Anwesenheitsprämie

Mehr Geld für weniger Fehltage: Wie eine Firma aus dem Kreis Hildesheim motivieren will – und wie sie auf Kritik reagiert

Alfeld - Mit einer Anwesenheitsprämie sorgte Tesla im Sommer für Furore – und für Kritik. Nun honoriert ein Unternehmen aus dem Kreis Hildesheim geringe Fehlzeiten noch viel stärker als Elon Musks Firma. Wie kommt das – und wie funktioniert das?

Ulrich Behre (links) und Kristian Langner haben bei Meyer Seals eine außergewöhnliche Betriebsvereinbarung ausgehandelt. Foto: Tarek Abu Ajamieh

Alfeld - Mit starken finanziellen Anreizen will das Alfelder Industrie-Unternehmen Meyer Seals seine 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu motivieren, sich seltener krank zu melden. Geschäftsführung und Betriebsrat des Deckeldichtungs-Herstellers haben eine entsprechende Betriebsvereinbarung getroffen, bis zu 4000 Euro Bonus pro Jahr sind drin. Krankenkassen üben teilweise Kritik an dem Modell der „Anwesenheitsprämie“. Unternehmen und Arbeitnehmer-Vertretung verteidigen das Konzept. Die Neuerung bei Meyer Seals fällt in eine Zeit, da Unternehmen bundesweit über hohe Krankenstände klagen und diese als einen Faktor für wirtschaftliche Probleme in Deutschland nennen.

4000 Euro sind möglich

Schichtarbeiter, die im betreffenden Geschäftsjahr keinen oder nur einen Fehltag wegen Krankheit hatten, bekommen eine Prämie von 4000 Euro. Bei zwei oder drei Fehltagen sind es 3000 Euro, bei vier oder fünf Fehltagen noch 2000 Euro. Danach wird weiter gestaffelt bis zu zehn Fehltagen, dann gibt es noch 500 Euro. Wer über 50 ist, bekommt auch maximal 4000 Euro, in den Stufen darunter aber höhere Beträge als jüngere Beschäftigte. Wer nicht in Wechselschicht arbeitet, erhält bei keinem oder einem Fehltag 3000 Euro und bei sechs Fehltagen noch 500 Euro. Nicht mitgezählt werden Fehltage durch die Betreuung erkrankter Kinder, die Pflege von Angehörigen oder nach unverschuldeten Arbeitsunfällen.

Allerdings berücksichtigt das Modell nicht nur das jeweilige Geschäftsjahr, sondern auch die drei davor, erklärt der Betriebsrats-Vorsitzende Christian Langner. Für Geschäftsjahre ohne Fehltage gibt es Bonustage, die Fehlzeiten in anderen Jahren ausgleichen können.

Mehrere Jahre berücksichtigt

Auslöser sei ein Einzelfall gewesen, berichtet Langner: „Wir hatten einen Mitarbeiter, der war in 20 Jahren quasi nie krank, und ausgerechnet im abgelaufenen Geschäftsjahr hat er tatsächlich gefehlt.“ Ihm die Prämie nicht zu zahlen, wäre unfair gewesen, findet der Arbeitnehmer-Vertreter. daraus sei in den Verhandlungen mit der Geschäftsführung die Berücksichtigung mehrerer Jahre entstanden. „Hundertprozentige Gerechtigkeit gibt es nie, aber ich denke, 80 bis 90 Prozent Gerechtigkeit erreichen wir schon“, findet der Betriebsrats-Vorsitzende.

Nach Angaben von Geschäftsführer Ulrich Behre bekommt mehr als die Hälfte der Belegschaft im ersten Jahr eine Anwesenheitsprämie. Das Unternehmen wendet dafür insgesamt 230.000 Euro auf. Teilzeit-Beschäftigte erhalten den Bonus anteilig. Die, die etwas ausgezahlt bekamen, erhielten im Schnitt rund 2400 Euro brutto.

„Es wird ja niemandem etwas weggenommen“

Geschäftsführer Behre hatte den Anstoß für die Anwesenheitsprämie gegeben. „Mir geht es vor allem darum, das Bewusstsein der Beschäftigten zu stärken: Kann ich wirklich nicht arbeiten?“ Es heiße schließlich „Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung“ und nicht „Krankheits-Bescheinigung“. Er empfinde die Krankenstände im Unternehmen gerade unter jüngeren Beschäftigten als zu hoch. „Verstehen Sie mich nicht falsch: Wer krank ist, soll natürlich zu Hause bleiben. Aber ob es wirklich nicht geht, sollte man kritisch prüfen.“

Der Betriebsrats-Vorsitzende Christian Langner sieht das genauso. Es gehe vor allem darum, diejenigen zu belohnen, „die immer da sind und immer zur Stange halten, denn die leisten ja auch den größten Beitrag zum Erfolg des Unternehmens“. Hinzu komme, dass die Krankheit des einen oft die Mehrarbeit eines anderen bedeute. Und das müsse honoriert werden. Eine Bestrafung für häufige Krankheit sei das nicht: „Die Betreffenden bekommen schließlich ihr volles Gehalt, es wird niemandem etwas weggenommen.“

„Ansteckung“ durch häufige Krankmeldungen?

