Hildesheim - Seit der Hildesheimer Rat im September entschieden hat, dem Betreiber der geplanten Klärschlamm-Verbrennungsanlage für Jahrzehnte ein Hafengrundstück zu überlassen, ist es stiller geworden um das zuvor ebenso leidenschaftlich wie kontrovers diskutierte Thema Klärschlammverwertung. Die Kommunale Nährstoffrückgewinnung Niedersachsen (KNRN) treibt die Planungen für den Bau der zentralen Anlage voran. Und die Befürworter der Pyrolyse-Technik? Sie sind ebenfalls nicht untätig geblieben.
„Wir haben Kontakt zu allen Kommunen im Landkreis aufgenommen“, sagt Klaus Bruer, Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion. Er wie auch sein Kollege Friedhelm Prior, Vorsitzender CDU-Kreistagsfraktion, haben sich längst noch nicht von dem Gedanken verabschiedet, neben Kläranlagen dezentrale Pyrolyse-Anlagen zu setzen. In denen wird der Klärschlamm nicht bei Temperaturen von 800 bis 900 Grad verbrannt, wie in der geplanten Anlage am Hafen. Bei der Pyrolyse werden organische Verbindungen bei 300 bis 400 Grad in Abwesenheit von Sauerstoff thermo-chemisch gespalten und dadurch karbonisiert.
Gleich mehrere Interessenten
Nun loten Bruer und Prior aus, ob sich Kommunen im Kreis für ein solches System entscheiden könnten. Denn auf Verbrennung haben sich bislang nur Hildesheim und Sarstedt als Mitgesellschafter der KNRN festgelegt. Die Reaktionen der anderen stimmen die Kreistagspolitiker zuversichtlich. „Alfeld, Harsum und Nordstemmen sind besonders interessiert“, versichert Bruer.
Die Politiker stehen in engem Austausch mit Prof. Dr. Hans-Peter Leimer, seit 2014 Leiter des HAWK-Labors für Bauphysik und seit 2020 Mitinhaber der Firma Carbon plus, sowie dem Hamelner Unternehmer Ingo Bode – für die die Vorzüge der Pyrolyse viel weiter gefasst sind als die bloße Verwertung von Klärschlamm.
Für Jahrtausende gebunden
Ihr zentraler Gedanke gilt der Reduzierung von Kohlendioxid (CO
Das Verfahren sei im Grunde genommen „uralt“, Köhler hätten schon vor Jahrhunderten nach eben diesem Prinzip gearbeitet, so Leimer. Anlagenhersteller hätten die Prozesse nun verfeinert, steuerbar gemacht. Inzwischen, so Bode, seien etliche Anlagen in Betrieb und liefen sogar besser als oftmals behauptet. „Und täglich kommen neue dazu.“
Prozess ohne Dioxine
Pyrolyseanlagen arbeiteten nicht „stoffbezogen“, können auch anderes organisches Material karbonisieren. Am Ende des Prozesses steht immer Pflanzenkohle, für die Leimer und Bode eine riesige Verwendungsbreite sehen. Die Spanne reicht von Aktivfilterkohle über Düngemittel bis Stalleinstreu. Den Einwand, dass das Carbonat bislang in Deutschland als Dünger nicht erlaubt ist, wischt Prior mit der Bemerkung weg, dass EU-Recht nationales Recht breche. „Sie können den Wertstoff sogar in der Kosmetik und als Tierfutter einsetzen“, sagt Leimer, denn durch die Prozesswärme würden Mikroorganismen und Mikroplastik zerstört, zugleich sei die Temperatur nicht hoch genug, um Dioxine entstehen zu lassen.
Bauexperte Leimer forscht aber auch über die Verwendung des Kohlegranulats als Zuschlagstoff in Putz, Mörtel, Bitumen, ja selbst als Ersatz für Sand, der weltweit immer rarer wird, wäre das Karbonisat eine Alternative. „Diese Forschungsprojekte laufen, wir befinden uns an der Grenze zur Umsetzung.“ Noch in diesem oder nächsten Jahr kämen erste Produkte auf den Markt.
Keine Endlagerkosten
Für Bruer und Prior ist nicht allein die CO2-Senke ein stichhaltiges Argument. Dezentrale Anlagen unterbänden den „Klärschlammtourismus“ (Bruer), sorgten für Beitragsstabilität. Anlagen benötigter Größe kosteten 1 bis 1,5 Millionen Euro, die Bearbeitungskosten seien überschaubar. „Ich möchte nicht wissen, wie hoch die Kosten bei der Klärschlammverbrennung sind, wenn für die phosphathaltige Asche ein Zwischenlager und schließlich ein Endlager bezahlt werden muss“, sagt Prior.
Derzeit, so Bode, werde an einem Verfahren gearbeitet, den Phosphor im Klärschlamm schon in der Flüssigphase herauszuziehen. Phosphor ist für alle Lebewesen existenziell, die natürlichen Vorräte reichen weniger als 300 Jahre, sind zudem stark belastet, unter anderem mit Uran. „Bei Sekundärphosphat ist das nicht der Fall.“
Werben um Vertrauen
Bruer geht davon aus, dass in den Gemeinden noch eine Menge Überzeugungsarbeit geleistet werden müsse. „Es besteht eine große Skepsis und Verunsicherung. Deshalb müssen wir Vertrauen in neue Technologien schaffen.“ Prior hingegen verweist darauf, dass die Gemeinden in ihrer Entscheidung frei seien. „Wir haben uns auf den Weg gemacht, sie zu unterstützen.“ Für Planung und Umsetzung stünden bereits 275 000 Euro im Haushalt.
