HAZ-Interview

Krisen vom ersten Arbeitstag an: Halbzeit für den Hildesheimer Landrat Bernd Lynack – eine Bilanz

Kreis Hildesheim - Halbzeit im Kreishaus: Seit zweieinhalb Jahren ist Bernd Lynack Landrat im Kreis Hildesheim. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Hat er geschafft, was er schaffen wollte? Wo hakt es? Und weiß er, ob er 2026 seinen Hut erneut in den Ring wirft?

Weihnachtshochwasser 2023: Landrat Bernd Lynack (Mitte) informiert sich in Sarstedt über die Lage. Foto: Jan Fuhrhop (Archiv)

Kreis Hildesheim - Halbzeit im Kreishaus: Seit zweieinhalb Jahren ist Bernd Lynack Landrat im Kreis Hildesheim. Im November 2021 wechselte der Sozialdemokrat, der zuvor Mitglied des Niedersächsischen Landtages war, auf den obersten Verwaltungsposten in seiner Heimat. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Hat er geschafft, was er schaffen wollte? Wo hakt es? Und weiß er schon, ob er 2026 seinen Hut erneut in den Ring werfen will?

Herr Lynack, Landrat oder Landtagsabgeordneter, was sind Sie lieber?

Landrat, ganz klar Landrat.

Warum?

Die Auswirkungen dessen, was ich hier mache, kommen sofort bei mir an. Im Landtag ist das alles viel weiter weg. Ich hatte ja immer das Glück, nebenbei Kommunalpolitik machen zu dürfen. Da konnte ich mir also ungefähr vorstellen, was am Ende rauskommt. Jetzt bekomme ich direkt vor meiner Haustür mit, was nicht so gut läuft.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich bin ein Verfechter der Inklusion. Ich habe damals im Landtag auch dafür gestimmt, dass die Förderschulen Lernen abgeschafft werden sollen. Ich bin erfahrener geworden. Ich bekomme heute – auch als Familienvater – mit, wie sich die Entscheidung vor Ort auswirkt. Heute weiß ich, wie gut die Förderschulen Lernen im Landkreis Hildesheim gearbeitet haben, welche Auswirkungen deren Abschaffung auf die anderen Schulen hat und was das insbesondere auch für die betroffenen Kinder bedeutet. Ich würde heute anders abstimmen.

Ihre Amtszeit ist ja bislang schon von so einigen wichtigen Themen geprägt gewesen, die Flüchtlingskrise zum Beispiel ...

Los ging es aber mit Corona. Das haben wir schon fast wieder vergessen. Gleich an meinem ersten Arbeitstag komme ich ins Büro und sollte innerhalb einer Viertelstunde eine Allgemeinverfügung zum Maskengebot in der Fußgängerzone unterschreiben und freigeben.

Und dann?

Dann habe ich zwei Kollegen zu mir gebeten, die mir das genau erklärt haben. Und dann haben wir das auf den Weg gebracht. So ging es Schlag auf Schlag mit Corona weiter. Es kamen der nächste Lockdown, die Montagsdemonstrationen – das war eine ernste Lage. Und dann hat Putin die Ukraine brutalst überfallen. In der Folge hatten wir eine Gas-Mangel-Lage, sind die Flüchtlingsströme in Bewegung gesetzt worden. Und das gesamte Tagesgeschäft war auch noch zu bewältigen. Das ist ein Riesenspagat. Die Karten mit meinen Wahlversprechen habe ich an meinem ersten Arbeitstag auf den Schreibtisch gelegt, wollte alle sechs Wochen eine abarbeiten. Nach drei Monaten habe ich sie gefrustet in eine Schublade geworfen. Aber jetzt habe ich sie wieder vorgeholt und mich gefreut, dass trotz allem vieles davon inzwischen im Werden ist.

Lockdown, Maskenpflicht, verschiedenste Coronaauflagen – rückblickend: Ist im Landkreis Hildesheim alles gut gelaufen? Sie hatten ja auch kaum Einfluss auf die Dinge?

Ja, ich denke schon, dass hier alles gut gelaufen ist. Ich fühlte mich in diesen Krisenzeiten von der damaligen Gesundheitsamtsleiterin Katharina Hüppe gut begleitet und ich konnte mich auf den gesamten Corona-Stab verlassen. Was wohl mit allen etwas gemacht hat, war dieses „rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“. Lockdown ja oder nein, Impfen gut oder schlecht, Masken rauf oder runter. Das ging auch an den jungen Menschen nicht spurlos vorüber. Die Auswirkungen bemerken wir heute, wenn wir die Zahlen der Jugendhilfe betrachten.

