Hildesheimer Metallgießerei in der Krise

400 Entlassungen bei KSM: Hildesheim am stärksten betroffen

Hildesheim - Massenentlassungen bei KSM: Nachdem die Metallgießerei seit Wochen in finanziellen Schwierigkeiten ist, gibt sie nun bekannt, dass 400 der 1800 Arbeitsplätze wegfallen. Hildesheim ist am stärksten betroffen.

Die Skulptur am Werkstor von KSM ist aus den Handabdrücken der Mitarbeiter geformt worden. Sie soll Solidarität ausdrücken. Foto: Archiv

Hildesheim - Jetzt kommt es für die Belegschaft der Metallgießerei KSM knüppeldick: In den kommenden Monaten sollen von den derzeit 1800 Arbeitsplätzen in Deutschland 400 gestrichen werden. Am härtesten trifft es das Stammhaus am Cheruskerring: Von den aktuell noch 900 Mitarbeitern sollen 270 gehen – fast jeder Dritte. Die Geschäftsleitung spricht von einer Anpassung der „Personalkapazitäten“ an den geschrumpften Automobil-Markt.

Am 2. Juli hatte KSM einen Insolvenzantrag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung gestellt. Seither läuft eine Sanierung in Eigenverwaltung im Rahmen eines Schutzschirm-Verfahrens. Damit kann die Geschäftsleitung, unterstützt von einem externen Insolvenz-Experten, weiter eigenständig Entscheidungen treffen. Zum vorläufigen Sachwalter bestellte das hiesige Amtsgericht Rechtsanwalt Dr. Rainer Eckert.

„Nur so können wir wieder wettbewerbsfähig werden“

„Obwohl wir aktuell einen sehr guten Auftragseingang verzeichnen, wissen wir, dass es sich hier überwiegend um Nachholeffekte des vorangegangenen Corona-Lockdowns handelt“, sagt Dr. Zhihua Zhu, Geschäftsführer der KSM Castings Group GmbH. Die aktuellen Absatzzahlen der Autoindustrie und der Ausblick der Marktforscher seien hingegen eindeutig. „Wir werden um eine Anpassung unserer Personalkapazitäten und der Kostenstruktur, einschließlich der verbleibenden Personalkosten, nicht herumkommen. Nur so können wir wieder wettbewerbsfähig werden.“

Ziel sei, den verbliebenen Beschäftigten „eine langfristige Perspektive zu geben“. Alle vier deutschen Standorte sollen erhalten bleiben. Alle vier Standorte müssen aber Personal entlassen. Hildesheim als Keimzelle eines der führenden Automobilzulieferer für Leichtbau-Gusskomponenten aus Aluminium und Magnesium für Fahrwerk, Getriebe, Motoren muss den größten Aderlass hinnehmen – nicht nur in der Produktion, sondern auch in der Verwaltung. Für den Standort Bergisches Land (Wuppertal und Radevormwald) ist ein Abbau von 90 Stellen bei 430 Mitarbeiter angekündigt, in Wernigerode fallen 30 der 400 Stellen weg.

Absatzeinbrüche in der Automobilindustrie

Der Stellenabbau sei Teil des Restrukturierungskonzepts und Sanierungsplans, den KSM bis Ende September dem Amtsgericht vorlegen will. Der Abbau soll sich über mehrere Monate erstrecken. KSM will mit dem Gesamtbetriebsrat in den nächsten Wochen zudem einen Interessenausgleich und Sozialplan verhandeln, darüber hinaus mit der IG Metall für die verbleibenden Mitarbeiter einen neuen Sanierungstarifvertrag aushandeln, kündigt das Unternehmen an.

Auslöser der Massenentlassung seien Absatzeinbrüche und Produktionsüberkapazitäten in der Automobilindustrie. Nach einem Bericht des Handelsblatts, der sich auf den Verband der Automobilindustrie (VDA) stützt, brach der Pkw-Absatz im ersten Halbjahr in Deutschland um 35 Prozent, EU-weit sogar um 39 Prozent ein, entsprechend sank die Auslastung der Fabriken. Experten befürchten, dass die Verkaufszahlen in der EU erst 2023 wieder Vor-Corona-Niveau erreichen. Zu den Kunden von KSM zählen praktisch alle namhaften Automobilhersteller und Zulieferer wie Volkswagen, Daimler, BMW, ZF, Benteler, Bosch. Das Unternehmen erwirtschaftete 2019 noch einen Umsatz von 360 Millionen Euro. Zu Umsatzzahlen aus diesem Jahr gibt KSM keine Auskunft.

Insolvenz nur in Deutschland

Als inhabergeführter Betrieb hatte KSM 1947 als Kloth-Senking begonnen. 1978 ging die Gießerei an den Salzgitter-Konzern, 1989 zu Thyssen, aus dem 1999 Thyssen-Krupp wurde. Als der Konzern in Schwierigkeiten geriet, verkaufte er KSM als Tafelsilber 2005 an den britischen Finanzinvestor Cognetas, der kräftig investierte. 2011 verkaufte er KSM an einen strategischen Investor: Der chinesische Staatskonzern Citic gliederte KSM in seine Industriesparte Citic Dicastal ein, einen der weltgrößten Räderproduzenten. Bei der Übernahmefeier im Dezember 2011 regnete es im Cheruskerring noch goldenes Konfetti. Inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt.

An fünf Produktionsstandorten in Deutschland und Tschechien arbeiten in der GmbH derzeit 2350 Mitarbeiter. Der Insolvenzantrag bezieht sich aber nur auf die deutschen Standorte. Darüber hinaus sind in der Zeit von Citic Dicastal mehrere neue Standorte entstanden: allein vier in China, einer in den USA. Sie gehören aber nicht zur GmbH, sondern unterstehen der Muttergesellschaft Citic Dicastal.

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