Zudem geht es Langner aber auch um das Binnenklima in der Firma. Es gebe nun einmal Mitarbeiter, die sich öfter krank meldeten. Auch er teilt Behres Beobachtung, dass gerade manche jüngere Beschäftigte im Zweifel lieber eine Woche zu Hause blieben. „Und wenn sich jemand über Jahre immer zufällig in der Woche vor Beginn seines Sommerurlaubs krankschreiben lässt, macht man sich natürlich auch so seine Gedanken.“

Langners Sorge: Dass Beschäftigte, die sich schneller und öfter krankschreiben lassen, ihre Kollegen „anstecken“ könnten. „Wenn du oft die Arbeit für andere mitmachen musst, gibt es vielleicht auch zu Hause irgendwann Druck nach dem Motto: Wieso bist du eigentlich so doof und gehst da immer hin – das dankt dir doch keiner!“

„Corona heißt nicht mehr automatisch krank“

Danken wolle es das Unternehmen diesen Mitarbeitern nun eben doch. „Und vielleicht überlegt sich der eine oder andere auch mal: Okay, den Freitag packe ich noch und erhole mich dann am Wochenende.“ Geschäftsführer Behre nennt ein weiteres Beispiel: „Es ist für mich ein Irrglaube, dass Corona heute noch automatisch eine Krankschreibung rechtfertigt.“ Längst nicht jeder habe Symptome, und gegen die Infektion von Kollegen gebe es Einzel-Arbeitsplätze und Masken.

Zudem verweisen Langner und Behre darauf, dass die Firma Meyer Seals gesundheitsbewusstes Verhalten schon länger unterstütze. Beschäftigte können Bonuspunkte sammeln, wenn sie zum Beispiel ins Fitnessstudio gehen oder im Sportverein aktiv sind, und so eine dreistellige Gesundheitsprämie erreichen. Auch garantiere die Firma durch Kooperation mit Medizinern schnelle Beratung und Unterstützung zum Beispiel bei psychischen Problemen.

Krankenstand im Fokus

Das Modell der Anwesenheitsprämie wird in der deutschen Wirtschaft kontrovers diskutiert. Auslöser war der Beschluss des Elektroauto-Herstellers Tesla, in seinem Werk in Grünheide eine Anwesenheitsprämie von bis zu 1000 Euro im Jahr in seinem Werk in Grünheide bei Berlin zu testen – zunächst nur mit einem Teil der Belegschaft. In den vergangenen Wochen ist zudem eine Debatte darüber aufgekommen, welchen Anteil historisch hohe Krankenstände an den Problemen weiter Teile der deutschen Wirtschaft haben – und wo die Ursachen für die vielen Fehlzeiten liegen.

Heftige Kritik am Tesla-Modell hatte der aus Hildesheim stammende frühere AWD-Chef und heutige Startup-Investor Carsten Maschmeyer geübt: „Mit dieser Prämienpolitik wird das genaue Gegenteil erreicht“, warnte er. Beschäftigte würden sich „trotz Krankheit zur Arbeit schleppen“. In der Folge würden Betroffene schneller erneut erkranken, weil sie sich nicht auskurieren. Zudem würden sich mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anstecken, Arbeitsqualität und Produktivität würden sinken. Maschmeyer zeigte sich angesichts es Konzepts „schockiert“.

Urlaub statt Krankheitstage?

Die AOK Niedersachsen zeigte sich auf HAZ-Anfrage ebenfalls kritisch – mit ganz ähnlichen Argumenten wie Maschmeyer: „Dies birgt die Gefahr, dass arbeitsunfähige Beschäftigte trotz Krankheit wegen eines finanziellen Anreizes zur Arbeit gehen, sich ihr Zustand dadurch vielleicht noch verschlechtert und sie möglicherweise auch weitere, arbeitsfähige Kollegen anstecken.“ Eine solche Prämie rechne sich aus Sicht der AOK für den Arbeitgeber nicht. Die Barmer Ersatzkasse, die Gewerkschaft IG Metall und der Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall wollten auf Anfrage den „Einzelfall“ nicht kommentieren.

Bei Meyer Seals kennen Geschäftsführer Behre und Betriebsratschef Langner die Gegenargumente zu ihrem Modell – glauben aber, trotzdem richtig zu liegen. „Wer wirklich krank zur Arbeit kommt, wird natürlich nach Hause geschickt, weil er dann ja wirklich Kollegen gefährden würde und weil er sich auskurieren soll“, betont Behre. Zudem hätten Beschäftigte auch die Möglichkeit, im Fall einer Erkrankung Überstunden abzubauen oder Urlaub zu nehmen, wenn sie ihre Prämie retten wollten – auch wenn der Betriebsrats-Vorsitzende Langner das „nicht so gut“, finden würde. Oder allenfalls für kurze und leichte Erkrankungen, wo die Frage einer Krankschreibung auf der Kippe steht, sinnvoll finden würde.

Als Arbeitgeber attraktiver?

Langner nennt indes noch einen weiteren Grund für die Einführung der Prämie: „Wir sind stetig auf der Suche nach Mitarbeitern, und dieses Modell steigert aus meiner Sicht noch einmal die Attraktivität des Unternehmens.“ Neben Stellen für Fachkräfte bietet Meyer Seals immer wieder auch Artbeitsplätze für Menschen ohne Berufsausbildung oder sogar ohne Schulabschluss. Zuwanderer mit schwachen Sprachkenntnissen können Deutschkurse bekommen.

Eine erste Bilanz kann das Unternehmen freilich frühestens nächstes Jahr ziehen. Denn die Betriebsvereinbarung wurde erst im September geschlossen und dann rückwirkend angewandt: „Bei den Prämien fürs erste Jahr ist also klar, dass die Beschäftigten im fraglichen Zeitraum noch gar nicht wussten, dass geringe Fehlzeiten honoriert werden würden“, erklärt Christian Langner.

Die Betriebsvereinbarung zur Anwesenheitsprämie gilt zunächst bis einschließlich des Geschäftsjahres 2025/26 und läuft weiter, wenn weder Unternehmen noch Betriebsrat sie kündigen.

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