachten wir, dass Kinder, denen viel vorgelesen wird, sich insgesamt besser entwickeln“, sagt Kinderarzt Dr. Harald Raith. Generell seien pauschale Antworten zum Einsatz von Medien aber schwierig, weil jedes Kind unterschiedlich reagiert. Eine Begleitung durch die Eltern ist nach Auffassung der Beratungsstelle des Landkreises immer ratsam. Hörbücher und Podcasts können helfen – mit einem Tablet kann man aber nicht kuscheln.
