Hildesheim/Madeira - 26 Grad im Schatten, in der linken Hand ein Eiskaffee, in der rechten ein gutes Buch, und vor mir sehe ich das Meer: Es war ein herrlicher Urlaubstag am Pool, liebe Julia! Eigentlich perfekt. Wenn, ja, wenn meine Freundin und ich nicht diese aufdringlichen Blicke von unserer Rechten gespürt hätten. Nun wurden wir ja alle schon mal angegafft, und am Pool beobachtet ja jeder mal heimlich andere Leute. Aber nun ja, die Betonung liegt auf heimlich. Denn eine solche Unverhohlenheit wie an diesem Hotelpool haben wir noch nie erlebt. Da war dieser Mann, nennen wir ihn Otto. Der starrte, statt wie alle anderen auf den Atlantik, auf meine Freundin und mich. Stundenlang glotzte er uns von seiner Liege aus an. Er setzte sich sogar extra seitlich hin, ganz ungeniert. Wenn wir zurückguckten, schaute er nicht etwa weg, wie man das eigentlich instinktiv macht. Er starrte uns einfach weiter an.
Dass wir das mehr komisch als beängstigend fanden, lag vermutlich nur daran, dass vor dem Mann seine Frau lag. Ob sie das gar nicht störte, dass ihr Otto ganz offensichtlich nur Augen für zwei andere hatte? Wir werden es nie erfahren. Sein finaler Abgang vom Pool setzte dem Starren aber noch einen drauf. Denn zur Krönung des Tages grüßte Otto zum Abschied mit einem lauten, unüberhörbaren Pups. Und damit sollte er nicht der Einzige bleiben. Denn ein paar Tage später, gleicher Ort, andere Liege, ließ ein weiterer Mann seinen Flatulenzen mitten im Gespräch mit seinen Freunden freien Lauf. Und das gleich zweimal hintereinander. Ob der sich dafür schämte? Iwo! Ach Julia, während so manche Frau ständig drüber nachdenkt, ob sie gerade was Doofes gesagt hat, zu laut gelacht hat oder komisch aussieht, lassen Männer wie diese beiden vor zig Leuten einfach einen fahren. Verrückt.
In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.
