Mobilität

Landkreis Hildesheim schmiedet Pläne für Nahverkehr der kommenden fünf Jahre – mit einer Reihe konkreter Ideen

Kreis Hildesheim - Der Landkreis Hildesheim arbeitet an einem neuen Nahverkehrsplan für einen Zeitraum von fünf Jahren. Er soll im Dezember beschlossen werden. Über die Ausgangslage, die Probleme und Herausforderungen sowie eine Reihe von konkreten Vorschlägen.

53 Buslinien fahren aktuell im Landkreis Hildesheim (ohne Stadtverkehr). Foto: Julia Moras

Kreis Hildesheim - In den 17 Kreis-Kommunen außerhalb der Großstadt Hildesheim werden nach wie vor rund 70 Prozent aller Wege mit dem Auto zurückgelegt, in Hildesheim sind es 61 Prozent. Außerhalb der Stadt nutzt nur ein Viertel der Bevölkerung überhaupt den Linienbusverkehr. Das ist die Ausgangssituation für die Weiterentwicklung des Nahverkehrs in der Region. Dazu stellt der Landkreis Hildesheim alle fünf Jahre einen Plan auf. Der Entwurf wurde jetzt veröffentlicht. Nun wird er in den politischen Gremien diskutiert, im Dezember soll er vom Hildesheimer Kreistag und vom Stadtrat beschlossen werden – für die Stadt wird im Laufe des Sommers noch ein Extra-Teil erarbeitet.

9 Millionen Buskilometer pro Jahr

In dem Nahverkehrsplan geht es nur um den Busverkehr, nicht um die Bahnstrecken mit ihren insgesamt 19 Haltepunkten im Kreisgebiet – wohl aber um eine bessere Abstimmung der Bustakte auf die Abfahrtzeiten der Züge. Grundsätzlich bewertet der beauftragte Verkehrsplaner Mathias Schmechtig (NahverkehrsConsult) das Busangebot im Kreis Hildesheim als gut. Derzeit steuern Busse kreisweit auf 53 Linien (ohne Stadtverkehr) rund 1100 Haltestellen an und legen dabei im Jahr 9 Millionen Kilometer zurück. 84 Prozent der Bevölkerung wohnen nicht weiter als 1200 Meter von einem Bahnhof und 600 Meter von einer Bushaltestelle mit mindestens 28 Abfahrten am Tag entfernt – landesweit liegt der entsprechende Mittelwert bei 76 Prozent. Am Wochenende ist das Angebot zum Teil deutlich reduziert, sonntags fahren auf zehn Linien des Regionalverkehrs gar keine Busse.

Unterschiede zwischen Nord- und Südkreis

Beim Busangebot gibt es im Hildesheimer Land regionale Unterschiede: Linien mit guten, durchgängigen Takten seien eher im Nordkreis zu finden wegen dessen Siedlungsstruktur, heißt es in der Bestandsaufnahme des Planungsbüros. Ein unzureichendes ÖPNV-Angebot in Richtung der Großstadt Hildesheim haben laut Nahverkehrsplan nur einige Dörfer aus den Kommunen Bockenem, Gronau und Lamspringe. Die Kreisstadt ist fast aus allen Kernorten der 17 anderen Kommunen (den sogenannten Grund- und Mittelzentren) ohne Umsteigen zu erreichen, nur nicht aus Duingen, Freden und Lamspringe.

Generell gibt es zwei Bevölkerungsgruppen, die den Busverkehr besonders intensiv nutzen: Berufstätige sowie Schülerinnen und Schüler. Jenseits des Schülerverkehrs, der zu vielen Schulstandorten rollt, sei das Nahverkehrsnetz im Kreisgebiet stark auf Hildesheim und auf Alfeld ausgerichtet, stellt der Verkehrsplaner fest. Querverbindungen mit dem Ziel, andere, kleinere Kommunen untereinander zu verbinden, seien „allenfalls zufällig vorhanden“. Schließlich werden die meisten täglichen Wege auch jeweils zwischen Hildesheim und der Nachbarschaft zurückgelegt – mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln: 14.000 Wege pro Tag zwischen Harsum und Hildesheim, 13.900 zwischen Bad Salzdetfurth und Hildesheim, 11.600 zwischen Diekholzen und Hildesheim.

