Magische Raunächte

Bei Kostümführung in Hildesheim reisen Teilnehmer in die Vergangenheit – als es zwischen den Jahren noch mächtig gefährlich war

Hildesheim - Vor dem Dreikönigstag, dem 6. Januar, lag früher eine Zeit voller Ängsten und Aberglauben: Eine Kostümführung in Hildesheim führt in die Gedankenwelt jener Tage ... und Nächte.

Am Fuß des Michaelishügels trifft die Gruppe eine Magd, die Kräuter räuchert. Foto: Thomas Wedig

Hildesheim - Vor dem Dreikönigstag, dem 6. Januar, lag früher eine Zeit voller Ängsten und Aberglauben: Eine Kostümführung in Hildesheim führt in die Gedankenwelt jener Tage ... und Nächte.

5. Januar 2024: Iris Thal ist schon in ihre Rolle der Kräutersammlerin Geseke Moller geschlüpft, als sie am Alten Markt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kostümführung zum Thema „Raunächte“ begrüßt, den geheimnisvollen Nächten zwischen den Jahren – und zwischen den Welten. „Gott zum Gruße“, sagt sie. Es ist dunkel und nass, ein perfektes Ambiente für die teils schaurigen Geschichten, die Thal in den nächsten zwei Stunden erzählen wird. Die Zeitreise startet, Geseke geht mit einer Laterne voran. „Wer vom Nachtwächter ohne Licht erwischt wird“, warnt sie, „der wird ins Loch geworfen.“

5. Januar 1602: Es ist die letzte der zwölf Raunächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. „Und die gefährlichste“, raunt Geseke den Gästen aus dem 21. Jahrhundert zu. In den Raunächten sei das Tor zur Anderswelt geöffnet – und zu den Wesen, die in ihr hausen. Die Raunächte sind voller Magie. Tiere sprechen, alles ist möglich. Ob denn alle ihre Schutzamulette dabei haben, will die Kräutersammlerin wissen. Oder wenigsten eine Schachtel mit geweihtem Salz, Lavendel, Knoblauch oder Rosmarin. „Rosmarin gehört zu den magischen Pflanzen“, erklärt sie, „mit denen man in den Raunächten allerlei Gutes tun kann.“

5. Januar 2024: Drei Gruppen sind an diesem Abend an unterschiedlichen Treffpunkten gestartet. Kirsten Speer und Ute Albrecht führen die anderen an, die eine wird zu Auguste Dys, der Münzerin, die andere zu Lisbeth. Die Gruppen treffen unterwegs auf andere Figuren, zum Beispiel die Knochenhauerin Gerda, gespielt von Gerda Schultze-Tostmann. Und auf zwei, die neu dabei sind: Zwischen Sylvia Ruthner als Magd und Ingo Krone als Mönch entwickelt sich am Fuß der Michaeliskirche ein Disput über den heidnischen Aberglauben rund um die Raunächte.

5. Januar 1602: Aberglaube? Geseke Moller macht den Gästen aus der Zukunft klar, dass die Regeln der Raunächte Realität sind. Dass der wilde Jäger, der mit grausigem Gefolge über den Himmel stürmt, jede Frau holt, die in den zwölf Tagen und Nächten Wäsche wäscht oder andere Hausarbeit verrichtet. Die Palette der Tabus ist groß: Bloß keine Erbsen, Bohnen oder andere Hülsenfrüchte essen, sonst wachsen Warzen auf der Haut. Bloß keine Löcher in Strümpfen stopfen, sonst legen die Hühne keine Eier mehr. „Dann stopft man den Hühnern das Legeloch zu“, sagt Geseke mit ernster Miene. Die Gäste aus dem 21. Jahrhundert schmunzeln.

5. Januar 2024: Iris Thal macht bei den Hildesheimer Kostümführerinnen seit deren Anfängen mit. Und die liegen mittlerweile auch schon ein Vierteljahrhundert zurück. Aktuell hat die Gruppe mehr als 40 Figuren im Programm, jede Kostümführerin und jeder Kostümführer schlüpft in mehrere von ihnen – je nach Thema. Geschichte soll in ihnen lebendig werden. „Wir wollen nicht nur Jahreszahlen herunterbeten“, sagt Thal. Immer wieder kommen neue Gestalten dazu. Am 2. Februar wird der Scharfrichter seinen ersten Auftritt haben, bei einer Kostümführung mit dem Titel „Strafe muss sein“.

5. Januar 1602: In den Raunächten gibt es allerlei Rituale für Mädchen und junge Frauen, die wissen wollen, wer denn einmal ihr Liebster wird. Jungfrauen können zum Beispiel eine Zwiebel aufschneiden: In der Schnittfläche werden sie ein Bild ihres zukünftigen Gatten sehen. Ein wenig umständlicher und ungemütlicher ist folgende Prozedur: Die Frau kehrt die Stube aus und häuft den Kehricht im Hof auf. Dann setzt sie sich mit nacktem Hintern auf den Haufen. Und wartet. Bis Mitternacht. In der Richtung, aus der dann ein Signal kommt, wohnt der künftige Ehemann. Was die Signale angeht, gibt es quasi Interpretationsspielraum. Denn das kann ein aufgehender Stern ebenso sein wie das Bellen eines Hundes. Die Sprache der Anderswelt ist vielfältig.

5. Jaunar 2024: Iris Thal alias Geseke Moll verteilt im Halbdunkel vor der Magdalenenkirche gesegnete Salzkörner an alle Frauen und Männer, die mit ihr unterwegs sind. Jede und jeder soll an etwas denken, das er mit dem alten Jahr hinter sich lassen möchte. Einen Konflikt, eine Verletzung, einen Streit. Was immer es war, es wird mit dem Salzkorn nach hinten über die Schulter geworfen. Die Gäste aus dem 21. Jahrhundert schauen nachdenklich, andächtig. Anscheinend ist allen etwas eingefallen, seelischer Ballast, den es zurückzulassen gilt. Und plötzlich verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart, 1602 und 2024. Die Menschen früher waren doch nicht so anders als heute. Schließlich hält sich mancher Aberglaube bis in die Gegenwart, meint Iris Thal zum Abschluss lachend: „Es gibt auch heute noch Leute, die zwischen den Jahren vorsichtshalber keine Wäsche waschen.“

Weitere öffentliche Kostümführungen 2024

Diese Kostümführungen sind bis Ende des Jahres noch in Hildesheim geplant, jeweils freitags um 19 Uhr:

2. Februar: Strafe muss sein

1. März: Prosit, auf euer Wohl

5. April: Brennen soll die Hexe

3. Mai: Die Hoffnung stirbt zuletzt

7. Juni: Die Kunst des Heilens

5. Juli: Spielerisch durch die Zeit (Kinderführung, Beginn 16 Uhr)

2. August: Starke Weiber – von wegen schwaches Geschlecht

6. September: Lichtscheue Gestalten

4. Oktober: Dem Himmel so nah – Heilig Kreuz

1. November: Tod und Teufel

6. Dezember: Heiliger Nikolaus

Interessierte können Karten bis zu zwei Wochen vor den jeweiligen Terminen für 11 Euro bei den Hildesheimer Kostümführerinnen und Kostümführern buchen (auf der Homepage über www.hi-kostuem.de/kontakt oder per E-Mail an kontakt@hi-kostuem.de). Danach gibt es die Tickets in der Tourist Information am Marktplatz. Neben den öffentlichen Terminen werden auch individuelle Gruppenführungen angeboten.

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