Kolumne Gefundenes Fressen

Mein angebetetes dickes Hähnchen

Hildesheim - Wer allein Auto fährt, hat jede akustische Freiheit und darf zum Beispiel laut und falsch Lieder aus dem Radio mitsingen. Auf solche einsamen Gelegenheiten sollte der Spaß aber auch beschränkt bleiben, meint HAZ-Kolumnistin Kathi Flau.

Die Kolumne Gefundenes Fressen erscheint jeden Montag in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung. Foto: Kathi Flau

Hildesheim - Vor einigen Tagen musste ich eine längere Autofahrt antreten. Unter länger mag man dies oder das verstehen, in meinem Fall waren es vier Stunden pro Fahrt, einmal hin, einmal zurück, macht insgesamt acht. Acht Stunden lassen sich zu allerlei Dingen nutzen, gerade wenn man allein unterwegs ist.

Im Gegensatz zur Reise mit dem Zug hat man im Auto zwar keine freien Hände, dafür aber alle akustischen Freiheiten. Man kann Radio hören oder eigene Musik, kann ungeniert telefonieren, singen, Reden einüben usw., saust also quasi in einem eigenen Abteil durch die Gegend, während draußen andere Menschen in ihren Abteilen vorbeisausen, wo sie ihrerseits zuhören, reden oder singen können, ohne dass man etwas davon mitbekäme.

„Das war schön, mein dickes Hundl!“

Allerdings sind vier Stunden eine lange Zeit. Nachdem ich vom Radiohören und Singen genug hatte, fischte ich aus einem unsortierten Haufen CDs eine nie zuvor gehörte Aufnahme von Texten des französischen Autors Guy de Maupassant. Eine Geschichte handelt von einem Mann, der seiner Freundin schreibt, sie sei hinreißend schön, nur wäre er froh, wenn sie ab und zu einfach den Mund halten könnte, anstatt jeden Augenblick mit ihrem Geplapper zu zerstören. Mitten im Liebesspiel nenne sie ihn „mein angebetetes dickes Kaninchen“ – und das, nein wirklich, das sei zu viel für ihn, so ginge es nicht weiter. „Als sich unsere Lippen trennten, sagtest du lachend: ,Das war schön, mein dickes Hundl!’ Da hätte ich dich hauen mögen.“

Ich musste nun auch lachen. Ja, manchmal ist von Vorteil, nicht zu hören, was andere denken oder sagen, manchmal sieht man sie lieber an sich vorbeisausen. Selbst Gesang ist oft schöner, wenn man ihn nur ahnt. Auf der A 2 genauso wie auf der Straße des Lebens.

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