In die Jahre gekommen

Einst Unterkunft für die Feuerwehr – und einen Pokémon-Fan: Einblicke in einen Lost Place in Söhlde

Söhlde - Verlassene Gemäuer, zerfallene Fabriken, Häuser, die die Natur verschlungen hat: Das sind Lost Places, die es auch im Raum Hildesheim gibt. Die HAZ gibt exklusive Einblicke: Diesmal in ein Gebäude im Landkreis, das über die Jahrzehnte ganz unterschiedlich genutzt wurde. (Mit Video)

Manche Räume im alten Spritzenhaus in Söhlde dürfen nicht mehr betreten werden. Foto: Werner Kaiser

Söhlde - Ausgerechnet Feuerwanzen. Dutzende dieser rot-schwarzen Insekten tummeln sich vor dem alten Feuerwehrhaus in Söhlde. Sie krabbeln geschäftig zwischen dem Müll, den irgendjemand dort abgeladen hat. Im März sind die Feuerwehrleute ausgezogen, in einen Neubau an der Bürgermeister-Burgdorf-Straße. Und so ist das alte Domizil in der Königsberger-Straße verwaist.

Das Dorfarchiv ist ebenfalls aus dem Gebäude verschwunden. Davor steht der ausgetrocknete Brunnen, voll mit Kritzeleien, im Schaukasten an der blassgelben Hauswand hängt noch die Ankündigung eines längst vergangenen Flohmarktes. Das alte Feuerwehrhaus wird nicht mehr gebraucht und soll verkauft werden. Ob es dann abgerissen oder saniert wird – das steht noch aus und scheint auch niemandem sonderlich wichtig zu sein.

Die Geschichte des Spritzenhauses

Wann genau das alte Spritzenhaus – so nannte man früher Feuerwehrhäuser – gebaut wurde, kann nicht einmal Marcel Giffey, Mitarbeiter des Dorfarchivs, sagen. Was sich rauskriegen lässt: Die Feuerwehr in Söhlde wurde 1896 gegründet. Ein Schlauchturm war 1905 Thema in einer Gemeinderatssitzung. Der steht mittlerweile nicht mehr. 1948 beschloss die Politik, eine Feuerwehrgarage und zwei Wohnungen auf dem Gelände zu errichten. So ist es dann auch gekommen und so ist es bis heute noch.

Im Keller des Spritzenhauses hängt noch ein unscheinbarer Kasten, der damals eine wichtige Rolle für die Söhlder spielte. Wischt man etwas Staub beiseite, sind drei Knöpfe erkennbar: ABC-Alarm, Luftalarm, Feueralarm. Die ersten zwei sind Überbleibsel aus Kriegszeiten. Der dritte hatte auch danach seine Berechtigung.

Der dritte Knopf – mit längerer Berechtigung

Schrillte der Sirenenton durch den Ort, hasteten die Feuerwehrleute in die Wache – mittlerweile läuft der Feueralarm digital. Gleich in der Fahrzeughalle schlüpften die Mitglieder in ihre Einsatzkleidung. Für kleine Wachen ist das nicht unüblich – kein Platz für Umkleidekabinen, jeder aktive Feuerwehrmann hatte sein Regalfach. Obendrauf lagen die Helme, an der Wand hingen die Klamotten, darunter standen die Stiefel.

„Das war dann ganz schön eng mit zwei Fahrzeugen in der Mitte“, erklärt Söhldes Gemeindebürgermeister René Marienfeldt, selbst Mitglied und ehemaliger Gemeindebrandmeister. Auch er hat sich hier oft umgezogen und stellt sich zur Demonstration ein letztes Mal unter seine Nummer.

„An die Stromrechnung mag man nicht mehr denken“

Mit den Jahren ist das Spritzenhaus einfach zu alt geworden. Ein letztes Fahrzeug parkt in der Halle, der Rest ist schon im Neubau untergebracht. Benzingeruch hängt noch in der Luft und eine Tube schwarze Stiefelpolitur liegt auch herum. Als wären die Feuerwehrleute gerade erst hier gewesen.

In der Garage nebenan blättert unterdessen der Putz ab. Ein Fenster aus dicken Glasbausteinen lässt etwas Licht herein, aber auch durch die morschen Holztore blitzt die Sonne. Im Werkzeugschrank sind nur die Etiketten zurückgeblieben. Noch immer zeigen die Schilder, wo alles seinen Platz hatte.

