Zwischen Magie und Ehrlichkeit

Kommt wahrhaftig der Nikolaus? Was Eltern rund um Rituale im Advent beachten sollten – und wann sie Kindern gegenüber ehrlich sein müssen

Hildesheim - Der Zauber vorweihnachtlicher Bräuche schafft Kindheitserinnerungen, wissen Fachleute aus der Region Hildesheim. Was Eltern rund um geheimnisvolle Geschichten wissen sollten, warum auch größere Kinder manchmal einfach mitspielen – und wann trotz schöner Magie Ehrlichkeit angebracht ist.

Oh, der Nikolaus hat gute Sachen in die Schuhe gefüllt - oder waren das vielleicht doch Mama und Papa? Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Bald kommt der Nikolaus: Von Kindern unbemerkt gelangt er auf magische Weise ins Haus und füllt ihre Schuhe mit Naschereien, Obst oder kleinen Geschenken, die er in einem großen Sack mitgebracht hat – das ist ja allseits bekannt, oder? In manchen Familien stehen sogar Milch und Kekse für ihn bereit, die am nächsten Tag getrunken und gegessen sind. Ist das nicht der Beweis für seinen Besuch?

Aber was ist, wenn Kindern aufgeht, dass in Wirklichkeit Mama und Papa die Geschenke gebracht und die Kekse verspeist haben? Dass ihre Eltern, auf die sie vertrauen, ihnen jahrelang etwas vorgemacht haben? Wenn womöglich ihre Freunde sie auslachen, weil sie an diesen Mythos noch glauben? Dieser Gedanke kann Eltern in einen Zwiespalt bringen: Der Nachwuchs soll sich nicht betrogen fühlen, aber trotzdem den Zauber der Adventszeit erleben.

Die Hildesheimer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Felicitas Schiminski glaubt nicht, dass Eltern durch Heimlichkeiten rund um den Nikolaus ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Wie Kinder reagieren, lasse sich zwar nicht pauschal beantworten. Sie selbst habe aber in ihrer Praxis noch niemanden erlebt, der oder die über schlechte Erfahrungen mit den Vorspiegelungen der Eltern gesprochen hätte – wohl auch, weil der Nikolaus heute kaum noch dazu benutzt wird, Kinder durch Drohungen mit der Rute zur Räson zu bringen. „Das wird ja alles für die Kinder gemacht. Damit sie sich wohl fühlen“, meint Schiminski.

Stillschweigende Vereinbarung

Meist im Grundschulalter, sagt die Therapeutin, durchschauten Kinder, dass in Wahrheit Papa oder Mama die Schuhe füllen und der Nikolaus beim Vereinsfest ein verkleideter Mensch ist. Betrogen, meint Schiminski, fühlten sich Kinder dadurch jedoch nach ihrer Erfahrung nicht: „Sie sehen das als Ritual, als etwas Schönes.“ Aber: Wenn Kinder kritisch nachfragten, sollten Eltern nicht auf dem Mythos beharren.

In der Grundschule wissen die meisten Kinder zumindest intuitiv, dass es den Nikolaus nicht wirklich gibt, bestätigt Birgit Furtner, Rektorin der Grundschule Alter Markt. Aber „sie verstehen, dass es eine Art stillschweigende, geheimnisvolle Vereinbarung zwischen Kindern und Erwachsenen ist, bei der man mitmacht, weil es allen Freude bereitet“. Sie selbst rede vom Nikolaus als Geschenkebringer eher „augenzwinkernd als eine Art Spiel, das man mitspielt“. Aber auch Furtner rät, bei kritischen Fragen der Kinder bei der Wahrheit zu bleiben, „dass es ein Brauch ist, der auf der Legende beruht“.

„Im Kita-Alter ist die magische Phase noch nicht abgeschlossen“, erklärt Martina Schindler, Leiterin der Caritas-Kita St. Nikolaus in Barienrode, „Kinder leben zwischen Fantasie und Wirklichkeit.“ Selbst wenn sie wüssten, dass der Nikolaus nicht leibhaftig ihre Schuhe füllt, „so möchten sie dennoch weiterhin daran glauben“, meint Schindler. Die Zeit der Heimlichkeiten und Vorfreuden, das Erahnen und nicht genau Wissen, mache die Vorweihnachtszeit gerade so spannend. Rituale, sagt Schindler, gehörten zum wohligen Gefühl der Kindheit. Aber die Fragen der Kinder sollten Erwachsene ernst nehmen, sie ehrlich und wertschätzend beantworten: „Ein Ja oder Nein ist leicht dahingesagt, aber manchmal auch zu wenig.“ 

Der heilige Nikolaus als Türöffner für tiefere Inhalte

Zwischen Elfen, Wichteln, Engeln oder fliegenden Rentieren nimmt der Nikolaus eine Sonderstellung ein, denn die Legenden und Bräuche um seine Gestalt gehen auf eine historische Person zurück: den heilig gesprochenen Bischof von Myra, der im vierten Jahrhundert lebte. Jörg Bölling, Professor für Kirchengeschichte am Institut für Katholische Theologie an der Universität Hildesheim, erklärt dazu, dass „Glaubensgeheimnisse“ aus seiner Sicht den Kern christlicher Überzeugungen und Traditionen bedeuteten. Nur aufgrund des Glaubens sei es möglich, einen verstorbenen Heiligen wie einen vertrauten Menschen anzurufen: „Wer diesen Glauben später nicht mehr hat, mag sich zumindest gern daran erinnern“, meint Bölling. Dass ein Heiliger zum Geschenkebringer umfunktioniert wird, sehe er dann als problematisch an, wenn es zu purer Kommerzialisierung führe. Aber immerhin könne der Nikolaus auch als „Türöffner für weitere und tiefere Inhalte“ dienen.

Die Barienroder Kita St. Nikolaus feiert am 6. Dezember zugleich ihren Namenspatron, dieser hat am Nikolaustag seinen Auftritt mitsamt Mitra und Bischofsstab. „Angst würde ich es nicht nennen, was die Kinder spüren, wenn sie ihn sehen“, meint Schindler, „aber sie staunen schon und haben Ehrfurcht“. „Wichtig ist, darüber zu sprechen, dass es den Nikolaus wirklich gegeben hat“, findet Schindler. In den Legenden um den Heiligen gehe es um Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit – Werte, die auch in anderen Religionen wichtig sind, so dass auch andersgläubige Kinder bei den Erzählungen mit einbezogen werden könnten.

Nikolaus war Bischof in Myra, einer Stadt in der heutigen Türkei, „das finden besonders die Kinder aus türkischen Herkunftsfamilien interessant“, berichtet Birgit Furtner aus der Grundschule Alter Markt und fügt hinzu: „Bräuche und Rituale an der Feiertagen schaffen Highlights und schöne Erinnerungen und stärken die Gemeinschaft.“

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