Kreis Hildesheim - Das Hochwasser an der Innerste scheint überstanden, der Wasserstand des Flusses bei Heinde ist weit unter die zweite Meldestufe gesunken. Die Leine steht weiter äußerst hoch, doch auch dort fallen die Pegelstände zentimeterweise, das Ärgste scheint überstanden. Wie ist die aktuelle Lage in den Gemeinden? Und wie bewerten die Verantwortlichen in den einzelnen Kommunen das jüngste Hochwasser und die Bewältigung der Situation? Eine erste Bilanz.
Probleme mit den Bächen
Alfeld: „Bis vorgestern waren wir im Krisenmodus, es war teilweise sehr knapp“, sagt Bürgermeister Bernd Beushausen. Er sei in Alfeld aufgewachsen, aber er könne sich nicht erinnern, dass die Leine je so hoch gestanden habe. Anders als an der Innerste war die Situation in Alfeld diesmal also zeitweise sogar schwieriger als 2017. Unter anderem evakuierte die Stadt ihren Baubetriebshof.
Wie vor sechseinhalb Jahren hatten die Alfelder das Problem, dass Bäche wie Warne, Wispe und Glene durch starke Niederschläge anschwollen, etwa die aus dem Sackwald kommende Warne. Rückhaltebecken liefen schnell voll, das der Warne oberhalb von Sack hat nach wie vor keine Aufnahmekapazität mehr, das Wasser rauscht durch. Zusätzliches Problem: Weil die Leine außergewöhnlich hoch stand, stauten sich die Bäche zurück – ähnlich wie die Innerste bei Sarstedt.
Hilfe durch „Flutmulden“?
„Die Geografie macht es allerdings schwer, weitere Rückhaltebecken anzulegen“, sagt Beushausen. Eher denkbar und schneller umsetzbar sei es, Flutmulden anzulegen. Die seien nicht steuerbar, könnten aber Wasser aufnehmen. Die Stadt arbeite mit dem Leineverband schon länger an einem Gesamtkonzept für die Warne. Wegen Glene und Wispe wolle er verstärkt mit den Nachbarkommunen Delligsen und Leinebergland über Schutzmaßnahmen reden.
Beushausen betonte, in den vergangenen zwei Jahrzehnten habe die Stadt 30 Millionen Euro für Rückhaltebecken und andere Maßnahmen ausgegeben. „Hätten wir das nicht getan, würden Teile der Stadt wohl immer noch unter Wasser stehen.“ Zudem hätten Lehren aus 2017 geholfen: Die Leitzentrale sei besser ausgestattet gewesen, an neuralgischen Punkten hätten Sandsäcke und andere Schutzeinrichtungen frühzeitig bereitgelegen.
Stadt Hildesheim zufrieden
Hildesheim: Die Stadt Hildesheim zeigt sich mit der Bewältigung des jüngsten Innerste-Hochwassers sehr zufrieden. Was die Stadt selbst habe beeinflussen können, habe gut funktioniert, sagt Pressesprecher Helge Miethe. „Es lässt sich sagen, dass die seitens der Stadt in den Jahren seit dem Hochwasser 2017 umgesetzten Maßnahmen gewirkt haben: Der Hochwasserschutz an der Bleicherstraße hat dort etwaige Überflutungen verhindert, das mobile Hochwasserschutzsystem ist an der Großen Venedig planmäßig zum Einsatz gekommen und auch die Maßnahmen in Itzum haben sich positiv ausgewirkt.“
Feuerwehren und Bauhof hätten den Maßnahmenplan, was bei welcher Meldestufe wo zu tun ist, schnell und präzise umgesetzt. „Die ständige Kontrolle aller provisorischen Maßnahmen führen selbstverständlich zu Verbesserungsvorschlägen, die gemeinsam mit der Feuerwehr bewertet werden und in einen überarbeiteten Maßnahmenplan fließen“, so Miethe weiter. Gut funktioniert habe auch die interne Kommunikation sowie die Information von Bevölkerung und Medien.
Sandsack-Maschine als Trumpf
Bad Salzdetfurth: „Ich denke, es ist durch“, sagt Bürgermeister Björn Gryschka mit Blick auf das Innerste-Hochwasser. Einige Ortsteile seien „mit einem blauen Auge davongekommen“. Insgesamt aber sei er mit der Bewältigung der Situation sehr zufrieden: „Es hat sich gezeigt, dass wir aus 2017 gelernt haben, und wir wollen auch aus diesem Ereignis wieder lernen.“
So habe sich die technische Aufrüstung seit dem Juli-Hochwasser 2017 bezahlt gemacht. Gryschka nennt besonders die neue Sandsack-Füllmaschine und die mobilen Hochwasserschutzwände. „Letztere haben rund 4000 Sandsäcke ersetzt und so die Feuerwehr entlastet.“
Auch die Kommunikation zwischen Einsatzkräften, Stadtverwaltung und weiteren Institutionen sei besser geworden, die Ortsbürgermeister und die Bevölkerung intensiver informiert worden, der Ablauf sei „fast optimal“ gewesen. So sei vieles schneller gegangen als 2017. „Das liegt an Lehren von damals, aber auch am technischen Fortschritt, etwa bei der Software.“ Im Februar sei eine große Nachbesprechung geplant, um weitere Verbesserungen abzuleiten.
