Hildesheim - Der mutmaßliche RAF-Terrorist Burkhard Garweg hat sich in Hildesheim aufgehalten. So viel steht fest. Da ist nicht nur der Überfall im Mai 2016 auf den Rewe-Markt in Bavenstedt. Nach neuesten Auswertungen des Landeskriminalamtes ist der gesuchte Mann auch mitten in der Stadt unterwegs gewesen. Das belegen jetzt veröffentlichte Fotos. Sie wurden in der Pieperstraße aufgenommen – eine Seitenstraße der großen Einfallstraße B1 zwischen Kreisel und Kennedydamm. Auf dem Bild ist Garweg im Jahr 2016 zu sehen. Genauer gesagt, wie sich der damals 50-Jährige in einer Fensterscheibe vermutlich im zweiten Obergeschoss spiegelt.
Umfeld aufschlussreich
Besonders aufschlussreich für die Ermittler ist das Umfeld: die große Kreuzung Kennedydamm/Zingel/ Kaiserstraße – alles eindeutig Hildesheim. Hat der seit Jahrzehnten Gesuchte hier in dem Mehrfamilienhaus gewohnt? Oder ist es nur ein zufällig entstandenes Bild aus einem Video, das bei einem Besuch in Hildesheim aufgenommen wurde?
Spurensuche vor Ort: Können sich ehemalige Nachbarn im Mehrfamilienhaus eventuell noch an diesen Mann erinnern? Am Donnerstagvormittag ist es ruhig in der Pieperstraße, die in einer Sackgasse endet. Hier kurvt nur ab und zu langsam ein Auto auf der Suche nach einem Parkplatz. Acht Parteien wohnen in dem Haus, das verrät die Anzahl der Klingeln. Die Mieterin aus dem Erdgeschoss öffnet ihre Wohnungstür nur einen Spalt. „Was wollen Sie?“, fragt sie etwas vorsichtig. Seit zwei Jahrzehnten wohnt die Mittfünfzigerin in dem Haus. Ob sie diesen Mann mal als Nachbarn hatte? Sie blickt auf das gezeigte Foto auf dem Handy und überlegt kurz. „Nein, so jemanden kenne ich nicht.“ Aber in dem Haus wechseln ohnehin oft die Mietparteien, da könne sie sich nicht jedes Gesicht merken. Aber mehr möchte sie auch nicht sagen. Nur noch: „Klingeln Sie doch mal bei der Nachbarin über mir.“
Zwei Treppen höher öffnet Sonja K. aus dem ersten Obergeschoss. Auch sie wohnt schon seit 2004 in dem Haus in der Pieperstraße. „Ich habe die Festnahme und Suche nach den RAF-Terroristen in den Nachrichten gesehen“, zeigt sich die 63-Jährige gut informiert. Und natürlich auch all die Fotos von dem gesuchten Trio: von den beiden Flüchtigen, Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub, sowie der im Februar festgenommenen Daniela Klette. Ihnen werden 13 Überfälle in der Zeit von 1999 bis 2016 vorgeworfen. Mit der Beute von 2,7 Millionen Euro sollen die Drei ihren Lebensunterhalt im Untergrund finanziert haben.
Tür an Tür mit einem Terroristen?
„Aber bei keinem der Bilder, die ich im Fernsehen gesehen habe, hat es irgendwie klick gemacht“, sagt die Rentnerin bestimmt. Hier im Haus gehe es auch eher anonym zu. Man treffe sich mal im Treppenhaus oder an der Haustür – mehr nicht. „Wer hier alles zu Besuch kommt, das merkt man sich doch nicht“, betont die Mieterin. Nach Erkenntnissen der Ermittler soll Burkhard Garweg zahlreiche Verhältnisse zu Frauen gehabt haben. Wie geht es ihr bei dem Gedanken, möglicherweise Tür an Tür mit einem gesuchten RAF-Terroristen gewohnt zu haben? Die Frau überlegt nur kurz. „Naja, man kann niemandem hinter die Stirn gucken.“ Es klingt gelassen. Und von der Polizei habe sie auch noch niemand kontaktiert.
Es gab Vernehmungen
„Die erforderlichen Vernehmungen sind durchgeführt worden“, bestätigt LKA-Sprecher Philipp Hasse auf Nachfrage. Es sei nicht immer notwendig, alle in der Nachbarschaft zu befragen. Die Wohnung sei lediglich einen Monat lang gemietet worden – also nur im Januar 2016, vier Monate vor dem Überfall in Bavenstedt. In dem Hildesheimer Mehrfamilienhaus könnten die mutmaßlichen RAF-Terroristen nicht nur die Anonymität geschätzt haben. Auch könnte es für das Leben im Untergrund wichtig gewesen sein, schnelle Fluchtwege vor der Haustür zu wissen – von der Pieperstraße aus ist man sehr schnell an der A7. „Das ist bestimmt nicht willkürlich gewesen“, so der LKA-Sprecher. Und: Gleich nebenan hatte damals die Mietwagenvermietung Europcar ihren Sitz. Ist dort Burkhard Garweg – vermutlich unter einem anderen Namen – Kunde gewesen, um unerkannt unterwegs zu sein? Das Hildesheimer Büro verweist auf Nachfrage an die Zentrale in Hamburg. Dort beruft man sich auf den Datenschutz.
Die Ermittlungen gehen weiter. Laut LKA sind bislang nach den Veröffentlichungen auch bei Aktenzeichen XY „eine mittlere zweitstellige Zahl“ an Hinweisen zu dem gesuchten Burkhard Garweg eingegangen (Telefon für Hinweise: 0511/98 73 74 00).




