Lauenstadt - Alte Zigarettenpackungen und anderer Müll liegt auf dem Parkplatz an der Straße von Rössing nach Schulenburg. Hier, hinter der kleinen Siedlung Lauenstadt, beginnt der Weg in die Vergangenheit. Er schlängelt sich durch Brennnesseln und anderes Gestrüpp. Einst erstreckte sich hier eine mächtige Festung, die Angriffen über die Jahrhunderte immer wieder standhielt. Im 13. Jahrhundert ließ der damalige Hildesheimer Bischof Otto der Strenge an dieser Stelle, zwischen zwei Leinearmen, eine Wasserburg bauen. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde sie dann zur Festung Calenberg.
Von dieser Trutzburg sind nur noch einige Spuren auf dem weitläufigen Areal zu sehen. Doch Thorsten Quindel lässt bei einer Führung die Vergangenheit lebendig werden. Der Schulenburger ist Mitglied im örtlichen Kirchenvorstand und ein leidenschaftlicher Heimatforscher. Gleich am Anfang des Wegs geht es über eine Brücke. Hier war der erste von zwei Wassergräben. Der Burg vorgelagert war eine kleine Insel, das sogenannte Vorwerk. Wasser führen die Gräben schon lange nicht mehr. Stattdessen sprießt auch hier das Unkraut.
Die Gräben waren aber nicht die einzige Sicherung der Festung gegen Feinde. Ein mehr als 500 Meter langer und acht Meter hoher Wall schützte die Anlage zusätzlich. Angreifer hatten hier kaum eine Chance, wie Quindel erläutert: „Das ist besser als Beton.“ Doch selbst wenn die Feinde den Wall überwunden hätten, wären sie spätestens an den mächtigen Mauern der Festung gescheitert.
Einen guten Eindruck davon bekommt man durch den gut erhaltenen sogenannten Batterieturm. Von dem spitz zulaufenden gewaltigen Gebäude mit seiner großen Schießscharte aus wurde die Festung einst verteidigt. „Das kriegt man nicht kaputt, erst recht nicht mit den alten Kanonenkugeln“, sagt Heimatforscher Quindel.
Fledermäuse haben hier ihr Quartier bezogen
Neben dem Batterieturm sind noch einige Kellergewölbe erhalten. Es ist nicht lange her, da konnte man all diese Gebäude noch betreten, konnte die an den Eingängen befestigten Gitter einfach öffnen. Doch seit kurzem wurden überall Vorhängeschlösser angebracht. Eine Maßnahme des Naturschutzes. Denn hier haben Fledermäusen ihr Quartier bezogen, wie Kreisheimatpflegerin Paloma Klages berichtet.
Doch obwohl die Eingänge nun verschlossen sind, kann man einen guten Eindruck bekommen. Geht man die paar Schritte nach unten zum Zugang des Gewölbes, sinkt schlagartig die Temperatur. Es riecht modrig. Blickt man durch die mit Spinnweben verzierten Gitter, schaut man zunächst nur in die Dunkelheit.
Und Leuchtet man mit einer Taschenlampe hinein, sieht man einen alten gemauerten Brunnen. Von der Decke baumelt ein Seil. Die nahe Marienburg, die wie auch später die Festung den Welfen gehört, dient als Drehort für die Amazon-Erfolgsserie „Maxton Hall“. Die alten Gewölbe mit den dicken Steinen der Burgruine könnten Kulisse für einen Horrorfilm sein.
Dazu passt, dass Teile der Anlage im Laufe der Jahrhunderte immer wieder auch als Gefängnis diente. So setzte Herzog Erich II. im Jahr 1549 den lutherischen Reformator Corvinus auf der Festung Calenberg in Beugehaft. Quindel zeigt an einem der Kellereingänge einen Stein, auf dem noch heute die eingeritzten Wörter„Habe Geduld, Bruder“ zu lesen sind. Der Überlieferung nach musste der Lutheraner hier seine dreijährige Haftzeit verbringen, der Raum wird daher auch als Corvinuskeller bezeichnet. „Das kann aber nicht sein“, stellt Heimatforscher Quindel klar. Die Beugehaft sei eher eine Art Hausarrest auf der Burg gewesen, diese werde er kaum in einem Kellerverlies verbracht haben.
Seit 1432 Residenz welfischer Herzöger
Seit 1432 diente die Burg als Residenz welfischer Herzöge. Quindel hat im Schloss Marienburg einen Zierteller fotografiert, auf dem die Festung Calenberg als Teil des Welfenbesitzes abgebildet ist. Wann genau aus der Wasserburg eine Festung wurde, ist nicht überliefert. Es muss aber noch vor der Hildesheimer Stiftsfehde gewesen sein, die von 1519 bis 1523 zwischen dem Bistum Hildesheim und den welfischen Fürstentümern Braunschweig-Wolfenbüttel und Calenberg tobte.
Erst im Dreißigjährigen Krieg, im Jahr 1625, gelang es dem katholischen Heerführer Tilly, die Burg einzunehmen. Die Verteidiger der Burg streckten die Waffen. „Die haben dann aufgegeben, weil sie keine Munition mehr hatten“, berichtet Quindel. Verpflegung sei hingegen noch ausreichend vorhanden gewesen. Die katholischen Angreifer machten damals keine Gefangenen. Die Insassen der Burg durften abziehen.
Acht Jahre später erhielt Herzog Georg von Braunschweig-Calenberg die stark beschädigte Burg zurück. Doch bereits 1690 wurde sie abgerissen. Aus den Steinen wurde 1765 ein „Criminal-Gefängnis“ gebaut. Auch mehrere Fachwerkhäuser entstanden später auf dem Gelände. Dort, wo heute alles zugewuchert ist. Daran kann sich der heute 60-Jährige Quindel noch gut erinnern. Die Häuser dienten als Wohnungen für die Arbeiter des nahen Hausguts der Welfen. Als Gefängnis genutzt wurde es eines der Häuser zuletzt 1967, wie Kreisheimatpflegerin Klages berichtet. Nach einer Straftat kam dort kurzzeitig jemand aus Rössing in Haft.
Jugendliche feierten hier Partys und machten sogar Feuer
Dass die Zugänge zu den Gemäuern heute verschlossen sind, ist nicht nur für den Schutz der Fledermäuse sinnvoll, sondern auch um die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude zu sichern. In der Vergangenheit wurden die Gewölbe als Müllhalde missbraucht. Jugendliche haben hier Partys gefeiert und sogar Feuer gemacht. Während der Corona-Zeit haben viele Menschen das Gelände als Naherholungsgebiet entdeckt, wie Heimatpflegerin Klages berichtet: „Nur weißt nicht jeder um respektvolle Verhaltensweisen in der Natur.“
Und nicht immer gingen die Besucherinnen und Besucher pfleglich mit den alten Gemäuern um. Ein Anwohner berichtet, dass Kinder einmal mit einem Knüppel auf die alten Natursteine eingeschlagen haben und sich manche schon mal Steine als „Souvenir“ mitnehmen. Er befürchtet, dass irgendwann von den historischen Anlagen nicht mehr viel übrig ist. „Ich finde es schade, dass dadurch künftige Generationen so etwas nicht mehr zur Verfügung steht.“



