Mehrum - Nach dem Ausstieg vom Ausstieg war das Steinkohle-Kraftwerk in Mehrum in diesem Jahr stärker gefragt als in den drei Jahren zuvor – obwohl es im August überhaupt erst wieder ans Netz ging. Das geht aus aktuellen Daten der Bundesnetzagentur hervor. Demnach hat der Meiler in der Gemeinde Hohenhameln in fünf Monaten etwas mehr als eine Milliarde Kilowattstunden Strom produziert. Das entspricht dem Jahresverbrauch von rund 300.000 Durchschnittshaushalten.
Rückkehr aus der Reserve
Dabei sollte die Anlage am Mittellandkanal eigentlich im Herbst 2021 vom Netz gehen – und tat das zunächst auch. Geplant war lediglich ein kurzzeitiger Testbetrieb im folgenden Sommer, um dem Übertragungsnetz-Betreiber Tennet bei notwendigen Schaltungen im Zuge des Ausbaus von Umspannwerken und Leitungen rund ums Kraftwerk zu unterstützen.
Doch nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und der folgenden Reduzierung der Gaslieferungen aus Russland beschloss die Bundesregierung, eigentlich schon abgeschaltete Kohlekraftwerke wieder aus der Reserve zu holen. Das Ziel: Die Stromproduktion durch Gaskraftwerke zu reduzieren, um Gas zum Heizen im Winter zu sparen. Im Fokus standen bei dieser Operation jene Kohlekraftwerke, die gerade erst vom Netz gegangen waren – wie Mehrum. Der Meiler ging als erster wieder ans Netz.
Kohle aus Südafrika
Für Geschäftsführer Armin Fieber und die Belegschaft begann eine hektische Zeit. Denn alles war auf das Ende des Betriebs ausgerichtet, viele Beschäftigte waren bereits gegangen oder strebten in die Rente. Der Kraftwerks-Chef zeigte sich zunächst skeptisch, ob er einen Betrieb über den Jahreswechsel hinaus rein personell würde organisieren können. Zudem war zunächst unklar, wo die nötige Steinkohle herkommen sollte – denn bis dahin war Russland der wichtigste Lieferant gewesen.
Doch Fieber gelang es nicht nur, genug Leute zu finden. Der tschechische Eigentümer-Konzern EPH fand auch die nötige Steinkohle, die seither in großen Mengen von Südafrika über das Meer und die norddeutschen Fluss- und Kanalsysteme nach Mehrum gebracht wird.
Wie eine Million Autos
Eine Lieferkette, die zusätzlich dazu beiträgt, dass die Wiederinbetriebnahme von Mehrum fast schon zu einem bundesweiten Symbol für das Dilemma der aktuellen deutschen Energiepolitik geworden ist. Statt mit Erdgas als im Vergleich zur Kohle weniger klimaschädlicher Brückentechnologie die Energiewende voranzutreiben, greift die Bundesrepublik wieder stärker auf Kohle zurück. Auch, weil Kraftwerke wie das in Mehrum wiederum flexibler zu handhaben sind als zum Beispiel Atomkraftwerke.
Der Preis für die Umwelt: Von August bis zum Jahresende hat das Kraftwerk Mehrum rund 800.000 Tonnen CO2 in die Luft gepustet – so viel wie knapp eine Million Mittelklasse-Autos im gleichen Zeitraum ausstoßen. Hinzu kommen noch die Kohletransporte. Emissionen, die überhaupt nicht mehr eingeplant waren – und denen im neuen Jahr weitere folgen werden. Vorerst bis Ende April ist der Betrieb des Kraftwerks genehmigt, bereitgehalten werden soll es bis mindestens 2024.
Oft in Betrieb
In der zweiten Jahreshälfte 2022 lohnte sich der Betrieb jedenfalls offenkundig. Das Kraftwerk Mehrum war gut die Hälfte der möglichen Zeit am Netz und produzierte dabei mehr Strom als jeweils in den kompletten Jahren 2019, 2020 und 2021. Die Mitarbeiter warfen immer dann die Kohleöfen an, wenn der Strompreis an der Leipziger Börse ein bestimmtes Niveau überschritt, die Produktion sich also wirtschaftlich lohnte und zudem der Bedarf da war.
Kommentar: Die Zeit jetzt nutzen für grüne Zukunftspläne
Mehrum - Das Kraftwerk Mehrum ist im vergangenen Jahr zum Sinnbild dafür geworden, wie die deutschen Klimaschutz-Pläne vorerst am Ukraine-Krieg gescheitert sind. Der Betrieb des Steinkohle-Meilers mit seinem immensen CO2 -Ausstoß lohnte sich sogar stärker als in den drei Jahren zuvor, als eher günstige Börsenpreise für Strom die Kohleverstromung oft unattraktiv gemacht hatten – und weniger klimaschädliche Erzeugungsarten den Vortritt bekamen.
Nun mussten selbst die Grünen zähneknirschend froh sein, dass in Mehrum noch die nötige Technik und vor allem das nötige Personal bereitsteht, um die Stromversorgung zu sichern und zugleich Gas zu sparen. Das Kraftwerk lief wie lange nicht mehr. Nach Abschaltung der letzten Kernkraftwerke dürfte es zunächst weiterhin stark gefragt sein. Ob 2024 wirklich endgültig Schluss ist, ist noch nicht absehbar.
Windparks als Lieferanten?
Dennoch liegt darin auch eine Chance. Die Kraftwerks-Verantwortlichen um Chef Armin Fieber hatten schon länger Weitsicht bewiesen. Die Idee, am gleichen Standort eine Produktion für Wasserstoff aus Ökostrom zu etablieren, hat angesichts des vorhandenen Leitungsnetzes und vieler Windparks in der Umgebung einigen Charme. Nun verdient die Anlage länger Geld, hält länger ihr gut ausgebildetes Personal. Umso wichtiger ist es, jetzt das Wasserstoff-Konzept weiter voranzutreiben, zumal die Windkraft weiter ausgebaut werden soll.
Das ist auch für den Landkreis Hildesheim wichtig. Auch hier hungern große Arbeitgeber nach Strom und perspektivisch nach Wasserstoff, auch hier sind große neue Windparks geplant. Derzeit ist Mehrum ein Sinnbild für Probleme der Energiewende. Es kann aber noch zum Sinnbild für ihr Gelingen werden.

