Hildesheim - Die Schuhstraße findet sie trist und traurig, auch in der sonstigen Hildesheimer Innenstadt sieht Senab Özkan großen Handlungsbedarf. Und die Freundlichen Hildesheimer hält sie für unverzichtbar, weil die Lage sonst noch düsterer wäre. Ein HAZ-Interview mit der designierten neuen Vorsitzenden der Werbegemeinschaft.
Hallo Frau Özkan, mal ganz ehrlich: Braucht Hildesheim die Freundlichen Hildesheimer noch?
Definitiv braucht man uns – sonst wäre es in Hildesheim noch trister, als es ohnehin schon ist.
Aber wozu braucht die Stadt Ihren Verein?
Allein schon als Vermittler zwischen der Kaufmannschaft, dem Rathaus, Hildesheim Marketing, Dienstleistern. Und als Partner, um in der Innenstadt etwas zu bewegen – das ist ein ganz zentraler Punkt. Und wir sehen uns als Sprachrohr für die Händler.
Haben Sie das Gefühl, die Stadt schenkt Ihnen Gehör und nimmt Sie und die Kaufmannschaft ernst?
Ja! Als wir damals in der Corona-Zeit beim Oberbürgermeister um einen festen Ansprechpartner für Fragen zu Leerständen und andere Probleme gebeten haben, ist Eckhard Homeister bei der Wirtschaftsförderung diese Aufgabe übertragen worden.
Und wie läuft das?
Gut – jedenfalls in dem Rahmen, der dafür von der Stadt vorgesehen ist, also dem Leerstandsmanagement, den Zwischennutzungen für leere Geschäfte. Das reicht aber nicht.
Was fehlt Ihnen?
Na ja, das Bernwards-Viertel hat einen Quartiersmanager, dadurch ist da viel vorangebracht worden, die Entwicklung ist wirklich toll. Auch die Neustadt hat jetzt eine Quartiersmanagerin, auch da ist schon vorher einiges passiert. Ich frage mich deshalb schon, warum wir in der zentralen Innenstadt keinen Quartiersmanager haben. Darüber müssen wir sprechen.
Was sollte dieser Quartiersmanager denn in der Innenstadt machen?
Na ja, Fördermittel suchen und einwerben, Ideen entwickeln und mit anderen umsetzen.
Haben Sie das schon mit jemandem im Rathaus besprochen?
Mit dem einen oder anderen, ich will da keine Namen nennen. Aber ich versuche schon, mit so vielen Leute wie möglich zu sprechen.
Und was sagen die? Die Stadt hat ja eigentlich kein Geld...
Die einen halten meine Forderung für realistisch, andere nicht. Wir müssen schauen und daran arbeiten.
Was würden Sie sich noch wünschen, um die Innenstadt zu stärken?
Damit die attraktiv ist, reichen keine entsprechenden Geschäfte mehr: Man muss auch etwas erleben, zum Beispiel durch Veranstaltungen, Hildesheim Marketing macht da ja schon einiges.
Also mehr Veranstaltungen?
Nicht unbedingt mehr Veranstaltungen. Aber welche mit einem Rahmenprogramm, das mehr Menschen aus dem Umland nach Hildesheim lockt. Zum Beispiel beim Hi-Light-Shopping, unserem traditionellen langen Freitag im Oktober. Unsere finanziellen Mittel sind da leider sehr begrenzt – da wäre mehr Unterstützung schön, um mehr bieten zu können.
Also mehr Geld?
Am Ende geht es immer um Geld.
Sie sind 2019 erstmals Vorsitzende der Freundlichen Hildesheimer geworden und waren dann wegen der Geburt ihrer Tochter ausgestiegen. Nun stehen sie vor der erneuten Wahl zur Vorsitzenden. Wie hat sich die Lage in den vergangenen fünf Jahren verändert?
Massivst. Der Transformationsprozess der Innenstädte ist durch Corona beschleunigt worden. Schon 2019 war aus einem Gutachten hervorgegangen, dass wir mehr Menschen aus der Umgebung für einen Besuch in Hildesheim begeistern müssen – damit jemand aus Cappellenhagen eben hierher kommt und nicht nach Höxter fährt. Und das ist durch das Wachstum beim Online-Handel nochmal wichtiger geworden. Wir leben in einer Zeit des absoluten Wandels, das wird so wie bisher nicht weitergehen – wer das nicht sehen will, lügt sich in die Tasche.
Was könnte denn helfen?
Wir brauchen mehr Angebote wie den City-Beach – so etwas schafft Berührungspunkte zwischen den Menschen. Ich habe als Händlerin die Verantwortung, dass mein Geschäft attraktiv ist. Aber alles, was draußen vor der Tür passiert, muss den Menschen ebenfalls ein schönes Gefühl bieten, Aufenthaltsqualität bieten. Also geht es nur gemeinsam: Kaufleute, Stadt, Politik, Marketing und alle anderen, die eine attraktive Innenstadt haben wollen, müssen dazu beitragen. Wer dieses Ziel hat, muss begreifen, dass man sich darum auch selbst bemühen muss – das gilt auch für Immobilienbesitzer, die ihr Gebäude leer stehen lassen. Zu dem Thema habe ich auch eine Idee.
