Die Reportage

Der Rocker und die singenden Männer – Einblicke eines außergewöhnlichen Vereins im Kreis Hildesheim

Hackenstedt - Der Männergesangverein Hackenstedt ist eine muntere Gemeinschaft verschiedener Generationen. Geleitet werden sie vom Rock-Sänger Andreas Friebe. Ein Probenbesuch. (Mit Video)

Hackenstedt - Andreas Friebe raucht noch eine. Es ist Donnerstag, kurz vor halb acht. Noch einen Zug, dann drückt er die Kippe im Aschenbecher aus, zieht die Tür zum Hackenstedter Dorfgemeinschaftshaus auf. Wie immer donnerstags fährt Friebe von Söhre in der Gemeinde Diekholzen nach Hackenstedt, das zu Holle gehört. Seit sechs Jahren ist das nun schon so.

Friebe, Ende 30, Vollbart, etwas voller in der Körpermitte, sehr freundliches Gesicht und verschmitztes Lächeln, trägt ein grünes Polohemd mit schwarzen Ärmeln. Auch die Männer, die im großen Raum gerade dabei sind, Möbel zu rücken, tragen diese Polos. Die Hemden zeigen: Sie gehören zusammen. Jedes ist versehen mit einem Aufnäher. Dort, wo bei manchen Oberteilen ein Krokodil zu sehen ist, prangt ein Notenschlüssel, daneben steht: MGV Hackenstedt. Die Einheimischen sprechen es Hakenstedt, mit langem „a“ aus. Die Anwesenden sind die Aktiven des Männergesangvereins Hackenstedt und Andreas Friebe ist ihr Leiter. 33 Stimmen folgen seinen Anleitungen. Tendenz – im Gegensatz zu anderen MGV – steigend, nicht sinkend.

Wir Hackenstedter sind ein wildes Bergvölkchen und ordnen uns nicht so gerne unter

Ulrich Hein, Chormitglied

Im großen Gemeinschaftsraum schieben der MGV-Vorsitzende Jens Hüttebräucker, Ulrich Hein (Zweiter Vorsitzender), Paul Oertmann-Brandt (Beisitzer) und Stephan Freiberg (Schriftführer) Tische und Stühle zurecht. Vier Blöcke werden es. Sie holen den Kasten Bier aus der Küche, legen den Flaschenöffner bereit und ein Schälchen für die Kronkorken. Wasser und Cola gibt es auch. „Wir Hackenstedter sind ein wildes Bergvölkchen und ordnen uns nicht so gerne unter“, sagt Ulrich Hein. Das war wohl der Grund, warum einige Sänger mit Friebes Vorgänger nicht so recht klarkamen. Unter dessen Leitung blieben immer mehr Sänger den Proben fern. Manchmal kamen nur 14. „Da kann man nicht mehr vernünftig vierstimmig singen“, erklärt Hein.

Und dann kam Andi

Dann kam Andi. Andreas Friebe. Einige kannten ihn, zwar nicht persönlich, aber von der Bühne. Denn Friebe ist seit 2005 Sänger der Band Dezibel. Bis 2018 präsentierte die sich mit bunt gemischtem Programm, seit 2018 stehen ausschließlich Songs der Hardrock-Formation AC/DC auf der Liste. Eine reine AC/DC-Tribute-Band. Wenn Friebe auf der Bühne steht und ins Mikrofon singt, sind die australischen Rocker um Gitarren-Legende Angus Young ganz nah. „Ich hatte in Hackenstedt mal eine Freundin und kannte hier schon ein paar Leute“, erzählt Friebe. Außerdem gastierte er mit seiner Band schon dort. Als Ulrich Hein ihn ansprach, ob er vielleicht den MGV leiten wollte, überlegte Friebe kurz. 2018 war das, das Jahr des Dezibel-Programmwechsels, er sagte ja – zu einer Probe. Dann noch eine, zur Sicherheit. Erst danach machten Friebe und der MGV Nägel mit Köpfen. „Das hat gleich so viel Spaß gemacht und ich lerne immer noch dazu“, sagt der Chorleiter. Nur zweimal hat er bisher gefehlt – beide Male entschuldigt.

Mit seinen 39 Jahren ist Friebe längst nicht der Jüngste im MGV. In vielen Männergesangvereinen wäre er das ganz sicher. Nicht in Hackenstedt. „Wir haben auch 20-Jährige“, sagt Freiberg, lächelt und klingt ein bisschen Stolz dabei.

Sänger gehen ungewöhnliche Wege

Ihren Nachwuchs rekrutieren diese Männer zuweilen auf ungewöhnlichen Wegen. Die beiden 20-Jährigen, Paul Philipps und Nikolas Morawski, zum Beispiel saßen im vergangenen Jahr an einem Donnerstagabend auf der Bank vor dem Dorfgemeinschaftshaus. Sie wollten nur das kostenfreie WLAN nutzen. „Mensch kommt doch rein und macht mit“, sagte einer der Sänger. Seitdem sind sie dabei. Wenig später schloss sich auch ihr Kumpel Enno Siepke an. Ein anderer Mitsänger sagte zu dem gebürtigen Ukrainer Sergej Dyshlevyy aus Sottrum: „Was sitzt du jeden Abend allein zuhause? Komm zu uns und sing mit!“ Mittlerweile gehört der Holzkünstler zum Team. Eigens für den Chor hat Sergej Dyshelevyy eine Sängerfigur geschnitzt, die bei jeder Chorprobe ihren Platz auf dem Tresen zur Küche hat. Auch an diesem Donnerstag.

