Hildesheim - Die Hildesheimer Kette Koffer-Koch feiert in diesem Jahr ihr 90-jähriges Bestehen. Inhaber Jens Koch führt das Unternehmen in dritter Generation – und blickt auf die Anfänge der Firma, die gegenwärtige Situation und wagt auch einen Ausblick für sein Unternehmen – und die Einkaufsstadt Hildesheim.
Sattler orientieren sich neu
Die Keimzelle von Koffer-Koch liegt an der Peiner Straße, Ecke Steuerwalder Straße. Aus Innenstadt-Sicht gleich hinter der Unterführung am Hauptbahnhof eröffneten Otto und Lotte Koch im Oktober 1934 eine Reparaturwerkstatt für Lederwaren. Otto Koch hatte Sattler gelernt, der Umgang mit Leder, Nadel, Faden und Metall lag dem Hildesheimer bestens. Doch da das Automobil zunehmend das Pferd verdrängte, orientierte sich Koch wie andere Sattler auch um in Richtung Taschen und Koffer.
Schon ein Jahr später zog das Paar mit seinem Geschäft um – an eine Stelle, die für viele Jahrzehnte fest mit Koffer-Koch in Verbindung gebracht werden sollte, auch wenn die Familie die Immobilie stets nur mietete: Im Hohen Weg 35 reparierten die Kochs nicht nur, sie begannen auch intensiv mit Lederwaren zu handeln. Und hatten sich dafür einen Laden in einem Bereich der Stadt gesichert, der schon damals, wenn auch nicht als Fußgängerzone, zu den wichtigsten Geschäftsstraßen der Stadt zählte.
1947 haben meine Großeltern erst einmal mit allem gearbeitet, was verfügbar war.
Und ein Laden, der beim verheerenden Luftangriff am 22. März 1945 wie weite Teile der Innenstadt dem Erdboden gleichgemacht wurde. Lotte Koch war beim Luftalarm einem Instinkt gefolgt, mit ihren beiden Söhnen aus der Stadt geeilt statt in den vorgesehenen Bunker. In der Schutzanlage erstickten die Menschen im Zuge der Bombardierung. Lotte Koch hatte zu jener Zeit den Laden schon zwei Jahre lang weitgehend allein geführt, ihr Mann war zur Wehrmacht eingezogen und in Skandinavien stationiert worden.
1947 wagte das Paar den Neuanfang. Zunächst in einer Behelfsbaracke an der Zingel, wo Otto und Lotte Koch wieder vieles reparierten und zudem aus Holz, Papier und Stoff – „eigentlich aus allem, was verfügbar war“, wie Enkel Jens Koch heute sagt – Behältnisse herstellten und verkauften. Das Ehepaar wohnte zu jener Zeit in Bad Salzdetfurth, fuhr täglich mit dem Rad nach Hildesheim. 1950 war das alte Ladengeschäft dann so weit wieder hergestellt, dass die Kochs an den Hohen Weg zurückkehren konnten.
Olaf Koch vergrößert die Firma
1961 trat Jens Kochs Vater Olaf in das Familien-Unternehmen ein, das er 1970 schließlich ganz übernahm. Er wagte zusammen mit Ehefrau Waltraud die ersten kleinen Expansionen. So eröffnete er im späteren Hussel-Haus am Hohen Weg auf 50 Quadratmetern eine Außenstelle, in der er über einen Händlerverbund aus Italien importierte Taschen anbot. 1981 wurde dieser Bereich am Hauptsitz integriert, als Olaf Koch dessen Verkaufsfläche durch eine Zusammenlegung mit den Räumen des benachbarten Eiscafés Cero deutlich erweitern konnte. Bereits zwei Jahre zuvor hatte Olaf Koch durch den Einstieg als Mitgesellschafter eines Lederwaren-Geschäfts in Braunschweig auch erstmals den Sprung in eine andere Stadt gewagt.
Es sollten noch viele weitere solcher Sprünge folgen – allerdings nicht durch Olaf, sondern durch Jens Koch, der 1989 im Alter von 27 Jahren in den Familienbetrieb einstieg. Und nur ein Jahr später zusätzlich einen eigenen Laden in Wolfsburg eröffnete. Die Idee, mutig neue Filialen zu eröffnen, hatte er von einem Auslandsjahr in den USA mitgebracht, „wo es eher komisch war, wenn jemand nicht in dieser Form investierte, wenn es lief“, wie sich der Hildesheimer heute erinnert. Zudem habe es ihn neben der Fortführung des Familienunternehmens auch fasziniert, „etwas eigenes zu machen und dafür dann auch allein zu haften“.
Übernahmen und neue Läden
1994 übernahm Jens Koch in dritter Generation zusammen mit seiner Frau Simone Koffer-Koch komplett. Es folgten Neueröffnungen in Kassel und Göttingen sowie die Übernahmen von Taschen-Westphal in Hildesheim und eines Mitbewerbers in Braunschweig. Besonders ereignisreich wurde dann das Jahr 2007: Nachdem der Mietvertrag für den Hohen Weg 35 gekündigt wurde, zog Koffer-Koch nach 72 Jahren erstmals wieder um – an den heutigen Standort im Hohen Weg 9.