Noch ganz akut ist die Flüchtlingskrise. Aber nichtsdestotrotz scheinen beispielsweise die Wohnungsprobleme kleiner geworden zu sein. Zumindest hat man derzeit den Eindruck. Stimmt das?

Uns werden aktuell „nur“ zehn Personen pro Woche zugewiesen, das gibt uns ein bisschen Luft zum Atmen. Nach meiner Ansage, es sei zwei Minuten vor Zwölf, wurden uns zudem ein paar neue Alternativen aufgezeigt. Die Hotels, die wir derzeit belegen, sind die teuerste Art der Unterbringung. Und wir müssen einfach immer auch ein Auge auf die Kosten haben. Deshalb planen wir, ein bis zwei Container-Standorte aufzubauen. Wenn wieder viele Menschen kommen, brauchen wir die zusätzlich. Wenn es aber so weiter geht wie bislang, können wir eventuell auf einige Hotels verzichten. Im Moment haben wir noch 333 freie Plätze. Die Situation bleibt aber grundsätzlich schwierig. Die Kommunen wissen um geeignete Flächen, doch wenn es an die konkrete Planung geht, heißt es eben auch oft, aber auf keinen Fall hier bei uns.

Ist Harsum als Container-Standort noch im Rennen?

Nein. Tatsächlich wäre das aber die einzige freie und geeignete kreiseigene Fläche. Die beiden Flächen, die wir im Blick haben, gehören nicht uns. Sollte dort ein Rückzieher kommen, müssten wir wieder über Harsum sprechen. Vor dem Widerstand dort würde ich mich auch nicht scheuen. Allerdings würden sich die Kosten für die notwendige Erschließung der Standfläche auf etwa 650.000 Euro belaufen. Wir müssten im Bedarfsfall also sehr gut abwägen.

Große Bedenken gab es ja im Vorfeld in Lamspringe ...

... und da läuft es inzwischen Hand in Hand. In einer kontroversen Diskussion bot neulich eine Dame aus Lamspringe an, die Kritiker in die Gemeinde einzuladen, um zu zeigen, wie reibungslos dort alles funktioniert.

Keine Amtsbilanz ohne eine Frage zum Thema Hochwasser. Herr Lynack, war der Kreis Hildesheim beim Weihnachtshochwasser besser vorbereitet als beim Sommerhochwasser 2017?

Absolut. Ich sage das allen Feuerwehren und Katastrophenschutzeinheiten: Das war wirklich großes Kino. Das Zusammenspiel aller Beteiligten hat wunderbar funktioniert. Es war auch richtig, die Leitung des Krisenstabs an die Erste Kreisrätin abzugeben. Der Landrat gehört besonders in Krisenzeiten zu den Menschen vor Ort. Und die Verantwortung trage ich ja sowieso, die kann ich nicht abgeben. Nach dem Hochwasser war mir aber auch klar, dass wir noch mehr tun müssen. Deshalb bin ich der Mehrheitsgruppe sehr dankbar, dass sie den Antrag für den Feuerwehrfachzug gestellt hat. Und der wurde ja auch einstimmig genehmigt.

Auch wenn der Hochwassereinsatz gut geklappt hat – wir wissen, wir brauchen dringend den Schutz vor der Kreisgrenze, die großen Rückhaltebecken. Die sind seit 2017 im Gespräch, weitestgehend geplant, doch es geht nicht voran, weil das Geld fehlt. Macht sie das nicht wütend?

Oh ja. Zusammen mit den anderen Bürgermeistern und Landräten des Hochwasserschutzverbandes haben wir erst neulich wieder ein Gespräch mit Umweltminister Christian Meyer dazu geführt. Wir haben ihm klar gemacht, dass er in der Verantwortung steht, auch wenn sein Vorgänger das Geld zugesagt hatte. Es fehlt noch immer das Geld für das Rückhaltebecken Bornhausen. Genau das ist aber ganz wichtig für uns. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, die Planung ist fertig. Jetzt ist das Land am Zug. Und im Übrigen hat der Ministerpräsident während des Hochwassers auch mehrfach betont, dass es gut und richtig investiertes Geld ist, das in den präventiven Hochwasserschutz gesteckt wird.

Wie glaubwürdig sind denn diese Zusagen überhaupt noch?

