Weltfrauentag

Kinder, Küche, Kirche: Wenn Frauen sich ganz ihrem Mann unterordnen – eine Hildesheimerin spricht über das Phänomen der Tradwives

Hildesheim - Sogenannte Tradwives sind, wie der Name sagt, traditionelle Ehefrauen. Ihr Leben ist auf Ehemann und Familie ausgerichtet, und sie zeigen die vermeintliche Idylle gern online. Dass der Trend auch eine politische Dimension hat, weiß Katharina Perlbach, die mit Lynn Benda einen Podcast betreibt.

Katharina Perlbach (links) ist Hildesheimerin – sie beschäftigt sich gemeinsam mit Lynn Benda in ihrem Podcast HERSpectives (deutsch etwa: ihre Perspektiven) mit gesellschaftlichen Themen, mit Trends der Zeit, mit feministischen Fragen. Foto: privat

Hildesheim - Mit ihnen geht man quasi auf eine Zeitreise: Sogenannte Tradwives sind, wie der Name sagt, verheiratete Frauen mit einem traditionellen Verständnis von Familie und Partnerschaft. Ihr Leben ist voll und ganz auf ihren Ehemann ausgerichtet. Sie gehen in der Regel keinem bezahlten Job nach, sondern bleiben zu Hause, sind stets gut frisiert und zurechtgemacht, tragen feminine Kleider, kochen und backen gern und gehen in die Kirche. Doch was sie da an Familienidylle zelebrieren, das findet eben nicht in den 50er- oder 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts statt, sondern jetzt.

Katharina Perlbach ist Hildesheimerin – unter anderem beschäftigt sie sich mit Lynn Benda in ihrem gemeinsamen Podcast HERSpectives (deutsch etwa: ihre Perspektiven) mit gesellschaftlichen Themen, mit Trends der Zeit, mit feministischen Fragen. In einer Folge gehen die beiden dem Phänomen der Tradwives nach, das seinen Ursprung in den USA hat, aber auch in Deutschland immer mehr Befürworter findet. Die Frauen machen vor allem online mit Videos aus ihren Küchen und Gärten sowie mit unterwürfigen Thesen zu ihren Beziehungen auf sich aufmerksam. Und das ist hinter der Puppenhaus-Fassade durchaus politisch: Es sei kein Zufall, sagen Perlbach und Benda, dass die propagierten Wertevorstellungen der Tradwives sehr nahe an denen seien, die Rechtsradikale gern hochhielten.

Auf den ersten Blick sieht das auch schön aus

Das Erstaunliche: Oftmals sei man auf den ersten Blick tatsächlich geneigt, schön zu finden, was man da sieht, räumt Perlbach ein. „Ich trage auch gern schöne Kleider“, sagt sie, „ich schminke mich, lege Wert auf mein Äußeres, vielleicht backe ich auch gern.“ Wesentlich sei aber, dass diese Frauen alles, was sie sind und tun, auf ihren Mann ausrichten. „Er verdient das Geld. Er entscheidet.“ Da gebe es keine Diskussion – ob es um Politik geht, um das Aussehen der Frau oder um Sex, für den die Frau ihrem Mann zur Verfügung zu stehen hat. „Auch da wird er schon wissen, was das Richtige ist.“ In ihrem Podcast erinnern Lynn Benda und sie an dieser Stelle daran, dass die Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst seit dem 1. Juli 1997 strafbar ist. Zuvor konnte eine verheiratete Frau von ihrem Ehemann rein rechtlich gesehen gar nicht vergewaltigt werden.

Doch warum sollte sich eine Frau freiwillig in derartige Abhängigkeit begeben? „Meistens wird ihre Rolle von den Frauen als eigene und vollkommen freie Entscheidung verteidigt“, sagt die 44-jährige Perlbach. Tradwives zelebrierten für die Öffentlichkeit einen Alltag zwischen Kindern und Haushalt, den sie stets als ausschließlich harmonisch darstellten, nie stressig oder konfliktbeladen. Ihre Arbeit sei, so solle es zumindest aussehen, keine Arbeit. Und ihre Ambitionen hätten sich mit der Kindererziehung und der Versorgung der Familie erschöpft. Mehr wollten sie nicht. Potenziell negative Faktoren wie jede Form von Ärger oder finanzielle Abhängigkeit würden komplett ausgeblendet. Dabei könne gerade letztere sich verheerend für die Frauen auswirken, sagt Perlbach – etwa wenn der Mann eines Tages beschließen sollte, dass sie doch nicht mehr das perfekte Paar sind.

Wer war zuerst da – Trump oder die Tradwives?

Ein Familienbild, das Rechte deshalb gern als Ideal propagierten, weil die Frauen hier unkompliziert und nur im Kontext von Mann und Familie gesehen werden. „Lynn und ich haben schon überlegt, was in den USA zuerst da war“, sagt Perlbach, „Trump oder die Tradwives.“ Mit ihrem „Zurückbeamen in die 50er-Jahre als eine weiße, idyllische Vorstellungswelt“, wie Kulturwissenschaftlerin Heike Paul es unlängst in einem Beitrag des Deutschlandfunks beschrieb, negierten Tradwives in den USA Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung oder liberalere Abtreibungsgesetze für Frauen. Manche werteten zudem andere Frauen ab, die nicht dem Hausfrauenideal entsprächen, weil sie kinderlos oder nicht heterosexuell seien.

Wenn Perlbach und Benda eingeladen werden, zum Thema Tradwives Vorträge zu halten, dann sind es oft die älteren Frauen 70 plus, die entsetzt auf den Trend reagierten. „Weil sie diejenigen waren, die für Frauenrechte und Gesetzesänderungen gekämpft und so vieles erreicht haben. Dass man das freiwillig aufgeben kann, ist für sie undenkbar.“ Aber tatsächlich hätten sie regelmäßig ein breites Publikum vor sich, „so etwa ab 30“, sagt Katharina Perlbach – und darunter seien oft auch einige Männer.

Die Neigung zum rechten Rand wird immer ausgeprägter

Junge Männer, sagt sie, seien für sie derzeit ebenfalls ein großes Thema. Weil sich viele von ihnen in genau der traditionellen Rolle sähen: muskelbepackt, bekennend heterosexuell, auf Statussymbole fixiert, unterwegs mit antifeministischen und frauenfeindlichen Ansichten. Die Themen in ihren Foren reichen von „Männlichkeitscoachings“ und Tipps zur Selbstoptimierung bis zu Fantasien männlicher Vorherrschaft. Auch da sieht Perlbach einen starken Hang zum rechtsradikalen Lager, wie sie sagt: „Vor allem, wenn ich lese, dass inzwischen 30 Prozent der Menschen in Deutschland rechtsextremen Ideen gegenüber aufgeschlossen sind. Das finde ich sehr bedenklich.“

Tatsächlich ergab eine vom Bundeskriminalamt koordinierte Untersuchung, dass der Anteil derjenigen, die für solche Ideen offen sind, zwischen 2021 und 2025 von 21,8 Prozent auf 29,6 Prozent anstieg. Für die Studie hatten Forscher des MOTRA-Verbunds den Teilnehmern der repräsentativen Befragung verschiedene Aussagen vorgelegt, zu denen sie sich positionieren sollten. Dazu zählen Aussagen wie „Ein Staat sollte einen Führer haben, der das Land zum Wohle aller mit starker Hand regiert.“ und „Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss.“

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