Hildesheim - Es ist 14.30 Uhr im Hildesheimer Friedrich-Ebert-Stadion, eine halbe Stunde vor Anpfiff, und an der Nordseite herrscht bereits Hochbetrieb: Während sich die Spieler des VfV Borussia 06 langsam warmlaufen und die Haupttribüne noch verwaist ist, tummeln sich die ersten Zuschauerinnen und Zuschauer bereits vor den Wurst-, Pommes- und Bierbuden. Mittendrin: der „Röhrig: Wurst- und Fleischspezialitäten“-Stand von Peter Röhrig. Für die Kunden kein schlechter Platz: Bier und Bratwurst sind nah, auch hat man hier eine gute Übersicht auf das Spielfeld. Ein paar alteingesessene Fans des VfV 06 haben sich wohl deshalb genau davor versammelt. „Das sind unsere Bundestrainer“, sagt Röhrig und schmunzelt.
Beliebtes Gesprächsthema heute: der mögliche Aufstieg des VfV 06 Hildesheim in die Regionalliga. Zwar dauert die Saison noch ein paar Spiele, doch die Chancen dafür stehen gut, auch weil die Hildesheimer noch drei Spiele aufzuholen haben. Das wirkt sich positiv auf die Gemüter der Stadion-Besucher aus und sind somit auch für Peter Röhrig gute Nachrichten. Denn gute Laune bedeutet, dass die Zuschauer nach Abpfiff nicht fluchtartig das Stadion verlassen – stattdessen nach Spielende noch klönen, ein paar Bier trinken und eine Bratwurst essen.
„Du bist völlig losgelöst von deinen Gedanken“
Röhrig selbst ist schon deutlich länger hier: Um 10 Uhr beginnt sein Arbeitstag am Stadion – er baut den Stand auf und plant den Tag. Wie viele Bratwürste am Ende weggehen, lässt sich allerdings kaum vorhersagen – das hängt stark davon ab, ob der VfV 06 gewinnt oder verliert. Auch deshalb steht immer ein Kühlwagen bereit, um im Fall der Fälle für Nachschub zu sorgen. Mitgeplant werden muss auch die dazugehörige Pommesbude und das spätere Currywurst-Essen für die VIPs.
15 Minuten vor Anpfiff drängeln sich immer mehr Leute um die Bude. Röhrig wendet die Schinkengriller, nimmt Bestellungen entgegen, klönt währenddessen mit den Kunden, reicht die Würste, nimmt Geld an. Wer sich von außen den Trubel und die lange Schlange anschaut, vermutet alles – aber keine Erholung. Doch für Peter Röhrig ist das der perfekte Ausgleich: „Es ist so, dass du hierherkommst und irgendwo deine Gedanken losgelöst sind von deinem Tag“, erklärt er, während er die nächste Wurst wendet. „Wenn du hierher fährst, hat das alles gar nichts damit zu tun, was du sonst so machst. Du bist völlig losgelöst von deinen Gedanken.“
Eine Bratwurst mit fünf Scheiben Toast
Röhrig kennt seine Pappenheimer. Er weiß oft schon, was bestellt wird, bevor der Gast den Mund aufmacht. Da ist zum einen der Minimalist, der immer zwei Würste auf einer Pappe verlangt, das Brot aber kategorisch ablehnt. Das Kontrastprogramm folgt meistens kurz darauf: eine Wurst, fünf Scheiben Toast. Der Gast, der das bestellt – ein älterer Herr, der seit 15 Jahren ins Stadion geht – erklärt seine Bestellung folgendermaßen: „Ich esse zu Hause Kartoffeln, Gemüse, Salat und Wurst. Das Brot ist hier meine Beilage. Ich will nicht, dass die Beilage alle ist, bevor die Wurst weg ist.“ Daher müssen die Proportionen stimmen – die fünf Scheiben seien die exakt kalkulierte Menge, damit jeder Bissen Wurst von ausreichend Brot begleitet werde.
