Blick in die Geschichte

Lob vom Kaiser, Erinnerungen an „Eppi“ und eine Käsealm: Hildesheims Bäckermeister sorgten immer wieder für Schlagzeilen

Hildesheim - Es ist eins der ältesten bekannten Handwerke – und es hat auch in Hildesheim über Jahrzehnte immer wieder besondere Menschen und besondere Geschichten hervorgebracht: das Bäckerhandwerk.

Auch die Bäckerei Schmidt ging mit der Zeit, Meister Reinhard Schmidt bildete sich sogar zum Käseexperten weiter und bot in „Uschis Käsealm“ – eine Hommage an seine Frau Ursula – im Kurzen Hagen 10 den passenden Belag zu seinen Broten an. Aufnahme vom 14. August 1980, Foto: Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg

Hildesheim - Ob Dinkel, Weizen oder Roggen – das Angebot an Mehlsorten ist selbst in normalen Supermärkten riesig, und in gut sortierten Geschäften sind sogar Einkorn und Emmer zu finden. Im Zuge der Pandemie hat sich Brotbacken zu einem der beliebtesten Hobbys entwickelt. Das schon von den alten Ägyptern wohlgehütete Geheimnis des selbst angesetzten Sauerteigs ist gelüftet, Gläser mit blubberndem Anstellgut werden von Haus zu Haus weitergereicht, Garkörbchen und Knetmaschinen gehören zu den Topsellern des Handels, Internetblogs schießen wie Pilze aus dem Boden, manche heimische Einbauküche wurde zur Großbäckerei ausgebaut, in vielen Gärten wuchs als Do-it-yourself-Projekt des Familienvaters Stein für Stein ein Holzbackofen in die Höhe. Und selbst Hefe, in Corona-Tagen zur echten Bückware geworden, ist wieder in Hülle und Fülle vorhanden – wobei findige Köpfe die Mangelverwaltung damals gekonnt auf die Spitze trieben und mit gerade mal einem halben Gramm des begehrten Treibmittels auskamen.

Viele Bäcker resignieren

Der anhaltende Trend zum selbstgebackenen Brot steht in auffälligem Kontrast zu der schon länger zu beobachtenden Krise des klassischen Handwerks. Die Konkurrenz der Discounter mit ihren Billigangeboten ließ in den vergangenen Jahren viele Alteingesessene resignieren, aus unattraktiven Arbeitszeiten resultierender Fachkräftemangel, explodierende Energie- und Rohstoffpreise verschärfen die Situation und zwingen viele zur Aufgabe oder zur Produktionsverlagerung ins Ausland, das ist auch in Hildesheim zu beobachten. Erinnerungen an drei Betriebe, deren Erzeugnisse besonders vermisst werden.

Ahnreihe beginnt 1640

Mit ihrer exponierten Lage am Eingang zur Fußgängerzone gehörte die Bäckerei Schmidt zu den bekanntesten, aber auch ältesten der Stadt. Die Ahnenreihe begann 1640 in Stadtoldendorf, seit 1776 war ein Zweig der Familie an der damals noch existierenden Hagenbrücke aktiv und versorgte die Kunden bevorzugt mit Brötchen, deren Qualität legendär war.

Der Kaiser bekommt Schrippen

Als das Kaiserpaar anno 1900 zur Einweihung des Denkmals an der Sedanallee für drei Stunden an der Innerste vorbeischaute, kamen als kleiner Snack zwischendurch natürlich nur Schrippen von Schmidt in Frage, die Majestäten dankten mit „allerhöchster Anerkennung“. Zum Hoflieferanten reichte es damals zwar nicht, das Geschäft trotzte aber bis Ende 2019 allen Zeitläuften, meisterte Zerstörung und Wiederaufbau, dann kam altersbedingt die Übernahme, der Laden im Kurzen Hagen steht noch immer leer.

Ein Hauch von Wien

Ob auch Ferdinand Könneker nach höheren Weihen strebte, als er 1913 kräftig in einen topmodernen Dampfbackofen investierte, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall zeugte der Name „Wiener Dampfbäckerei“ von seinem guten Gespür für Marketing, denn die k. u. k.-Metropole galt als Hochburg feiner Backwaren. Und vielleicht hätten die Salzstangerln aus der Domstadt sogar dem alten Franz Joseph gemundet?

Mit Luxus gescheitert

Leider hatte der Meister aber keine fesche „Stanzi“ zur Hand, die wie weiland Romy Schneider in den „Deutschmeistern“ die Lieferung übernahm, daher blieb der Erfolg auf den heimischen Markt begrenzt. Erst in den siebziger Jahren wurde expandiert, öffneten Filialen ihre Türen, 1980 wurde in Himmelsthür die neue Zentrale eröffnet.

Wachsen oder Weichen, diese Schlagwörter kennzeichnen den Strukturwandel in der Wirtschaft, Könneker zog 2007 zum Kennedydamm, dann kam die Insolvenz, ein branchenfremder Meisterkoch versuchte noch mit einem Ausflug in die Luxusliga an die goldenen Tage anzuknüpfen, doch auch das war vergebliche Liebesmüh. 2016 war der Ofen für immer aus.

„Eppi“ – ein echtes Original

Viele werden beim Abendbrot noch immer sehnsüchtig an das frische Gersterbrot von „Eppi“ denken, die lokale Spezialität gehörte zwingend dazu, dick belegte Stullen haben in vielen Pausen geholfen, das anstehende Arbeitspensum zu bewältigen. Doch auch, wenn Friedrich Schwetje, den alle nur unter seinem Spitznamen kannten, der Sprung in den Olymp der stadtbekannten Originale gelang und er sein Lokal selbstbewusst „Café Eppi“ taufen konnte, stand Enkel Thomas vor vier Jahren vor der gleichen schweren Entscheidung wie viele Kollegen, die Backstube mit der historischen Senking-Anlage ist seither verwaist. Brot bleibt zwar das beliebteste Lebensmittel der Deutschen, ob es dabei aber selbst gebacken oder professionell hergestellt wird, muss die Zukunft zeigen.

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