Von Thorsten Pifan
Klein Escherde. Mächtige Kuhglocken läuten, Alphörner erklingen, Blaskapellen spielen – Schauplatz ist eine Wiese in Sichtweite der Bundesstraße 1. Das kann nur eins bedeuten: In Klein Escherde feiern die Einwohner und viele Gäste einmal mehr ihren Almabtrieb als originelle Einlage zum Oktoberfest der Freiwilligen Feuerwehr.
Gelassen stehen die Kühe auf der Weide. Nur „Emelie“, die Leitkuh wirkt zuweilen etwas aufgeregt, trägt sie doch den aufwendigen Kopfschmuck. „Emelie“ und „Frau Beuke“ waren auch 2012 beim letzten Almabtrieb in Klein Escherde dabei, „Frau Beuke“ sogar schon 2005 bei der ersten Auflage. Ob sich die Tiere daran erinnern – ungewiss. Organisiert haben die Gaudi der Almabtriebsverein um Martin Kliemann, die Freiwillige Feuerwehr Klein Escherde mit Ortsbrandmeister Hendrik Stosch und das Team von Landwirt Konrad Kreuzkamp. Seit Juli hat er mit den Tieren – und den Führern der Rinder – geprobt. Zuerst auf der Wiese, um die Kühe an den Strick zu gewöhnen, später sind dann alle durch die Feldmark marschiert.
Als es ernst wird, sind die Rindviecher doch ein wenig aufgeregt – und das heißt, sie bleiben einfach stehen. Landwirt Kreuzkamp hat vorgesorgt und einen Eimer mit Futter dabei. So lockt er „Emelie“ immer ein Stück weiter. Die Jungtiere folgen ihren Müttern, haben aber, wie das bei Kindern so ist, manchmal ihren eigenen Kopf. Dafür sind rechts und links ausreichend Helfer neben dem Zug. Allerdings müssen diese zuweilen beherzt zugreifen oder die Tiere mit ordentlich Kraft am Hinterteil anschieben.
Im Ort warten rund 3000 Schaulustige an den liebevoll geschmückten Straßen auf den Zug, der angeführt wird von historischen Treckern. Mit dabei sind sogar echte Bayern vom Trachtenverein „Koppachtaler“ aus Altusried. Die Klein Escherder pflegen mittlerweile richtige Freundschaften in den Süden.
Entstanden ist das Spektakel aus einer Schnapsidee, erinnert sich Initiator Kliemann. Ursprung war ein Urlaub mit seiner Familie im Zillertal, wo er zum ersten Mal einen „echten“ Almabtrieb erlebte. Als er später in der Heimat zufällig Landwirt Kreuzkamp traf, der seine Kühe tatsächlich von der Weide ins Dorf trieb, gründete er mit Freunden spontan den Verein – begleitet von Braunkohl und Alkohol. Als dann die Feuerwehr ein Oktoberfest feiern wollte, kam eines zum anderen und schließlich entstand der erste Almabtrieb im Hildesheimer Land im Jahr 2005.
Unterstützung haben die Klein Escherder in diesem Jahr von Musikern aus Sorsum und Rössing. Nach den ganzen Vorbereitungen können auch die Feuerwehrleute aus Klein Escherde das Fest mit prall gefülltem Zelt bis in den frühen Morgen und am Sonntag den ökumenischen Gottesdienst und die Brotzeit genießen. Und was machen die Kühe eigentlich jetzt? Kreuzkamp verrät: „Ich hoffe, dass am Montag wieder alle wohlbehalten auf der Weide stehen. Denn im Stall fühlen sie sich jetzt noch nicht wohl, da würden sie lautstark protestieren. Wenn das Wetter es zulässt, bleiben sie noch bis Ende Oktober im Freien.“
