Hildesheim - Morgen hat meine Schwester Geburtstag, liebe Julia. Kaum zu glauben, dass sie jetzt langsam auch auf die 30 zusteuert – im Kopf bleibt sie doch immer meine kleine Schwester. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was für ein Mensch ich geworden wäre, wenn es sie nicht gäbe.
Also gut, ganz am Anfang musste ich mich scheinbar kurz daran gewöhnen, kein Einzelkind mehr zu sein. Das zeigt ein Video aus den Tagen nach ihrer Geburt. Mama fragt mich darin: „Unser Baby ist jetzt da – und was hast du bekommen?“. Und statt „eine Schwester“ zu antworten, zählt mein dreijähriges Ich „ein Essen, einen Teller, eine Pülli und einen Löffel“ auf. Das hatte ich wohl für meine Puppe geschenkt bekommen. Bei der nächsten Frage „Und wie heißt deine Schwester?“ muss ich dann kurz nachdenken, wie unser neues Familienmitglied noch mal heißt. Aber auf vielen anderen Videos und auf Fotos sieht man, wie stolz ich auf sie war. Und das bin ich noch immer.
Eine Kindheit zwischen Barbies, Playmobil und Bibi Blocksberg
Als Kinder spielten wir mit Steckenpferden, Barbies und Playmobil, zum Einschlafen hörten wir Bibi-und-Tina-Kassetten, und später durfte ich mir manchmal ihren Nintendo DS ausleihen – das war sehr nett von ihr! Irgendwann als Jugendliche wuchs meine Schwester dann über mich hinweg, und das nicht nur in Hinblick auf die Körpergröße.
Ich musste in dieser Zeit lernen, dass die große Schwester zu sein nicht automatisch bedeutet, auch alle Lebenserfahrungen als Erste zu machen, die guten wie die schlechten. Jedes Leben hat seine eigene Geschwindigkeit, und das ist auch völlig okay so – mittlerweile weiß ich das. Als Teenies lebten wir uns auseinander, doch seit wir erwachsen sind, ist unsere Verbindung wohl besser denn je. Ich habe vieles von meiner Schwester gelernt, und niemand versteht mich so gut wie sie – denn sie weiß, was ich fühle, ohne dass ich ein Wort sagen muss. Oft sagen Leute, dass man erst bei genauerem Hinschauen sieht, dass wir Schwestern sind, und doch haben wir so einiges gemeinsam. Und seien es nur Kleinigkeiten wie unsere Frühstücks-Vorlieben: frische Brötchen (danke für diese Gewohnheit, Mama!), auf die Käse, aber unbedingt auch Nutella gehört. Julia, da werde ich mal wieder cheesy: Eine Schwester wie meine zu haben, das ist ein riesiges Geschenk!
In der Kolumne „Unter uns“ schreiben die HAZ-Redakteurinnen Katharina Brecht und Julia Haller über Themen, die nicht nur Frauen um die 30 bewegen.
