Kulturfabrik

Lesung in Hildesheim: Wie aus Mädchen mordende Psychopathinnen werden

Hildesheim - Wie werden aus Mädchen grausam mordende Frauen oder Sexualtäterinnen? Das ist das Spezialgebiet der Kriminalpsychologin Lydia Benecke. Bei einer Lesung in Hildesheim hat sie ihre Theorien dargestellt – angereichert mit blutrünstigen Beispielen.

Lydia Benecke bei ihrer Lesung in der Hildesheimer Kulturfabrik. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Unglaubliche vier Stunden lang hat die Kriminalpsychologin und Straftätertherapeutin Lydia Benecke am Freitagabend das überwiegend junge Publikum in der Hildesheimer Kulturfabrik in ihren Bann gezogen. Die ausverkaufte Lesung entpuppt sich als ein veritabler psychologischer Seminarabend über Frauen als grausame Mörderinnen und Sexualkriminelle.

Mit teilweise atemlosem Sprechtempo, gleichwohl bestens formulierend, jagt Brenecke mit wissenschaftlicher Akribie zunächst durch das weite Feld der seelischen Bedingungen, durch die Frauen zu psychopathischen Straftäterinnen werden können. Denn das ist eins der Spezialgebiete der Psychologin, die hauptberuflich als Therapeutin und psychologische Trainerin für die Resozialisierung von Sexualverbrecherinnen und -verbrechern tätig ist und die früher mit dem bekannten Kriminalbiologen Mark Benecke verheiratet war.

„Basic Instinct“ als Beispiel

„Die von der Forschung aufgestellten Kategorien für psychopathische Störungen von männlichen Sexualtätern lassen sich nur bedingt auf die Persönlichkeitsentwicklung von weiblichen Täterinnen übertragen“, stellt Benecke fest. Das fange schon in der Kindheit an, in der es nach wie vor unterschiedliche Reaktionen der Umwelt auf Mädchen und Jungen gebe. „Letztendlich ist die seelische Grundlage weiblicher Täterinnen Hilflosigkeit, Emotionalität und eine eher indirekte Aggression.“ Allerdings entstehe Psychopathie erst, wenn verschiedene Persönlichkeitsstörungen zusammenwirken: Borderline, antisoziale und histrionische Störung (krankhaft theatralisch und selbstinszenierend) sowie Narzismus. „Psychopathinnen können sich ihrem Umfeld gegenüber manipulativ und skrupellos verhalten. Sie können Gelogenes glaubhaft als Wahrheit darstellen und ihre Mitmenschen ausnutzen – mal etwas allgemein gesagt“, sagt Benecke.

Immer wieder würzt die in einem Hochhausghetto in Berlin-Moabit aufgewachsene Autorin ihren Vortrag mit kleinen Ausflügen in den schwarzen Humor oder sarkastische Nebenbemerkungen, bei denen sie die Lacher auf ihrer Seite hat. Durch Einblicke in die Filme „Das Schweigen der Lämmer“ und „Basic Instinct“ veranschaulicht sie den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher psychopathischer Persönlichkeitsstörung.

Drei spektakuläre Fälle aus Amerika

Nach der Pause geht es dann ans gruselig Eingemachte. Denn da zeigt sie an drei spektakulären Fällen aus Amerika, wie aus Mädchen grausam handelnde Psychopathinnen werden können. „Es ist immer die Umwelt, die aus Menschen gestörte Täter und Täterinnen werden lässt“, stellt Benecke zu den detailliert erzählten Biografien von Aileen Wuornos, Gertrude Nadine Baniszewski und Theresa Knorr fest. Alle drei Frauen hatten als Kinder und später mit wechselnden Männern Schreckliches erlebt und entwickelten sich entweder zur Serienmörderin (Wuornos), zur folternden Mörderin der eigenen Töchter (Knorr) oder zur sadistischen Mörderin einer Pflegetochter (Baniszewski).

Obwohl Brenecke die Erzählung der erschütternden Entwicklungen dieser Frauen und ihre unfassbaren Taten immer wieder mit fachlicher Analyse verbindet, gerät dieser Teil des Abends doch zu einer eher voyeuristischen Teilhabe an menschlichen Abgründen. Spätestens hier stellt sich die Frage, warum die Psychologin in dieser Weise auf den Veranstaltungsmarkt geht. Und dass es in ihrem Online-Shop T-Shirts, Tassen und Kapuzenjacken mit blutrotem Handabdruck als Logo zu kaufen gibt, nährt den Verdacht, der über dem ganzen Abend in der Kulturfabrik liegt: „Sex and Crime sells“.

Von Claus-Ulrich Heinke

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