Hildesheim - Vor 25 Jahren: Kaum im Job angekommen, musste er das Stadttheater wieder verlassen – Von der anstehenden Sanierung hatte Martin Kreutzberg nichts gewusst. So wurde der Intendant zum Bauherrn – und entdeckte die Halle 39. Im Interview erzählt er, was er heute macht und wie er auf die Zeit in Hildesheim zurückblickt.
Lange nichts gehört. Wo stecken Sie?
In Zürich, wo ich immer schon vorher gewohnt habe. Meine Familie lebt hier. Und das war der Grund, warum ich wieder zurück wollte. Das war ein Abkommen mit meiner Frau, fünf Jahre Hildesheim, an das ich mich gehalten habe. Ich bin ein später Vater und bin gerade Großvater geworden und habe eine neue Aufgabe.
Ihr Vorgänger, Klaus Engeroff, ist gegangen, weil seine Verlängerung verbunden war mit der Gleichstellung der Verwaltungsdirektorin mit dem Intendanten. Galt das auch für Sie?
Ich bin doch nicht mit dem Klammerbeutel gepudert. Man ist zwar gut beraten, wenn man mit der Verwaltungsdirektorin eng zusammenarbeitet, aber am Theater entscheidet einer: Und das ist der Intendant oder die Intendantin. Das war meine Bedingung vor der Vertragsunterzeichnung. Politiker wollen halt manchmal ihre Duftmarke setzen, zum Beispiel bei der Wahl eines neuen Intendanten. Das ist für die Betroffenen dann übel. Brecht würde sagen: Es ist fischig.
Wie bewerten Sie fünf Jahre Intendanz in Hildesheim innerhalb ihrer 55 Jahre im Kulturbetrieb?
Das war für mich eine wichtige Zeit. Ich wollte mal die Verantwortung für solch einen Betrieb haben. Ich hab das gebraucht. Das hätte mir sonst gefehlt. Und ich hab dort Menschen kennen gelernt. So Petra und Ronald Klein-Knott (Anm.d.Red.: Er war Stadtbaurat). Daraus ist eine Freundschaft geworden. Eine intensive. Wir treffen uns überall auf der Welt. Ronald Klein-Knott ist mir ja damals als entscheidende Hilfe zur Seite gestanden, als ich plötzlich Bauaufträge in Millionenhöhe unterschreiben musste als Geschäftsführer.
Stimmt, auf den Umzug des Stadttheaters waren Sie nicht vorbereitet, oder?
Sechs Wochen nach meinem Start als Intendant wurde mir mitgeteilt, dass das Theater aus baulichen Gründen geschlossen werden muss. Ich hatte mich auf eine Arbeit als Intendant vorbereitet, aber nicht als Bauherr.
Wer ist denn auf die Halle 39 als Ausweichspielstätte gekommen?
Wir sind durch die ganze Stadt gezogen, haben Sporthallen und Schulaulen angeschaut. Auch ein Zelt vor dem Theater wurde diskutiert. Dann habe ich die Halle 39 gesehen und gesagt: Das ist es. Eine riesige Chance. Und eine Herausforderung: Sechs Wochen vor Spielzeitbeginn war da noch ein Industriebetrieb drin. Aber wir haben im September 1996 pünktlich angefangen. Während der Spielzeit in der Halle wurde in sensationell kurzer Zeit das Theater in der Stadt entkernt und wieder aufgebaut.
Wie waren Ihre Erfahrungen mit dem Hildesheimer Publikum?
Das zählt zu den absolut positiven Erinnerungen: Da war eine Stadt, die will ihr Theater. Das Publikum ist mit dort rausgezogen und hat sich gefreut, ein Jahr später in sein renoviertes Theater zurückkehren zu können.
Was hat Ihnen in der Halle besonders gut gefallen?
Also: In Zürich ist zur gleichen Zeit eine alte Industriehalle in das Theater „Schiffsbau“ umgebaut worden. Perfekt restauriert bis zur letzten Schraube. Für gut 80 Millionen Franken. Nur, wenn da von einer Produktion zu einer anderen umgebaut werden muss, brauchen sie dafür eine Woche. Wir hatten in Hildesheim knapp eine Million D-Mark. Einen Umbau aber haben wir an einem Vormittag geschafft. Am Vorabend der „Fliegende Holländer“ auf der einen Seite der Halle und am nächsten Abend auf einer Arenabühne der „Gute Mensch von Sezuan“.