Doch weder der Sport noch der Hunger sind sein Hauptantrieb: Sein bester Freund ist verstorben, seitdem begleitet er dessen Freundin zu den Heimspielen. Das Stadion ist für ihn ein Ankerpunkt: „Es ist ein Gesamtpaket“, sagt er. „Wurst, Fußball gucken und danach ein Eis essen.“
„Kannst ja sauer sein, aber lass unseren Spielertunnel in Ruhe!“
Während am Grill noch philosophiert wird, nimmt das Spiel gegen den BSV Rehden bereits Fahrt auf. Nach nicht einmal 20 Minuten führt der VfV 06 schon mit 2:0 – am Grill herrscht Hochstimmung, die Wurstbestellungen häufen sich. Mit dem Pfiff zur Halbzeitpause bricht dann wieder der gewohnt kontrollierte Ausnahmezustand aus. Danach plätschert das Spiel vor sich hin, bis es kurz vor dem Ende plötzlich laut scheppert – die Menschen am Grill schrecken hoch. Kurz zuvor hatte ein Rehdener Spieler Gelb-Rot gesehen, war vom Spielfeld geschickt worden – und lässt jetzt seinen Frust im Aufgang zu den Kabinen raus. Ein VfV-06-Verantwortlicher rennt ihm hinterher: „Kannst ja sauer sein, aber lass unseren Spielertunnel in Ruhe!“
Der VfV 06 bringt die Begegnung – etwas knapper als erwartet – mit einem 2:1-Sieg über die Bühne. Die 505 Zuschauerinnen und Zuschauer sind gut gelaunt, auch Röhrig freut sich. „Wir denken natürlich, die gewinnen, weil die Bratwurst so gut schmeckt“, sagt er schmunzelnd. Es dauert noch eineinhalb Stunden, bis sich das Stadion leert – viele bleiben auf der Nordseite, diskutieren über die nächsten Spiele, einen möglichen Aufstieg – und kaufen sich noch eine Bratwurst. Als dann die letzten Zuschauer das Stadion verlassen, bleibt ein junger Mann am Tresen stehen. „Riecht lecker“, sagt er. Röhrig bietet ihm eine Wurst an, doch der Zuschauer lehnt ab. „Leider schon alles für Bier ausgegeben.“ „Ist umsonst“, sagt Röhrig – doch da ist der Mann schon wieder in der Masse verschwunden.
Hoffnung auf die Regionalliga
Obwohl er seit 10 Uhr morgens auf den Beinen ist und den ganzen Tag gearbeitet hat, wirkt Peter Röhrig keineswegs erschöpft. Er klönt wieder mit den Gästen am Grill, diskutiert über die Gelb-Rote Karte und die nächsten Spiele, die für den VfV 06 entscheidend für einen möglichen Aufstieg werden: Am Ostermontag geht es auswärts gegen den Spitzenreiter, SV Atlas Delmenhorst, sechs Tage später wieder auswärts gegen den Tabellenzweiten, Heeslinger SC. Der Stand von Röhrig ist erst wieder am 19. April im Einsatz – beim Heimspiel gegen die zweite Mannschaft von Eintracht Braunschweig.
Über einen Aufstieg in die Regionalliga würde sich auch Peter Röhrig freuen – und das nicht nur wegen des wohl steigenden Zuschauerschnitts. Er ist mittlerweile ein fester Bestandteil der Stadionfamilie und fiebert seit dem Sommer auch mit dem Verein mit: „Da hoffen wir natürlich alle drauf, dass man aufsteigt und noch mehr Stimmung hier im Stadion ist“, sagt er. Als sich der kleine Marktplatz vor dem Stadion dann endgültig leert, macht auch Peter Röhrig den Grill aus. Er packt zusammen – und freut sich schon jetzt auf das nächste Heimspiel. Denn wie er selbst sagt: „Ohne Bratwurst in der Hand lässt sich Fußball eigentlich gar nicht richtig gucken.“

