Hildesheim - Da badet irgendein Mann in einem Tümpel, gemeinsam mit jemandem, der als Nilpferd verkleidet ist. Wasser spritzt, egal, wisch und weg, nächster Clip, eine Frau schminkt sich die Augen. Weiter geht’s, ein Baby schreit, wisch, ein Skater düst gegen eine Wand, wisch, ein Typ spricht sorgenvoll in die Kamera, wisch, ein Kleinkind isst Brei und schmiert sich voll, wisch, eine andere Frau tanzt Zumba.
Scrollen, scrollen, scrollen
Keines dieser Videos ist länger als zwei Sekunden auf dem Handybildschirm der mir fremden, älteren Dame neben mir zu sehen. Ja, ich gebe offen zu, ich habe heimlich rübergeschaut, als sie in der Pariser Metro saß und scrollte und scrollte und scrollte. Bereits beim kurzen Hinsehen wurde mir schwindelig, sie allerdings lachte, verdrehte die Augen, staunte, ihr Daumen dabei ununterbrochen in Aktion. Klar, ich kenne das von jungen Menschen in Bussen, Bahnen und Fußgängerzonen. Dass allerdings auch Senioren rasend schnell durch allerlei Unsinn scrollen, war mir neu.
Zeitverschwendung mit Ansage
Erst jüngst las ich, dass so gut wie nichts aus solchen Clips in unserem Gedächtnis hängen bleibt. Somit vergeht die verbrachte Zeit gefühlt zwar schnell, bleibt in unserem Hirn aber ohne jegliche Erinnerung. Ich selbst erinnere mich zwar jetzt gerade an jene Clips – aber wohl nur, weil ich bereits in jenem Moment eine Kolumne für diese Zeitung witterte. Denn ich frage mich durchaus, weshalb alle Welt darüber spricht oder auch trauert, wie schnell Dinge und Leben vergehen – wir gleichzeitig aber vermehrt (sinnlose) Dinge tun, die diesen Eindruck wissentlich noch verstärken. Ist das nicht ein totaler Wahnsinn?
