Mehrum - Das Kraftwerk Mehrum hat in der vergangenen Woche bundesweit Schlagzeilen gemacht. Seit März steht der riesige Meiler am Mittellandkanal nördlich von Hohenhameln still. Strom zu produzieren, würde sich derzeit nicht lohnen. Doch die Abschaltung droht der Anlage trotz der aktuellen Debatte um einen deutschen Kohleausstieg noch lange nicht: Bis März 2021 hat der tschechische EPH-Konzern als Eigentümer eine Garantie für den Betrieb abgegeben. Tatsächlich soll es noch mindestens bis 2024 gehen – in anderer Form vielleicht sogar noch Jahrzehnte.
Dass Kohlekraftwerke über mehrere Wochen still stehen oder nur auf Standby laufen, ist nicht ungewöhnlich. Vor allem dann, wenn die Preise an der Leipziger Strombörse niedriger sind als die Erzeugungskosten, die den Anlagen-Betreibern entstehen würden. So begründet auch das Kraftwerk Mehrum den derzeitigen Stillstand – doch den empfinden Branchenkenner mit inzwischen gut vier Monaten als ungewöhnlich lang.
„Ja, das ist keine schöne Situation“, sagt Armin Fieber. Der 57-Jährige hat zum Jahreswechsel die alleinige Geschäftsführung vom langjährigen Chef Bernhard Michels übernommen. „Wenn wir das im März gewusst hätten, hätten wir vielleicht auch anders reagiert.“ Zumindest Kurzarbeit wäre dann wohl ein Thema gewesen. Doch so eine langfristige Planung sei schwierig in der Branche.
Die Preise schwanken
Wie an jeder Börse, so schwanken auch beim Stromhandel in Leipzig die Preise. Ebenso schwanken die Betriebskosten des Kraftwerks, abhängig von den aktuellen Preisen für Steinkohle und CO
Sicher ist: Nachdem die in Mehrum produzierte Strommenge in den Jahren 2016 bis 2018 nach mehrjähriger Talfahrt wieder stieg, „wird sie in diesem Jahr am Ende deutlich geringer ausfallen“, stellt Fieber fest. Auch wenn grundsätzlich im Winterhalbjahr die Nachfrage und damit auch der Preis steige. „Wenn es kälter und früher dunkel wird, steigt einerseits der Bedarf, andererseits steht tendenziell weniger Strom etwa aus Photovoltaik zur Verfügung“, so Fieber.
Eigentümer EPH zahlt derzeit in Mehrum kräftig drauf – Pläne, das Kraftwerk aufzugeben, gibt es in Prag zumindest kurzfristig trotzdem nicht. „Es gibt eine Mindestbetriebsgarantie bis März 2021“, betonte Fieber gestern gegenüber der HAZ. „Alle unsere Planungen sind derzeit allerdings auf einen Betrieb bis 2024 ausgerichtet.“
Dieses Datum hat die Geschäftsführung im Kopf, wenn sie zum Beispiel darüber entscheidet, ob ausscheidende Mitarbeiter ersetzt werden oder ob größere Reparaturen oder Erneuerungen in Angriff genommen werden. Eine solche größere „Revision“, wie die Kraftwerks-Mitarbeiter das nennen, ist bereits für das Jahr 2021 geplant. Dann stecken die Betreiber aller Voraussicht nach noch einmal einen mittleren bis hohen einstelligen Millionenbetrag in das Kraftwerk, um den Betrieb noch weitere Jahre aufrecht erhalten zu können – schließlich ist Mehrum 1979 in Betrieb gegangen und in vielen Bereichen ziemlich in die Jahre gekommen.
Dauert die Energiewende länger?
Diese Pläne passen zu der Strategie, die EPH, eine vom Milliardär Daniel Kretinsky geführte Unternehmensgruppe, seit Jahren verfolgt. Der Tscheche geht davon aus, dass die Energiewende länger dauert als gerade in Deutschland von vielen vermutet, dass fossile Energieträger für die Stromproduktion noch längere Zeit unverzichtbar sind. EPH hat in den vergangenen Jahren auch die Braunkohle-Werke von Vattenfall in Ostdeutschland übernommen. Als „Wette darauf, dass die Energiepolitik einiger europäischer Staaten wie auch Deutschlands nicht durchdacht ist“, bezeichnete eine Prager Wirtschaftszeitung vor einigen Jahren Kretinskys Konzept. Eine, die auch Mehrum-Chef Armin Fieber nachvollziehen kann (siehe weiterer Text).
