Fragen und Antworten zur Statistik

Land, Kreis, RKI: So kommt es zur Konfusion bei den Corona-Zahlen

Kreis Hildesheim - Für die Unterschiede gibt es Erklärungen, auch wenn die oft schwer nachvollziehbar sind. Welche Zahlen nimmt die HAZ, und warum? Die große Übersicht.

Ein Corona-Test ist ein Corona-Test - doch wann positive Labor-Ergebnisse wo in die Statistik einfließen, ist oft schwer nachvollziehbar. Die HAZ beantwortet die wichtigsten Fragen. Foto: HAZ-Archiv/Werner Kaiser

Kreis Hildesheim - Das Land meldet 15 Corona-Fälle, der Landkreis 16. Beim Land ist von 182 Todesfällen die rede, beim Kreis nur von 122. Und beim Robert-Koch-Institut ist die Inzidenz für Hildesheim oft viel niedriger als beim Land. Woran liegt das? Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den täglichen Corona-Statistiken.

Die täglichen Zahlen für Neuinfektionen mit dem Coronavirus zwischen Landkreis, Land und Robert-Koch-Institut stimmen selten überein, manchmal gibt es sogar deutliche Unterschiede. Warum? -

Die Daten werden zu unterschiedlichen Stich-Zeitpunkten erhoben. Datenstand beim Land ist 9 Uhr, Datenstand beim Landkreis 9.30 Uhr jedes Tages. Die Differenzen sind meist nur gering, in Ausnahmefällen aber auch sehr groß – etwa, wenn beim Landkreis eine Meldung über zahlreiche Corona-Fälle zum Beispiel in einem Altenheim gebündelt an einem Tag berücksichtigt wurde, beim Land hingegen bereits am Vortag.

Wie berechnet man die Sieben-Tage-Inzidenz für Neuinfektionen? -

Man nimmt die Summe aller Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage, also zum Beispiel vom Mittwoch vergangener bis zum Dienstag dieser Woche. Diese Zahl teilt man durch die Einwohnerzahl des Landkreises (275.817 zum Stichtag 31. Dezember 2019) und multipliziert sie dann mit 100.000. Durch diese Berechnung werden die Infektionszahlen aller Landkreise in Deutschland, die extrem unterschiedliche Einwohnerzahlen haben, miteinander vergleichbar, weil die Zahl der Neuansteckungen in Relation zur Einwohnerzahl steht.

Errechnet man aus den Zahlen des Landkreises die Sieben-Tage-Inzidenz, kommt man nicht auf das offizielle Ergebnis des Landesgesundheitsamtes. Warum? -

Das liegt eben daran, dass beide Behörden die Zahlen zu unterschiedlichen Stich-Zeitpunkten erheben.

Aber selbst, wenn man die vom Land gemeldeten Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage als Grundlage nimmt, kommt man oft nicht auf die richtige Inzidenz. Wie kann das sein? -

Tatsächlich ergibt sich auch bei der Aufsummierung der täglich genannten Neuinfektionen in der Landesstatistik oft nicht der Inzidenz-Wert, der dann offiziell gemeldet wird. Das fiel erstmals Mitte November auf – da gab es an einem Mittwoch mehr Neuinfektionen als am Mittwoch der Vorwoche, trotzdem sank die offizielle Inzidenz.

Eine HAZ-Nachfrage beim Landesgesundheitsamt ergab seinerzeit: Die Daten sind nie ganz aktuell. Das heißt, unter an einem Tag gemeldeten 45 Neuinfektion können auch welche sein, die in Wahrheit schon einen oder zwei Tage vorher aufgetreten sind, aus organisatorischen Gründen aber jetzt erst gemeldet wurden. Das Landesgesundheitsamt korrigiert dies dann immer nach. Heißt: Wenn es zum Beispiel am vergangenen Mittwoch 50 gemeldete Fälle gab (die ja eigentlich in der Inzidenz am heutigen Dienstag noch berücksichtigt gewesen sein müssen), können beispielsweise drei, acht oder 15 davon im Nachhinein dem vergangenen Dienstag oder Montag zugeordnet worden sein. Entsprechend sinkt die Zahl der Neuinfektionen am Mittwoch vergangener Woche und damit auch die Gesamtzahl der letzten sieben Tage, die ja Grundlage für die Berechnung der Inzidenz ist. So kann es zu der vermeintlichen Widersprüchlichkeit kommen.

Das Robert-Koch-Institut wiederum meldet für den Landkreis oft Inzidenzen, die weder zu den Daten des Landes noch zu denen des Landkreises passen. Wie kommt das? -

Das Robert-Koch-Institut greift grundsätzlich auf die Daten des Landesgesundheitsamtes zurück. Dabei kommt es aber immer wieder zu Fehlern, auch in dieser Woche. Das RKI meldete am Montagnachmittag den Inzidenzwert von 91,0, den auch das Land angegeben hatte. Um Mitternacht strich das Institut allerdings den ältesten Tageswert, in diesem Fall die Neuinfektionen vom Dienstag vergangener Woche – konnte aber die Zahl für den aktuellen Dienstag noch nicht berücksichtigen, da sie noch nicht vorlag.