Zudem eröffnete der Unternehmer eine Filiale in den neuen Braunschweiger Schloss-Arkaden, ein Jahr später auch im Laatzener Leinecenter. „Das war eine große Phase der Einkaufszentren mit vielen Neueröffnungen, man konnte mit den Betreibern auch viel gemeinsam planen“, erinnert er sich. Niederlassungen in Hamburg, Magdeburg, Erfurt und Frankfurt folgten. Nicht alle sind heute noch geöffnet, aktuell besteht Kochs Unternehmen aus acht Filialen mit rund 50 Beschäftigten.
Einkaufszentren in der Krise
Heute sieht Jens Koch die Einkaufszentren eher in der Krise. „Das hatte sich schon vor Corona angedeutet und hat sich dann in der Pandemie verstärkt“, sagt er. „Heute gibt es ja praktisch keine Malls mehr ohne Leerstände.“ Die Menschen würden weniger als früher einfach zum Shoppen in die Einkaufszentren gehen, stattdessen gezielt zwei oder drei Geschäfte ansteuern. Ein Grund dafür sei sicher auch in der „zunehmenden Uniformität“ vieler Malls zu suchen, in denen meist die immer wieder gleichen Ketten anzutreffen seien – von denn wiederum viele, gerade im Bereich Bekleidung, in den vergangenen Jahren Insolvenzverfahren durchlaufen hätten.
Hinzu komme, dass der Onlinehandel in diesem Bereich inzwischen rund ein Drittel des Umsatzes mache – „mit der Folge, dass wir da nun einmal ein Drittel stationäre Verkaufsfläche zu viel haben“. Andererseits beobachte er inzwischen eher wieder den Trend, dass kleinere und mittlere Städte mit inhabergeführten Geschäften eine Renaissance erleben würden. Celle sei dafür ein gutes Beispiel.
Man sollte nicht versuchen, das Auto aus der Innenstadt zu verdrängen.
Und Hildesheim? Das Potenzial hat die Stadt auch, davon ist Jens Koch überzeugt. Er sei zuversichtlich, dass es „hier auch in zehn Jahren noch einen guten Einzelhandel, auch inhabergeführt“, gebe. Doch um als Einkaufsstadt wieder stärker zu werden, so wie andere Städte dieser Größe, seien eben auch „kluge politische Planungen“ nötig. Für Koch geht es dabei vor allem um die Verkehrsplanung: „Man sollte nicht versuchen, das Auto aus der Innenstadt zu verdrängen“, warnt er. „Gerade viele unserer Kunden aus dem Umkreis Hildesheims nehmen das so wahr.“
Eine andere Frage mit Blick auf die Zukunft des Einzelhandels im Allgemeinen und Kochs Kette im Speziellen ist die nach der Rolle des Onlinehandels. Eine Frage, zu der der 61-Jährige eine klare Meinung hat: „Ich denke, im Grunde kann ein Händler wie wir mit einem Onlineshop kein Geld verdienen.“
Zweifel am Onlinehandel
Er habe schon vor mehr als 20 Jahren einen solchen eingeführt – „das war natürlich viel zu früh“, merkt Koch dazu selbstkritisch an. „Doch ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder hin- und hergerechnet und bin immer wieder zu dem Ergebnis gekommen, dass es angesichts der eher geringen Margen in unserer Branche letztlich nichts bringt.“ Wirkliche Reichweite erziele er nur über Plattformen wie Amazon – deren Gebühren dann aber wiederum die Marge aufbrauchen würden.
So diene der Onlineshop eher als Service für Kunden, die sehen wollten, ob ein bestimmtes Produkt überhaupt vorrätig sei. Gleichwohl habe er großen Respekt vor dem Hildesheimer Modehändler Tobias Eierund: „Er hat es geschafft, mit eigener Marke und dem Bedienen einer Nische ein profitables Onlinegeschäft hinzubekommen.“
Ich habe es mir erarbeitet, dass meine Laune nicht mehr so von den täglichen Umsätzen abhängt.
Koch indes verlässt sich weiter auf seine Läden, deren Situation er derzeit als durchaus gut einschätzt. Mit Reise- und Schulbedarf habe er gleich zwei wesentliche Standbeine, nach denen es immer eine Nachfrage gebe – zumal aktuell, da das Reisegeschäft boomt wie nie. Ob ihn vielleicht sogar noch einmal der alte Expansionsdrang packt? „Oh“, sagt Jens Koch lachend, „ich bin immer mal wieder kurz davor, schwach zu werden, wenn ein interessantes Angebot kommt oder ich einen schönen Standort sehe.“
Es sei dann meist Ehefrau Simone, die ihn bremse und ihn daran erinnere, „dass wir uns ja eigentlich so langsam etwas weniger unentbehrlich machen möchten und auch mal zwei Wochen Urlaub am Stück machen wollen“. Tatsächlich wirkt Jens Koch entspannter, gelöster als noch vor einigen Jahren – und gibt zu: „Ich habe mir auch erarbeitet, dass meine Laune nicht mehr so von den täglichen Umsätzen abhängt.“
Eine vierte Generation?
Was zu der Frage führt, ob bei Koffer-Koch eine vierte Generation in den Startlöchern steht? „Das kann man noch nicht sagen“, sagt der Firmeninhaber. Sein Sohn studiere Medizin, der werde die Kette eher nicht übernehmen. Die Tochter hingegen studiert Wirtschaft. „Aber ich werde sie sicher nicht drängen. Vielleicht macht sie es mal weiter, vielleicht endet die Firmengeschichte mit meiner Frau und mir – im Moment habe ich jedenfalls noch viel Spaß und Freude an Koffer-Koch.“




