Brüggen - Premiere im Landkreis Hildesheim: Zum ersten Mal fahren Teams aus 17 Nationen um Europameisterschaftstitel in den Offroad-Klassen. Leicht haben sie es auf dem Gelände bei Brüggen nicht. Der Regen hat die Pisten extrem rutschig und damit ausgesprochen anspruchsvoll gemacht. Der lehmhaltige Boden fordert Fahrern und Fahrzeugen alles ab. Hunderte Zuschauer erleben an der Strecke hautnah, wie sich Geländewagen und Prototypen durch den Matsch wühlen.
Regen schafft extreme Bedingungen
Für Fabian Wassermann wird es gleich ernst. Noch zwei Fahrzeuge sind vor ihm dran, dann begibt er sich mit seinem Wagen in der Klasse Prototyp auf die Piste. Haarnadelkurven, Hindernisse auf der Strecke und steile Hänge liegen vor ihm. Fünf mit Stangen markierte Tore muss er zudem auf der Piste durchfahren – und alles in fünf Minuten. „Eigentlich eine schöne Strecke, aber der Regen hat sie unberechenbar gemacht“, sagt der Neustädter, der für den gastgebenden Verein IG 4x4 Hameln antritt. Zum ersten Mal richtet der Verein einen so hochklassigen Wettbewerb aus. „Das ist eine Ehre und eine Herausforderung für“, sagt Vorsitzender Christian Wohle. Der ist normalerweise auch mit einem Prototyp am Start, doch in diesem Jahr fehlt ihm als einer der Hauptorganisatoren die Zeit dafür.
Seit über einer Woche präparieren Wohle und sein Team die Strecke auf dem Gelände bei Brüggen, das der Verein schon seit vielen Jahren gepachtet hat. Für die Europameisterschaft sind die Anforderungen, die das in acht Sektionen eingeteilte Areal an die Fahrer und Fahrerinnen stellt, noch einmal erhöht worden. Ein Komitee des Verbandes hat die Strecken abschließend kontrolliert und freigegeben. „Sicherheit geht vor“, sagt Wohle. Deshalb musste auch jedes Team sein Fahrzeug überprüfen lassen. „Einer durfte danach nicht am Wettkampf teilnehmen, sein Überrollsystem am Käfig entsprach nicht die Bedingungen“, erklärt Wohle. In diesem Jahr haben die Prüfer sicherlich noch genauer hingeschaut, als ohnehin schon. Denn im vergangenen Jahr gab es bei einer Veranstaltung auf der Strecke einen Unfall, der Fahrer wurde sicherheitshalber mit dem Rettungshubschrauber abtransportiert. „Am Ende war alles gut, aber das hat uns einmal mehr sensibilisiert“, sagt der Vereinschef.
Einige Fahrer brechen an Steilhängen ab
Der heftige Regen, der in der Nacht zum Sonnabend auch über Brüggen runterging, hat die Pisten in Schlammfelder verwandelt. Knöcheltief steht der Matsch als Fabian Wassermann auf sein Startzeichen wartet. Etliche Fahrer haben die Strecke bereits vor ihm befahren, einige haben abgebrochen, weil sie den Steilhang nicht geschafft haben. Allesamt haben sie tiefe Fahrrinnen im Morast hinterlassen.
Dann ist es soweit. Wassermann und seine Beifahrerin fahren auf die Strecke, gerade als der Regen wieder heftig einsetzt. Der Matsch spritzt in alle Richtungen, als Wassermann sich durch die Hindernisse kämpft. Die riesigen Reifen seines Prototypen, den er vor einigen Jahren einem erfahrenen 4x4-Piloten abgekauft hat, kann er einzeln steuern und bremsen. Nur so kann das breite Fahrzeug um die engen Kurven fahren, fast auf der Stelle drehen. Dann probiert sich Wassermann am Steilhang. Der erste Versuch misslingt, er lässt den Wagen rückwärts hinterrollen, startet erneut und schafft es nach oben. Ohrenbetäubend dröhnt der Motor, das Fahrzeug springt geradezu über die holprige Piste. Das ist nichts für schwache Nerven.
Auf der Piste gegenüber ist für einen anderen Fahrer der Wettkampf zunächst vorbei. Sein Wagen ist in einer Kurve auf die Seite gekippt. Von alleine lässt der sich auch mit Vierradantrieb und Fahrgeschick nicht mehr aufrichten. Ein Bagger, der unweit der Pisten parat steht, ist die Rettung. Er zieht das Fahrzeug aus dem Matsch, befördert es zurück auf die Strecke. Für das Team ist trotzdem Schluss. Sein Zeitfenster ist abgelaufen.
Wassermann lässt sich derweil von den Zuschauern bejubeln. Über einen Europameisterschaftstitel würde er sich am Ende natürlich freuen. „Aber bei den Bedingungen freue ich mich, wenn ich unter die ersten Zehn komme“, sagt der 33-Jährige, der seit knapp 15 Jahren Motorsport betreibt und bereits eine Deutsche Meisterschaft gewonnen hat.
Jeweils acht Fahrten müssen alle Fahrer und Fahrerinnen Sonnabend und Sonntag absolvieren. Erst dann stehen die Sieger fest, wenn alle Strafpunkte, die die Fahrer zum Beispiel für das Berühren der Stangen oder fürs Rückwärtsfahren bekommen, addiert sind.
Sonntag geht es um 8 Uhr bei Brüggen weiter
Sorgenvoll blickt Wohle in den Himmel: „Sonntag soll es wieder Regen geben“, bedauert er. Aber gefahren wird trotzdem: Am Sonntag beginnt der Betrieb wieder um 8 Uhr und dauert voraussichtlich bis 18 Uhr an. Das Vereinsgelände befindet sich von Brüggen kommend in Fahrtrichtung B3 auf der rechten Seite. Der Zuschauerparkplatz ist ausgeschildert. Übrigens: Gummistiefel sind empfehlenswert.




