Hildesheim - Mit jedem Einkauf wächst der Müllberg. Das ist statistisch belegt, seit 2000 ist allein die Menge des Verpackungsmülls um 25 Prozent gestiegen. Damit will Anika Oppermann nun Schluss machen. Nicht aus purem Idealismus: Die 35-jährige Hildesheimerin hat sich als Mehrweg-Expertin selbständig gemacht. Sie hat das Reuse-Lab „Mach Mehrweg“ zusammen mit Julia Klein gegründet.
„Nicht Reuse“, sagt Oppermann und lacht. „Re use“ ist Englisch und bedeutet wiederverwenden. Sie steht oben auf der Metalltreppe des Wertstoffhofs des ZAH in der Mastbergstraße und blickt auf einen Container, randvoll gefüllt mit Gelben Säcken. Kreislaufwirtschaft ist hier das Zauberwort. Oppermann lacht wieder: „Von dem, was in den Gelben Säcken ist, wird heutzutage maximal 17 Prozent wieder recyclt.“ 40 Prozent sind sogenannte Fehlwürfe, also Material, das nicht in den Sack gehört und auch nicht raussortiert, sondern verbrannt wird. Und aus dem Rest, den 17 Prozent, wird nicht das, was es vorher mal war – nämlich Lebensmittelverpackungen.
„Und deswegen sind Mehrweg-Lösungen die Lösung“, sagt Oppermann. Die junge Frau hat Lebensmittelwissenschaften in den Niederlanden studiert, 2017 promoviert, ist nach Hildesheim zurückgekehrt, hat als Solo-Selbständige Unternehmen beim Thema Verpackungsmüll beraten und nun als Expertin für Mehrweglösungen ihre eigene Beraterfirma gegründet.
Aktionswoche geplant
Zum Auftakt beteiligt sie sich an einer bundesweiten Aktionswoche „Essen in Mehrweg“ – oder anders gesagt: Sie will die Hildesheimer daran beteiligen. Für den Zeitraum vom 28. Juni bis zum 3. Juli sucht sie Gastronomen, Firmen, Lebensmittelproduzenten aus der Region, die sich beteiligen wollen.
Wie, dabei wollen ihre Kollegin Julia Klein und sie zur Seite stehen. „Die Kunden sind die einen, die eine große Rolle spielen, aber wir kommen erst weiter, wenn alle Stakeholder eingebunden sind“, sagt Oppermann. Stakeholder sind – vereinfacht gesagt – alle Personen oder Einrichtungen, die an einem Thema beteiligt sind.
Beratung für Firmen
Also die Lebensmittelbranche, die auf Verpackungen für ihre Produkte angewiesen sind. Aber auch der Einzelhandel, der Lebensmittel in Umlauf bringt und auch Gastronomen, die einen Außer-Haus-Verkauf anbieten, was seit der Corona-Pandemie oft die einzige Chance zum Überleben bietet.
Für letztere gebe es mittlerweile im großen Stil entsprechende wiederverwendbare Verpackungen, wie zum Beispiel das Vytal-System, sagt Oppermann, bei der der Gastwirt eine kleine Gebühr pro Nutzung an den Hersteller zahlt und über den Kunden abrechnet. „Das rechnet sich am Ende“, sagt sie. Je häufiger eine Mehrwegverpackung unterwegs ist, desto schneller wird sie – trotz Reinigung – preiswerter als Einwegverpackungen.
Regionale Karte Müllvermeidung
Oppermann erstellt gerade, basierend auf Google-Map, eine regionale Karte, auf der sie alle Partner und Branchen verzeichnen will, die Mehrweglösungen anbieten. Für das Rebowl-System hat sie zum Beispiel schon drei Restaurants ausfindig gemacht wie das Shinhwa in der Schuhstraße, die ein eigenes System nutzen.
Oppermann weiß, dass es mehr werden. Werden müssen: „Der Gesetzgeber macht bereits Druck.“ 2023 werde es eine erste Mehrwege-Pflicht geben. Die Grundlage für ihre Geschäftsidee. „Wir brauchen Lösungen, um unsere Ressourcen zu schonen und damit auch das Klima zu schützen“, sagt sie.
Professionell statt nur idealistisch
Aber sie ist keine klassische Umweltschützerin, die ihre Idee durchsetzen möchte. Oppermann kennt die Regeln und Abhängigkeiten in der Lebensmittelbranche und will sie professionell fähig machen, in Richtung Mehrweg-Systeme zu denken und zu handeln.
Gehandelt wird in Hildesheim möglichst bald und vielseitig, hofft sie nun auf Rückmeldungen. Wer sich für das Thema interessiert, eine Beratung braucht oder einfach an der Aktionswoche „Mach Mehrweg in Hildesheim“ mitmachen will, kann sich an Julia Klein und Anika Oppermann unter mitmachen@esseninmehrweg-hildesheim.de melden.