Und zwar?
Jemand aus der Kaufmannschaft, gern auch von den Freundlichen Hildesheimern, sollte die Hildesheim-Delegation auf die große Immobilienmesse Expo-Real in München begleiten, mit einer Liste aller Leerstände, und dort bei Unternehmen für eine Ansiedlung in Hildesheim werben. Die Stadt darf das bei privaten Immobilien nicht. Das ist aber nötig, von allein siedelt sich hier niemand an, man muss auf die Unternehmen zugehen, zum Beispiel konkret Franchise-Firmen ansprechen.
Sie haben jetzt viel auf andere gezeigt. Was können den Händler wie Sie selbst leisten, um die Lage zu verbessern? Sie haben ja bereits früher mehrfach moniert, es reiche als Ladenbetreiber nicht, nur die Tür aufzumachen und auf Kunden zu warten ...
Das reicht noch immer nicht aus, sogar erst recht nicht mehr. Da muss man differenzieren: Wir haben sehr aktive Händler, die bei Veranstaltungen eine tolles Programm anbieten oder auch unabhängig davon Aktionen auf die Beine stellen. Aber im Großen und Ganzen ist da schon Luft nach oben.
Sie selbst führen seit nunmehr zwölf Jahren erfolgreich ein Geschäft, und das auch noch in einer eher schwierigen Lage wie der Schuhstraße. Doch solch inhabergeführten Läden sind in Hildesheim selten geworden. Woran liegt das?
Da spielt der bürokratische Aufwand eine Rolle. Alles ist aufwendiger geworden, auch teurer, man muss für die Rente vorsorgen, viel Steuern zahlen. Bei uns klappt das nur, weil mein Mann und ich das zusammen machen.
Wie beurteilen Sie denn die Situation in der Schuhstraße?
Die hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt, und das nicht zum Besseren. Es ist trist und traurig, ich würde mir Schaufenster wünschen, an denen man stehen bleibt. Als ich hier anfing, gab es hier noch ganz andere Geschäfte. Früher waren wir hier eine 1a-Lage, jetzt gilt die Schuhstraße als 1b-Lage, das ist ja nicht ohne Grund geschehen.
Was halten Sie vom Wunsch der Mehrheit im Rat, den Verkehr zu beruhigen oder ganz rauszunehmen?
Davon halte ich gar nichts. Der Verkehr ist in der Schuhstraße nicht das Problem.
Sie haben den ehrenamtlichen zeitlichen Aufwand für die Freundlichen Hildesheimer früher einmal mit mindestens 15 Stunden in der Woche beziffert. Warum tun Sie sich das neben Ihrer Arbeit noch an?
Wir haben gerade einen sehr produktiven Vorstand, ich muss daher weniger Zeit als bei meiner ersten Amtszeit 2019 investieren – wenn die Mitglieder mich denn am 8. August zur Vorsitzenden wählen. Wir haben mit Christian Becker auch schon einen Nachfolger für mich im Stellvertreter-Amt gefunden, er hat viele gute Ideen.
Wie viele Einzelhändler sind eigentlich bei Ihnen Mitglied?
Es waren zuletzt etwa 15, wir haben aber in den vergangenen Monaten fünf neue dazugewonnen.
Das sind gleichwohl beim Blick auf die Zahl aller Hildesheimer Einzelhändler noch zu wenig, oder?
Natürlich hätten wir gern wesentlich mehr. Wir wollen die Innenstadt am Laufen halten – und wer das ebenfalls möchte, sollte sich überlegen, mitzumachen. Es wird auch der Zeitpunkt kommen, wo wir nur noch unsere Mitglieder von Aktionen profitieren lassen können – die müssen schließlich einen Mehrwert haben, wenn sie in den Verein eintreten.
Die Stadt arbeitet daran, das Zentrum wieder als Wohnort attraktiver zu machen. Wie finden Sie das?
Für mich persönlich wäre es nichts, in der Innenstadt zu wohnen. Aber aus wirtschaftlicher Sicht wird es nicht anders gehen, als das Zentrum mehr zum Wohnen zu nutzen. Innenstadt wird in Zukunft nur als Mix von Handel, Gastronomie, Dienstleistung und Wohnen funktionieren.
Verträgt sich das mit Ihrem Ansatz, die Innenstadt auch durch Veranstaltungen zu beleben, lauern da nicht Konflikte?
Wer ins Zentrum zieht, sollte sich darüber im Klaren sein, dass es dort einen gewissen Geräuschpegel gibt.
Welche Veranstaltungen der Freundlichen Hildesheim wird es in diesem Jahr noch geben?
Auf jeden Fall das Hi-Light-Shopping am Freitag, 25. Oktober. Dazu machen wir zum ersten Mal eine Tombola. Die ziehen wir ganz groß auf, mit tollen Preisen. Auch in der Weihnachtszeit wird es etwas geben; was genau, darüber reden wir noch. Wenn wir zum Beispiel einen langen Sonnabend im Advent anbieten, brauchen wir die Bereitschaft der Händler, entsprechend lange zu öffnen – und das, wo doch manche sonst um 13 Uhr schließen. Aber lange Adventssamstage, das fände ich schon toll!