Akkurat organisiert: Mono-Zelle Hochleistung, Blockbatterie 90, Stempelkissen. Beheizt wurde der Raum mit einer alten Elektrorippe. „Die Stromrechnung war enorm hoch, da mag man gar nicht dran denken“, erklärt Marienfeldt. Auch im hinteren Teil des Gebäudes entsprach nichts mehr den Anforderungen einer modernen Feuerwehr.

Diverse Probleme im Schulungsbereich

Der Schulungsraum, im dortigen Obergeschoss, wurde in den 70er-Jahren umgebaut – das lässt sich leicht erkennen. Alle Wände sind holzvertäfelt, die Treppe hat Terrazzo-Muster, wie es damals modern war. Die Bilder, die vermutlich seitdem an der gleichen Stelle hingen, haben bleiche Abdrücke hinterlassen.

„Das hier ist aber auch ein Problem gewesen“, erklärt Marienfeldt beim Treppensteigen, „es gibt nur diesen einen Fluchtweg. Also durften nie mehr als zehn Leute oben sein.“ Dort, in der Küche mit Holzfronten, gibt es einen Zapfhahn für Harke-Bier, in den Vitrinen an den Wänden jede Menge Platz für Pokale und Urkunden. Alles leer, seit März.

Wohnungen seit mindestens 15 Jahren leer

Der linke Teil des Gebäudes hingegen ist bereits seit mindestens 15 Jahren unbewohnt. Zuletzt waren im Erdgeschoss Bibliothek und Dorfarchiv untergebracht. Aber ein Wasserschaden, ausgehend von der Decke, machte es notwendig, die Unterlagen schnell zu sichern und ins Trockene zu bringen. In den zwei oberen Stockwerken lässt sich tatsächlich noch erkennen, dass hier mal jemand wohnte.

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Pokémon-Sticker auf der Zimmertür

Zwei Küchen, eine mit kleinen Mosaikfliesen, eine mit beigefarbenen Kacheln. Zwei Badezimmer, gespiegelt auf zwei Seiten derselben Wand. Es riecht modrig, ist verstaubt und teilweise liegt der Boden offen. Schimmel hat sich in vielen Räumen breitgemacht, versteckt sich in der grünen, floralen Tapete oder überrascht einen, wenn man nach oben sieht.

Möbel stehen hier keine mehr. Eine Zimmertür bietet aber zumindest Hinweise auf ihren Bewohner: Pokémon-Sticker aus den 90er-Jahren.

Zwischennutzung als Rettungswache

An einem Fenster prangt ein Sticker des DRK: Unfallhilfe- und Blutspender-Pass. „Die Rettungswache war auch mal hier drin“, erinnert sich Marienfeldt. Eine Tür ist als Fundus des Theater-Vereins Söhlde markiert. „Die haben hier zwischendurch mal ihre Requisiten gelagert.“ Aber wann hier, wer, wem über den Weg gelaufen ist – das lässt sich nicht mehr herausfinden.

Bibliothek, Feuerwehr, Rettungswache, Theaterlager, Pokémon-Kinderzimmer – das Spritzenhaus hat seinen Dienst geleistet, ist nun ausgemustert. Lediglich der Feueralarm im Keller wird in besonders schweren Fällen auch in Zukunft noch ausgelöst – das ist Teil des Kaufvertrags. Den Feuerwanzen vor der Tür wird das egal sein.

Hinweis in eigener Sache: Lost Places dürfen nicht einfach so von jedem besucht werden. Das unerlaubte Betreten von fremdem Eigentum stellt den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs dar. Wir weisen an dieser Stelle deshalb explizit auf die geltenden Gesetze hin. Für die Lost Places, die wir auf unserer Webseite vorstellen, hatten wir uns im Voraus das Einverständnis der jeweiligen Eigentümer eingeholt, für die Berichterstattung die Grundstücke und Gebäude betreten zu dürfen.


Alle Folgen der Lost-Places-Serie

Von der Villa, die einst Bordell war – und einem Schwimmbecken mitten im Wald: Weitere Geschichten von Lost Places in der Region Hildesheim finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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