Wir stehen kurz vor der Haushaltsklausur des Landeskabinetts, das wiederum noch unter dem Eindruck des Weihnachtshochwassers steht. Ich bin verhalten optimistisch, dass der Fonds nun tatsächlich aufgestockt wird. Alleine könnten die Kommunen das nämlich nicht leisten.

Und es gibt ja noch eine Vielzahl weiterer Schutzmaßnahmen, zum Beispiel entlang Alme und Riehe.

Ja, das sind die kleineren Maßnahmen, die über das NLWKN laufen. Und auch dazu: Über das ganze Land gesehen, stehen dafür 24 oder 25 Millionen Euro zur Verfügung. Das ist doch ein Witz.

Der Landkreis selbst hat auch enorme Ausgaben vor der Brust. Zum Beispiel für seine Immobilien. Sanierungen und Neubauten. Es war mal von 280 Millionen Euro die Rede, jetzt heißt es, es würden sogar 400 Millionen werden.

Wer sagt das?

Die Zahl kursierte in mehreren Gremien.

Also, wir haben noch keinen endgültigen Strich unter die Rechnung gemacht. Das gehört ja auch zur ersten Amtshälfte dazu: Ich bin jetzt noch dabei, die Ecken im Keller auszukehren. Wir erheben derzeit alle nötigen Daten. Wenn wir uns davon ausgehend die unterlassenen Gebäudeunterhaltungen ansehen, kann ich nur feststellen, dass in den vergangenen Wahlperioden nicht viel passiert ist. Anerkannte Investitionsrichtlinien sind unter Billigung des Kreistages nicht beachtet worden. Und wenn das schon seit den 90er Jahren so geht, dann kann uns jetzt niemand vorwerfen, dass wir das nicht hinbekommen. Ich bin erst seit zweieinhalb Jahren Landrat. Die Versäumnisse ziehen sich schon deutlich länger hin. Dann muss man sich jetzt gegenseitig unterhaken und zusehen, wie man es wieder hinbekommt. Sicherheit geht für mich auf alle Fälle vor, Klimaschutz spielt ebenfalls eine große Rolle. Und erst danach geht es um die Dinge, die schön wären, wenn man sie hätte. Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen uns jedenfalls nicht weiter. Ich will alle ins Boot holen, damit wir gemeinsam Entscheidungen fällen.

Nun lasten auf dem Landkreis ja noch ganz andere erhebliche Ausgaben. Was meinen Sie, wie kann der Kreis das alles wuppen?

Den Gebäudesanierungen steht ja noch immer ein Wert gegenüber. Aber ich habe grundsätzlich einen großen Respekt vor Schulden. Wir müssen uns genau überlegen, dass wir jeden Euro nur einmal ausgeben können. Wir haben zusammen mit dem Kreistag schon einen Arbeitskreis Haushaltskonsolidierung, für den ich auch sehr dankbar bin. Sobald unsere Prioritätenliste für die Gebäude steht, müssen wir mit der Kommunalaufsicht klären, wie wir die Maßnahmen über einen Zeitraum strecken können, der uns solche Investitionen ermöglicht.

Wie realistisch ist in so einer Situation der Neubau oder die umfangreiche Sanierung des Solebades in Bad Salzdetfurth? Sie haben sich ja grad ganz aktuell öffentlich zum Kurbetrieb und dem Erhalt des Bades bekannt.

Der Kurbetrieb wird über eine Verlustabdeckung der Gesellschafter finanziert. Ich würde also schon erwarten, dass die Sanierungen auf das Konto des Kurbetriebes selbst gehen. Schulden werden dafür erforderlich sein. Aber es kann sicherlich Einsparungsmöglichen und Synergieeffekte geben.

Mit Blick auf die gesamte Finanzsituation: Hat der Landkreis ein Einnahme- oder ein Ausgabenproblem?

Ich bleibe dabei, wir haben ein Einnahmeproblem. Lediglich rund 20 Millionen des gesamten rund 700-Millionen-Euro-Etats sind freiwillige Sachleistungen. Das ist nicht viel. Wenn es eine Kürzung bei den Zuweisungen aus dem Finanzausgleichsgesetz gibt, dann wird das sehr kritisch für uns. Denn neben der Jagdsteuer ist die Kreisumlage die einzige Einnahmequelle.

Lassen Sie uns nochmal über die Berufsschulen reden. Der Druck ist groß.