Wer ist auf die Idee gekommen?
Das nehme ich für mich in Anspruch. Als ich zum ersten Mal in der Halle war, habe ich diesen großen Laufkran gesehen. Statisch war der in Ordnung, nur der Motor kaputt. Den haben wir repariert, die Zuschauertribünen in Segmente aufteilt und die kamen dann an den Kran. In zwei Stunden war die Halle umgebaut. Da hat die Theatertechnik Enormes geleistet.
Was war für Sie schwierig in Ihrer Zeit als Intendant?
Theater hat letztlich auch mit Geld zu tun. In Hildesheim war der Etat mit Orchester und Chor knapp halb so hoch wie am „nur“ Schauspiel Zürich. Wenig Geld für Engagements oder Bühnenbilder. Das wirkt sich letztlich auch auf die erreichbare Qualität der Arbeit aus. Und hier war es für mich schwierig die Balance zu halten: Einerseits das künstlerisch Erreichbare zu achten, auch stolz darauf zu sein, andererseits den kritischen Blick darauf nicht zu verlieren. Ein ständiger Balanceakt.
Erinnern Sie sich an gelungene Inszenierungen?
Im Opernbereich ist manches ganz gut gelungen. Das war auch ein Verdienst von Werner Seitzer (Anm.d.Red.: Generalmusikdirektor), mit dem ich sehr gut zusammen gearbeitet habe. Der war sehr innovativ. Auch wenn er es mit seinem Orchester nicht immer leicht hatte.
Aber die mit ihm auch nicht.
Da gab es Aufstände gegen ihn, ja. Aber Deufel (Anm.d.Red: Oberstadtdirektor und Aufsichtsratsvorsitzender des Stadttheaters) hat dann den Orchestervorstand kurz vorgeladen und ihm die Leviten gelesen. Und dann war Ruhe. Zeitweise.
Sie waren von Haus aus Dramaturg und Regisseur. Warum wollten Sie Intendant werden?
Das war die Gesamtverantwortung für ein Haus. Als Regisseur und Dramaturg ist man letztlich immer nur in zweiter Linie verantwortlich.
Sie haben auch selber inszeniert.
Sparsam.
Zum Beispiel „Herkules“ von Dürrenmatt im Rathaus.
Das war nach meiner Zeit als Intendant. Das ist schief gegangen (lacht gequält). Das hätte ich unter den Bedingungen, die es gab - neuer Raum und unbekannte Schauspieler - nicht machen sollen. Das war ein Fehler.
Nach Hildesheim haben Sie dem Theater den Rücken gekehrt, Filme gedreht und als Redakteur gearbeitet. Hatten Sie die Nase voll?
Das hatte nichts mit meiner Nase zu tun. Mit der Entscheidung für meine Familie war mir klar, dass meine Theaterlaufbahn damit beendet war. So habe ich mich auf die Möglichkeiten konzentriert, die ich in Zürich hatte. Nach meinem Verständnis darf Kunst kein Selbstzweck sein, sondern sie sollte immer etwas Besonderes zum Leben der Menschen beitragen.
Wie geht das?
Ich hab immer zu bestimmten Ereignissen Produktionen gemacht. Zur „125 Jahr Eingemeindung von Zürich“ etwa hab ich ein Festprogramm und eine große Ausstellung im Rathaus gemacht. Oder zu den letzten Junifestwochen „Zivilstand Musiker“, die Geschichte eines Emigranten, der hier in Zürich das erste Kammerorchester aufgebaut hat. Das hat viel mit Zürich zu tun – und so etwas interessiert mich.
Und wie ist das mit dem Selbstzweck im Theater?
Im Theaterbereich gibt es eine Schicht, die für sich selber produziert. Der es egal ist, ob das in die Stadt passt und das Publikum etwas angeht. Wichtig ist denen primär, dass die großen Kritiker erscheinen. Und das lehne ich ab. Grundsätzlich. Theater muss was mit den Menschen zu tun haben, die es besuchen. Punkt.
Was haben Sie sonst noch auf die Beine gestellt in Zürich?