Weniger Leute unterwegs

Eine Kernfrage für die kommenden fünf Jahre: Wie können mehr Fahrgäste für die Busse gewonnen werden in Zeiten, in denen die Zahl der Autos vor allem in ländlichen Regionen immer weiter wächst? Mehr als 90 Prozent der Haushalte auf dem Land haben mindestens einen Wagen, fast 40 Prozent sogar zwei oder mehr Autos. Vor diesem Hintergrund weist der Nahverkehrsplan auf verschiedene Trends hin. Zum einen arbeiten mittlerweile viele Berufstätige im Homeoffice, der Arbeitsweg fällt dann weg. Die „Mobilitätsquote“ – das ist der Anteil der Bürgerinnen und Bürger, die an einem durchschnittlichen Tag unterwegs sind – ist in den vergangenen Jahren „erkennbar gesunken“. Und das nicht nur werktags, sondern auch an Wochenenden, was der Planer auch darauf zurückführt, dass manche „Haushalte mit niedrigem ökonomischem Status“ sich gar nicht mehr leisten können, viel unterwegs zu sein.

Schülerzahlen stabilisieren sich

Die Schülerzahlen werden sich nach den derzeitigen Prognosen in den kommenden Jahren stabilisieren. Dadurch bleiben voraussichtlich viele Buslinien bestehen, die auch von anderen Fahrgästen genutzt werden können. Generell muss sich der Nahverkehr aber nach den Erkenntnissen des Verkehrsplaners einer „Individualisierung und Pluralisierung“ von Lebensstilen anpassen. Soll heißen: Es wird eher noch schwieriger, mit einzelnen Linien die unterschiedlichen Bedarfe abzudecken. Der Trend wird wohl weiter zu bedarfsgerechtem Busverkehr auf Bestellung gehen – oder „on demand“, wie solche Modelle auf Neudeutsch genannt werden.

Der Nahverkehrsplan weist zum Beispiel auf eine Entwicklung hin, die es eher erschwert, das Busangebot außerhalb des Schülerverkehrs auch für andere Zielgruppen auszubauen: Erkennbar sei der „Trend, dass sich der Einzelhandel immer mehr aus den zentralen Bereichen der Kommunen zurückzieht und sich zu den Siedlungsrändern hin orientiert“.

Hohe Auto-Affinität bei Älteren

Ein Drittel der Einwohnerinnen und Einwohner im Kreis Hildesheim ist schon älter als 60 Jahre – doch Verkehrsplaner Schmechtig erwartet nicht, dass die wachsende Zahl von Seniorinnen und Senioren automatisch zu mehr Fahrgästen im Nahverkehr führt. Im Gegenteil: Die Altersgruppe habe generell eine hohe Auto-Affinität. Die Nutzung des Nahverkehrs durch die ältere Generation sei in den vergangenen Jahren zurückgegangen, weil Seniorinnen und Senioren länger das eigene Auto nutzen und heute deutlich mehr ältere Frauen einen Führerschein haben als früher. Für nicht mehr so mobile Seniorinnen und Senioren sowie andere eingeschränkte Fahrgäste muss auch der barrierefreie Umbau der Bushaltestellen noch weiter vorangehen – 2025 werden erst 36 Prozent der Haltestellen barrierefrei sein.

Alter spielt indessen noch in einer anderen Hinsicht eine Rolle: auf Seiten des Fahrpersonals – denn mehr als die Hälfte der Busfahrer und -fahrerinnen in Deutschland sind bereits über 50. Der jetzt schon gravierende Personalmangel wird sich also in Zukunft wohl noch verschärfen.

Neue Angebote der vergangenen Jahre

Trotz schwieriger Rahmenbedingungen wurde das Bus-Angebot in den vergangenen fünf Jahren noch erweitert: Neu eingeführt wurden zum Beispiel die Linie 341 zwischen Holle und Bad Salzdetfurth sowie die Sarstedter Stadtbuslinie 202. Auf anderen Linien wurde der Takt verdichtet. Anruf-Linientaxis gingen in Bad Salzdetfurth sowie in den Gemeinden Lamspringe, Schellerten und Söhlde an den Start.