Ja, den empfinde ich auch. Es war gut, dass zwischenzeitlich nochmals viele Alternativen auf dem Tisch lagen. Die haben wir alle geprüft. Am Ende blieb wirklich nur die Von-Thünen-Straße für den Neubau der Herman-Nohl-Schule. Gibt es jetzt Entscheidungen in Kreistag und Stadtrat, können wir endlich, endlich bald anfangen zu bauen.

Es drängte sich ja zuletzt sehr der Verdacht auf, dass das Thema ein echtes Politikum geworden war – in Kreistag und Stadtrat. Dadurch ging viel Zeit ins Land. Das ist den Betroffenen doch kaum mehr zu erklären, oder?

Jeder will für seinen Bereich natürlich erst einmal das Beste bewirken. Aber dann muss man sich annähern. Über die Parteigrenzen hinweg habe ich aber auch feststellen können, dass der Stadtrat die Berufsschulen in der Stadt halten wollte. Und dass alle Beteiligten wollen, dass es schnell geht. Schon deshalb blieb am Ende nur die Von-Thünen-Straße.

Eins ihrer Wahlziele war die Verbesserung des Verhältnisses zu den Kommunen. Von außen betrachtet, sieht es nicht so aus, als wenn das bislang geglückt ist, oder?

Das ist wirklich nur der erste Blick. Ich ärgere mich auch öfter mal, aber ich bin auch stolz auf diese Gemeinschaft. Zum Beispiel, als es darum ging, den Menschen aus der Ukraine zu helfen. Der zwischen dem Kreis und den Kommunen geschlossene Vertrag, um die Kosten für die Versorgung der Geflüchteten zu stemmen, sucht seinesgleichen. Jetzt sind wir gerade beim Aushandeln des Kita-Vertrags – sehr auf Augenhöhe, respektvoll und freundschaftlich und im gegenseitigen Wissen, dass wir ja eigentlich alle blank sind. Den Eltern ist es egal, ob wir uns untereinander zoffen. Es geht darum, die Kinderbetreuung weiterhin gut sicherzustellen. Das ist unsere Aufgabe.

Im Kreistag weht ihnen aus Richtung der Opposition ein sehr scharfer Wind entgegen: Die Verwaltung, vor allen Dingen aber der Landrat macht seinen Job nicht richtig, ist der Tenor. Wie gehen Sie damit um?

Manchmal ist es schon hart. Aber ich mache meinen Job jeden Tag nach bestem Wissen, Gewissen und mit viel Leidenschaft. Und es ist ja leicht, sich hinzustellen und zusagen, da läuft es nicht richtig, da dauert es zu lange. Zu wissen, dass es weiterhin einen Personalmangel gibt, dann aber auch noch Anträge in einer Detailtiefe zu stellen, die eine Beantwortungszeit von 140 Stunden für eine einzige Anfrage nach sich ziehen, ist in meinen Augen unglaubwürdig. Aber es gibt keine Alternative, wir sind verpflichtet die Anfragen zu beantworten. Doch wenn der Gesetzgeber gewollt hätte, dass Kreistagsabgeordnete in einer derartigen Tiefe in die Bearbeitung miteinsteigen, dann hätte er Kreistage zu Berufsparlamenten gemacht und die Verwaltungen mit mehr Personal ausgestattet. Aber so ist es nicht.

Würden sie sich politische Unterstützung wünschen, um Paroli zu bieten?

Ich würde mir gesunden Menschenverstand und gesunden Pragmatismus wünschen.

Ihre erste Amtshälfte war von etlichen Krisen geprägt, welche Herausforderungen gilt es in der zweiten zu bewältigen?

Wir müssen die Verwaltungsabläufe verbessern. Das bedeutet, die Personalsituation zu entschärfen, Prozesse zu optimieren und die Digitalisierung weiter voranzutreiben.

Konnten Sie die angestrebte Bürgernähe schon verbessern?

Durchaus. Ich biete Sprechstunden an, besuche Firmen, bin auf Sommertour und wir sind in den Sozialen Medien aktiv. Selbst beim Einkaufen habe ich Kontakt zu den Bürgern und Bürgerinnen, werde immer wieder angesprochen. Und das genieße ich sehr.

Herr Lynack, sie haben ja eingangs, ohne zu zögern, den Job des Landrates dem des Landtagsabgeordneten vorgezogen. In zweieinhalb Jahren müssten sie ihren Hut wieder in den Ring werfen, wenn sie weitermachen wollten. Werfen Sie?

Na, das können Sie aber mal glauben.

Interview: Ulrike Kohrs und Thomas Wedig

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