So mancher Mann nutzt den Chorabend, um nicht allein zu sein. Auch der Witwer Kurt Ewert aus Grasdorf. Viele kennen ihn als Verkäufer in der Spargelbude auf dem Parkplatz bei Astenbeck. „Anfangs meint jeder: Ich kann nicht singen. Das habe ich damals auch gesagt“, erinnert sich der Vorsitzende Hüttebräucker. Doch schließlich würden keine Solisten gesucht, sondern Männer, die gemeinsam singen und Spaß daran haben. Und in der Masse klappt das. Sehr gut sogar.

Nach der Pandemie hatten wir neun Mitglieder mehr

Jens Hüttebräucker, Vorsitzender

Im Landkreis Hildesheim gibt es noch drei reine Männergesangvereine und einige gemischte Chöre oder Kirchenchöre. „Doch die überaltern“, erklärt Reinhard Walprecht, Vorsitzender des Kreischorverbandes. Nach Corona gaben etliche Gemeinschaften auf, weil die Sänger nicht mehr zu den Proben kamen. Die große Ausnahme: Hackenstedt. Sie trafen sich auch während der Corona-Phase und probten im Freien. „Nach der Pandemie hatten wir neun Mitglieder mehr“, erzählt der Vorsitzende Hüttebräucker.

Es werde noch viel gesungen in Deutschland, aber eben immer seltener in Vereinsstrukturen, so der Verbandsvorsitzende Walprecht. Das sei nun mal so. „Wenn sich eine Gruppe findet, die auf einer Wellenlänge ist und zusammen singt, ist das doch eine tolle Sache“, sagt er.

Hier werden Probleme angesprochen und wenn es einem mal nicht gut geht, dann sind die anderen für ihn da

Andreas Friebe, Chorleiter

Aber wieso funktioniert die Chor-Struktur bei den Hackenstedtern? „Der Paragraf eins unserer Satzung besagt, dass der Zweck des Vereins die gesellige Unterhaltung ist, hauptsächlich durch Gesang“, erklärt Ulrich Hein. Er kann den Paragrafen auswendig. Das Gesellige ist es, was die Chormitglieder schätzen. Es wird viel gesungen, aber auch geredet und gelacht. „Hier werden Probleme angesprochen und wenn es einem mal nicht gut geht, dann sind die anderen für ihn da“, sagt Friebe.

Von der Herzlichkeit und der Kameradschaft ist er ebenso begeistert, wie vom Leistungsstand der Männer. „Ich würde sagen, wir sind ein semiprofessioneller Amateur-Chor“, fasst es Hein zusammen. Friebe treibt die Sänger mit Sachverstand zur Leistung an, schreibt auch Lieder für den Chor um. So gehören mittlerweile auch Songs von Versengold oder Santiano zum Repertoire. Friebe hat sechs Semester Musik studiert. „Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie und bin mit Musik groß geworden“, erklärt er, der als Käsesommelier und Einzelhandelskaufmann in einer Käse-Abteilung beim Supermarkt Hit arbeitet. Auf der Bühne Rock, beim Putzen Klassik, sonntags Kirchenlieder an der Orgel in der Kirche Röderhof und donnerstags Chormusik im Dorfgemeinschaftshaus. Friebes Lieblingssong von AC/DC ist „You Shook Me All Night Long“, von den Hackenstedtern hört er am liebsten „Der Wanderer“. „Da bekomme ich jedes Mal Gänsehaut.“

Nachdem sich jeder ein Einbecker oder ein Wasser geholt und der Vorsitzende den Abend mit einem Glöckchen offiziell eröffnet hat, schlägt Friebe die Stimmgabel an. Er hält sie an sein Ohr, summt, gibt den Ton an. Das erste Lied des Abends erklingt: „Der Ziegenstall“. Mehrstimmig.

Jeder kann mitsingen

Zu den Proben kann jeder kommen und mitmachen. Jeder, der Lust hat. „Vorsingen muss man nicht und auch nicht aus Hackenstedt kommen“, erklärt Hüttebräucker. Notenkenntnisse sind ebenfalls kein Muss, kaum einer der Sänger hat sie. Nur eben männlich muss der neue Sänger sein. Lediglich bei Auftritten mit dem vorwiegend weiblichen Kirchenchor aus Hackenstedt singen die Vereinsmitglieder mal mit Frauen zusammen.

Nach zwei Stunden und einer Pause neigt sich die Probe dem Ende. Die leeren Bierflaschen wandern wieder in den Kasten und der in den Vorratsraum. Stühle und Tische werden auf ihre Plätze geschoben und die Holzfigur, den Sänger, stellt jemand behutsam in einen Schrank, zur Glocke des Vorsitzenden. Gegen 21.30 Uhr knipst Hein das Licht aus. Andreas Friebe zündet sich vor der Tür noch eine Zigarette an. „Ich gehe nach jeder Probe gut gelaunt nach Hause, selbst dann, wenn ich es vorher nicht war“, sagt er. Als sich alle verabschiedet haben und er vor der Tür aufgeraucht hat, drückt er seine Kippe im Ascher aus und steigt in sein Auto. Fährt heim nach Söhre. Bis zum nächsten Donnerstag.

Geprobt wird immer donnerstags ab 19.30 Uhr im Hackenstedter Dorfgemeinschaftshaus.

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