Und was ist in den kommenden fünf Jahren möglich? Der Nahverkehrsplan kommt zu einer eher ernüchternden Einschätzung: Eine Steigerung des Anteils, den der ÖPNV am Gesamtverkehr hat, ist wohl kaum zu erreichen. Um den Anteil zu stabilisieren, sei „ein fokussierter Ausbau des Angebotes und eine Verbesserung der Qualität“ nötig. Dazu enthält der Nahverkehrsplan eine Reihe von Vorschlägen (siehe Extratext unten).

Konkrete Vorschlägeaus dem Entwurfdes Nahverkehrsplanes

Der Nahverkehrsplan enthält unter anderem folgende Vorschläge, wie der Busverkehr im Kreisgebiet in den kommenden Jahren verbessert werden könnte (Ideen zur Finanzierung werden jeweils im Plan genannt):

Ausweitung des Busangebotes in den Abendstunden.

Premiumbuslinien, die neben einem Stundentakt von Montag bis Freitag und einem Zwei-Stunden-Takt samstags und sonntags auch hochwertige, besonders komfortabel ausgestattete Fahrzeuge bieten. Die Linien sollen unter dem Markennamen „Hildesheimer Stern“ aus dem Umland auf Hildesheim ausgerichtet sein.

Eine saisonale Freizeitbuslinie von Hildesheim in Richtung Holle: Sie soll das Schloss Derneburg, den Laves-Kulturpfad, den Familienpark Sottrum und den Wohldenberg ansteuern.

Eine umsteigefreie, schnelle Direktverbindung für Pendlerinnen und Pendler zwischen Alfeld und Hildesheim – mit jeweils drei Fahrten morgens und nachmittags.

Direktverbindung von Seesen über Bockenem und Wesseln oder Derneburg (Anbindung an die Bahnhöfe) nach Hildesheim. Die bisherigen Alternativen zum Auto sind auf dieser Strecke sehr langsam.

Bessere Verbindung im Korridor Bad Gandersheim – Lamspringe – Bodenburg mit Anbindung der Bahnhöfe an den Endpunkten.

Weiterentwicklung des Nachtsbus-Angebotes, zum Beispiel durch neue Zwischeneinstiege und eine Verknüpfung mit Anruf-Linientaxi-Systemen (ALT), besonders im westlichen und südwestlichen Kreisgebiet.

Flächendeckende und einheitliche Erweiterung von bestehenden Angeboten mit Anruf-Linien-Taxis.

Weiterentwicklung des Bedarfsverkehrs mobil@leine in der Samtgemeinde Leinebergland auch als Blaupause für andere Kommunen.

Mehr Querverbindungen zwischen Kommunen, zwischen denen bisher keine Busse fahren. Ein Bedarf könnte zum Beispiel zwischen Schellerten und Harsum bestehen.

Einführung eines rechnergestützten Betriebsleitsystems (ITCS), mit dem der Fahrbetrieb einfacher und effizienter gesteuert werden kann.

Umfassende, repräsentative Verkehrserhebung für eine belastbaren Datengrundlage, zum Beispiel zu Fahrgastnachfrage, Umsteigeverhalten und Ticketnutzung.

Verbesserte Arbeitsbedingungen für das Fahrpersonal, um die Arbeitsplätze attraktiver zu machen.

Weiterentwicklung des ROSA-Tarifs, zum Beispiel durch eine Vereinfachung des Zonensystems (weniger Zonen).

Vollständige Barrierefreiheit im Busnetz.

Echtzeitinformationen für Fahrgäste mit aktuellen Updates zu Ankunfts- und Abfahrtszeiten, Verspätungen und Störungen – dadurch soll die Planung von Fahrten stressfreier werden.

Verbesserte Verknüpfung von Radverkehr und ÖPNV durch weitere Bike+Ride-Abstellanlagen für Fahrräder.

Verbesserte Verknüpfung von Autoverkehr und ÖPNV durch weitere Park+Ride-Anlagen.

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