Zu dieser „Wette“ gehört auch die Annahme, dass der bevorstehende Atomausstieg in Deutschland die Preise auch an der Leipziger Strombörse dauerhaft steigen lassen könnte – über jenen Wert grob zwischen 4,5 und 5 Cent pro Kilowattstunde hinaus, bei dem die Stromproduktion im Kraftwerk Mehrum in der Regel rentabel wird.
Über Mitte bis Ende des nächsten Jahrzehnts kann der Betrieb allerdings schon aufgrund des Alters des Kraftwerks nicht hinausgehen. „Dann wären Investitionen in Dimensionen nötig, die kaum darstellbar wären“, sagt Fieber.
Doch darstellbar wäre möglicherweise etwas anderes: nämlich das Kohlekraftwerk in Teilen abzureißen und dort ein neues Gaskraftwerk zu bauen. „Machbarkeitsstudien dazu haben wir schon erstellt“, sagt Fieber. Zum Ergebnis will er nicht viel sagen. Nur: „Dass es völlig abwegig wäre, kam jedenfalls nicht dabei heraus.“ Für die Idee spricht unter anderem die Tatsache, dass es bereits einen genehmigten Kraftwerks-Standort gibt. Zudem schätzt der Netzbetreiber Tennet die zentrale Lage des Meilers.
So ein Neubau dürfte allerdings 70 bis 100 Millionen Euro kosten. Diese Entscheidung dürfte sich selbst ein Milliardär wie Daniel Kretinsky nicht leicht machen.
Kein Gegner der Energiewende
Dass das Mehrumer Kraftwerk derzeit stillsteht, hängt vor allem auch mit den Auswüchsen der Energiewende -zusammen. Weil derzeit viel Wind- und Solar-Strom angeboten wird, ist das Kohlekraftwerk nicht konkurrenzfähig.
Dennoch findet der Mehrumer Kraftwerkschef Armin Fieber den Atom- und Kohleausstieg grundsätzlich sinnvoll. Dass es dazu einen politischen Konsens in Deutschland gibt, findet Fieber gut. „Wir sind kein Gegner der Energiewende“, betont er.
Neulich hat er sich in Mehrum sogar mit Vertretern der „Fridays for Future“-Bewegung - getroffen. „Im Grunde haben die recht“, findet der Diplom-Ingenieur. Ganz und gar nicht einverstanden ist der Geschäftsführer des Kraftwerks allerdings damit, wie die Energiewende in Deutschland umgesetzt wird: „Ich halte das für handwerklich extrem schlecht gemacht“, meint Fieber: „Was wir da anzetteln, ist eine Belastung der Bundesrepublik singulär, die über das Ziel hinausschießt.“
Als Beispiel nennt er die Stromautobahn Südlink -. Diese habe eigentlich 2019 mit dem Abschalten des Kernkraftwerks Philippsburg in Betrieb genommen werden sollen. Nun sei das Kraftwerk immer noch in Betrieb und der Leitungsbau habe noch nicht begonnen.
Kritisch sieht Armin Fieber auch die Arbeit der Kohlekommission -. Dort hätten nur zwei Personen gesessen, die Ahnung hätten, meint Fieber: Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) und der Geschäftsführer des Energie-Lobbyverbands BDEW, Stefan Kapferer.
Wenn es nach Fieber ginge, würden bei der Diskussion um Energiewende und Kohleausstieg weniger Einzelinteressen berücksichtigt. Stattdessen wünscht er sich ein „Durchregieren“ - der Politik. „Ich denke, dass das der einzige Weg ist, wie man ein solches Projekt durchsetzen kann.“
Die öffentliche Diskussion um die Treibhausgasemissionen - ist nach Meinung von Fieber zu sehr auf den Beitrag des Kohlendioxids und dabei auf den Faktor Kraftwerke verengt. Mit 72 Prozent sei das Kohlendioxid zwar ein wichtiger Faktor beim Klimawandel, aber eben nicht der einzige. Der Kohlendioxid-Ausstoß wiederum kommt zu knapp 30 Prozent aus den Schornsteinen der Kraftwerke. Weitere wichtige Faktoren sind die Industrie (20 Prozent) und der Verkehr (14 Prozent).