Nordstemmen „gut weggekommen“
Nordstemmen: Die Lage hat sich besonders mit Blick auf die Brennpunkte in Barnten und Burgstemmen beruhigt. „Die Situation ist relativ stabil. Wir sind im Vergleich zu Sarstedt gut weggekommen“, so Feuerwehrsprecher Nico Lenke. Die Feuerwehr behält die Wetter-und Pegel-Daten aber auch aktuell noch im Blick, um reagieren zu können. Es gebe noch keine Entwarnung, so Lenke. „Das ist ein dynamisches Geschehen.“
In Barnten und Burgstemmen ist es der Feuerwehr gelungen, die Situation zu entschärfen. In Barnten, wo die Kiesteiche übergelaufen waren, sicherte sie die Wohnhäuser mit dem mobilen Aquariwa-Schutzsystem und Bigpacks. Diese setzte sie auch in Burgstemmen in großen Mengen ein, hinzu kamen 1440 Sandsäcke, um das Wasser im Bereich Poppenburg aufzuhalten. Wann der Bauhof der Gemeinde die Bigpacks und die Sandsäcke entsorgt, ist noch nicht abzusehen.
„Druck ist raus“
Samtgemeinde Leinebergland: „Der Druck ist raus“, sagt Bürgermeister Volker Senftleben. „Das Wetter hat uns gut in die Karten gespielt.“ Dennoch bleibe man wachsam. Die Probleme mit der Kanalisation seien „weitestgehend erledigt“. Dazu sei das Wasser in Teil-Bereichen per „Notabschlag“ abgepumpt worden. Die Kanalisation wird in den kommenden sechs Monaten an einigen Stellen überprüft und erneuert. Am zwischenzeitlich gefährdeten DRK Alten- und Pflegeheim in Gronau wurde mit 50 Bigpacks eine Schutzmauer erhöht. Die Landesstraße 482 durch Gronaus Zentrum wird Anfang der Woche wieder freigegeben.
Der Park- und Busbereich am Gronauer Schulzentrum ist bereits gereinigt, damit der Schulbetrieb wieder anlaufen kann. Im Übrigen habe die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehren, Kommune und den Bürgern hervorragend geklappt, so Senftleben weiter.
Noch Probleme in Sarstedt
Sarstedt: Auch hier ist die Hochwasserlage auf dem Weg der Entspannung. Die Pumpen des Technischen Hilfswerks, die am Teinkamp und in Heisede über Tage für Entlastung der Kanäle und Gräben gesorgt haben, konnten abgebaut werden. Der Verkehr kann an mehreren Stellen ungehinderte wieder fließen. „Die Kollegen vom Bauhof haben am Freitagmorgen die Straße zwischen Ruthe und Sarstedt freigeräumt“, so Klug. Damit ist die Fahrbahn nicht mehr eingeengt. Gleichwohl sind Fuß- und Radwege noch überschwemmt und werden vorerst gesperrt bleiben. Das Gleiche gilt für die Kreisstraße von Ruthe nach Heisede: Fahrbahn frei, Radwege dicht.
Ab nächster Woche dann startet der Rückbau der Schutzmaßnahmen, so Klug. Über das Wochenende bleiben das Hochwasserschutzsystem Aquariwa und die Sandsackbarrieren jedoch noch an ihren jeweiligen Standorten stehen. In der kommenden Woche will die Stadt dann eine Sammelstelle einrichten, an der befüllte Sandsäcke wieder abgegeben werden können.
„Wir sind noch nicht ganz durch“
Gleichwohl ist Stadtbrandmeister Klug noch nicht im Entspannungsmodus: Mit Blick auf den Füllstand der Talsperren hat er kein gutes Gefühl. Die Innerstetalsperre, die Stand Freitagnachmittag zu 76,58 Prozent gefüllt ist, sieht noch am besten aus. Alle anderen Stauwerke sind zwischen 80 und 95 Prozent gefüllt – fast alle mit steigender Tendenz. „Der Wetterbericht sagt, dass es Schnee gibt. Schnee ist auch Wasser. Die Böden sind gesättigt. Ich glaube, wir sind noch nicht ganz durch“, meint Klug.
Aus diesem Grund tendiert er dazu, abgebaute Sandsäcke einzulagern und nicht zu entsorgen. 10.000 Sandsäcke seien gefüllt, die so – bei Bedarf – wieder verbaut werden könnten. Klug schwebt ohnehin auf Dauer ein Lager vor, in dem 2000 Sandsäcke jederzeit zugriffsbereit lagern. Für das Wochenende plant der Leiter der Feuerwehr wieder Kontrollfahrten, um die Lage zu beobachten. Zwar sei der Pegel der Innerste gefallen, doch drücke immer noch das Grundwasser.
1000 Einsatzkräfte in Sarstedt
Dass das Wasser noch eine ganze Weile stehen bleiben wird, davon geht Klug derzeit aus. „Wir sind mit dem Hochwasser jetzt 14 Tage im Gange, so lange hatten wir es noch nie.“
Mehr als zufrieden zeigt er sich mit der Zusammenarbeit aller Hilfsorganisationen, der Polizei, der Verwaltung, Firmen und Privatleuten. Rund 1000 Einsatzkräfte waren in Sarstedt seit Beginn des Hochwassers im Einsatz.
Von Tarek Abu Ajamieh, Viktoria Hübner und Alexander Raths