So gab das RKI am Dienstagvormittag die Sieben-Tage-Inzidenz mit dem niedrigen Wert von 82,3 an, der in Wahrheit aber nur eine Sechs-Tage-Inzidenz darstellte. Auch im Lauf des Tages pflegte das RKI die vom Land am Dienstag gemeldeten 16 Neuinfektionen für Hildesheim nicht ein. Am Mittwoch strich das RKI auch die Werte vom Mittwoch vergangener Woche – wiederum, ohne die neuen Daten einzupflegen. Am Donnerstagmorgen ließ sich dann zunächst überhaupt nicht mehr nachvollziehen, aus welchen Zahlen sich die Daten des RKI genau speisten.

Das Ergebnis: Ein Inzidenzwert von 58,0. Schön, aber weit entfernt von der Realität. Solche Effekte gibt es seit Monaten immer wieder, die Inzidenzwerte des RKI sind also oft nicht aussagekräftig.

Warum nimmt die HAZ bei den Neuinfektionen die Zahlen des Landkreises, bei der Inzidenz aber die Angaben des Landes? -

Bei den Neuinfektionen nimmt die HAZ-Redaktion die Zahlen des Landkreises, weil die Kreisverwaltung die Daten auch aufgeteilt nach Städten und Gemeinden sowie Altersgruppen zur Verfügung stellt. Bei der Inzidenz nimmt sie die Daten des Landes, weil diese die amtlichen Inzidenzwerte darstellen, die gegebenenfalls auch die offiziellen Richtwerte für Verschärfungen oder Lockerungen von Corona-Schutzmaßnahmen.

Wie verlässlich sind die Zahlen zu Corona-Patienten in den Krankenhäusern? -

Das ist fraglich. Der Landkreis nennt Zahlen auf Basis der Rückmeldungen der vier Hildesheimer Krankenhäuser. Die Kreisverwaltung hat bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass die Entlassung von Corona-Patienten nicht immer gemeldet wird. Von daher ist davon auszugehen, dass die Zahl der Corona-Patienten in Krankenhäusern tendenziell zu hoch ist. Allerdings sind die zahlen Stichproben zufolge in den vergangenen Wochen verlässlicher geworden.

Mit Sicherheit korrekt sind hingegen die täglich aktualisierten Zahlen der Patienten auf den Intensivstationen und an den Beatmungsgeräten, da diese von den Kliniken täglich an das bundesweite DIVI-Zentralregister gemeldet und von diesem stündlich aktualisiert veröffentlicht werden.

Was bedeutet konkret „infektiös“? -

Als infektiös bezeichnet das Gesundheitsamt Corona-Infizierte, bei denen davon auszugehen ist, dass sie so stark mit Viren belastet sind, dass sie andere anstecken können und die folglich in Quarantäne müssen. Je nach Viruslast beim positiven Test legt das Gesundheitsamt nach Vorgaben des Robert-Koch-Instituts eine bestimmte Zahl von Tagen fest, wie lange die Betroffenen als infektiös gelten.

Und was heißt „genesen“? -

Das ist ein etwas missverständlicher Begriff. Der Landkreis beschreibt damit diejenigen, die eine Corona-Infektion hinter sich haben und nicht mehr infektiös sind. Missverständlich ist der Begriff deshalb, weil mit „genesen“ im allgemeinen Sprachgebrauch ausgesagt wird, dass jemand nicht mehr krank ist. Allerdings erkrankt nur ein Bruchteil der Corona-Infizierten tatsächlich an Covid-19.

Die Zahl der Todesfälle, die der Landkreis und auch die HAZ melden, ist an vielen Tagen und vor allem in der Summe deutlich geringer als die Zahl der Todesfälle, die das Landesgesundheitsamt und das Robert-Koch-Institut melden. Woran liegt das? -

Das liegt daran, dass das Landesgesundheitsamt, dessen Daten das RKI übernimmt, bei den Todesfällen nicht differenziert, ob die Betroffenen „an“ oder „mit“ dem Coronavirus gestorben sind. Das Gesundheitsamt des Landkreises legt Wert auf die Unterscheidung, ob jemand ohne die Corona-Infektion und die folgende Erkrankung noch leben würde, oder ob er umgekehrt auch ohne die Ansteckung gestorben wäre. Mit Stand von Dienstag zählten Land und RKI 182 Corona-Tote im Kreis Hildesheim, der Landkreis selbst definiert nur 122 Betroffene so. Unabhängig von der Zählweise sind gut 90 Prozent der Todesopfer Bewohner von Alten- und Pflegeheimen.

Wieso ist es nicht möglich, dass alle staatlichen Ebenen zu allen wesentlichen Kennwerten deckungsgleiche Zahlen liefern?

Das ist äußerst ärgerlich, zumal diese unterschiedlichen Daten das Vertrauen in die Korrektheit der staatlichen Angaben erschüttern. Die Gründe sind vielfältig. So arbeiten nicht alle Gesundheitsämter auch an Wochenenden (die Behörde des Landkreises Hildesheim ist auch samstags und sonntags im Dienst). Ein Grund ist aber auch die Übermittlung. Theoretisch sollte es im Zeitalter der Digitalisierung möglich sein, alle Daten in Echtzeit von der lokalen bis auf die Bundesebene durchzugeben. In der Praxis nutzen die Behörden E-Mails, Faxe und viele weitere unterschiedliche Instrumente für die Verarbeitung und Weitergabe der Daten.

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