Ich habe zehn Jahren lang die Zeitschrift „Fluntern“ herausgegeben. Fluntern ist ein Stadtbezirk am Zürichberg, wo wir auch leben. Diese Quartiere sind relativ selbständig, unseres ziemlich selbstbewusst. Die Zeitung kam zehn Mal im Jahr mit 20 Seiten heraus, mit Porträts und Beiträgen zum aktuellen Geschehen, wie dem Bau des neuen Hochschulzentrums für sechs Milliarden Franken. Was zu intensiven Auseinandersetzungen geführt hat.
Machen Sie die Zeitung heute nicht mehr?
Ich hatte vor fünf Jahren einen Herzinfarkt. Zu viel gearbeitet. Aber ich habs gut überstanden, ich bin repariert (lacht) Seitdem konzentriere ich mich auf meine Herzensprojekt: Das elektronische Bilder- und Lesebuchbuch „Fluntern erzählt“ (www.fluntern erzählt.ch). Ein „work in progress“ mit inzwischen 120 Texten und über 400 Bildern. Neulich hat mir eine alte Frau ihre Lebensmittelkarten aus dem Zweiten Weltkrieg geschickt. Und da mach ich dann was daraus…
Wie ist Ihre Beziehung zur Theaterlandschaft heute?
Ich hab da nur von Zürich und Berlin einen Überblick. Und da sehe ich eine Tendenz, die mir nicht so passt. Die Selbstdarstellung von Regisseuren, möglichst originell zu sein, nimmt zu. Da hat auch die Presse ihren Anteil dran. Weil die gerne mal was ganz anderes sehen will. Hier in Zürich gab es eine Aufführung von Horvaths „Kasimir und Karoline“. Da kam kein einziger Satz von Horváth drin vor. Manche fanden das gut. Ich nicht.
Sind Sie als Künstler eher einKopfmensch?
Ich bin mehr programmatisch orientiert. Das liegt auch an meiner Herkunft. Ich war zehn Jahre am Gorkitheater in Ostberlin. Da wurde großer Wert auf das Erzählen von Geschichten durch Schauspieler/innen gelegt. Ich erinnere mich da an eine Aufführung mit der Jutta Hoffmann. Sie hatte eine Szene im direkten Kontakt mit dem Publikum und sie hat das auf eine Weise gemacht, dass es dort unten anfing zu brodeln. Solche Schauspielkunst finde ich faszinierend.
Wie erleben Sie die Coronazeit?
Ich hab vor einem Jahr die letzte Aufführung am Deutschen Theater am Tag bevor geschlossen wurde gesehen. Das war eine ganz eigenartige Stimmung. Dann hab ich das eine oder andere per Videostream gesehen. Das war interessant, wenn spezifische Mittel eingesetzt wurden und nicht nur abgefilmt wurde. Es muss eine eigene Kunstform sein. Nur eine Kamera draufhalten, das ist langweilig.
Wird die Theaterlandschaft verändert aus der Krise hervorgehen?
Das glaube ich. Meine Hoffnung ist, dass sich ein Verlust bemerkbar macht. Dass auch Leute, die keine große Affinität zur Theaterkunst haben, trotzdem merken, da fehlt uns was.
Das klingt optimistisch. Die Menschen könnten ja auch zu dem Schluss kommen: Geht auch ohne Theater.
(entrüstet) Das glaube ich ganz bestimmt nicht.
Zur Person
Martin Kreutzberg ist 1943 in Oppeln geboren. Nach dem Abitur hat er als Bühnenarbeiter und Beleuchter an den Städtischen Bühnen Karl Marx Stadt gearbeitet, um dann in Leipzig Theaterwissenschaft, später noch Kunstsoziologie zu studieren – und zu promovieren. Seit 1967 hat er als Chefdramaturg am Kreistheater Annaberg und zehn Jahre am Maxim-Gorki-Theater Berlin gewirkt. Nach der Übersiedlung 1978 in die Bundesrepublik war er Chefdramaturg und Regisseur am Landestheater Schwaben in Memmingen, am Stadttheater Bern (zahlreiche Inszenierungen mit Urs Bircher), an den Städtischen Bühnen Nürnberg und am Schauspielhaus Zürich. Von 1995 bis 2000 Intendant und Geschäftsführer des Stadttheaters Hildesheim. Danach für TV und als Redakteur tätig.




