Hildesheim - Noch am Donnerstagabend war er zur Mitgliederversammlung des CDU-Stadtverbandes gekommen, hatte sogar zweimal vom Rednerpult aus das Wort erhoben. Es wird der letzte Auftritt Enver Sopjanis vor den Christdemokraten gewesen sein: Am Montagmorgen verkündete der 47-Jährige per E-Mail an die Parteizentralen der Christdemokraten in Hildesheim, Hannover und Berlin seinen „sofortigen Austritt“.
Seit 20 Jahren einen deutschen Pass
Zu den Gründen äußerte sich Sopjani in dem Schreiben nur knapp: „Deutschland kommt so nicht voran. Wir müssen die Menschen, die hier leben, für uns gewinnen und nicht gegen uns. Und das scheint der CDU-Hildesheim wohl nicht am Herzen zu liegen.“ Gegenüber der HAZ wurde der gebürtige Kosovo-Albaner, der seit 20 Jahren einen deutschen Pass hat, deutlicher. „Menschen mit Migrationshintergrund sind in der CDU nicht erwünscht.“
Interkulturelle Liga steht seit Beginn an unter Verdacht
Sopjani gehörte der Partei seit 2015 an, im selben Jahr gründete er mit dem Vorsitzenden des CDU-Ortsverbandes Stadtmitte Dirk Bettels die Interkulturelle Liga (IKL). Die bescherte den Christdemokraten zwar Dutzende neuer Mitglieder, steht aber parteiintern von Beginn an unter misstrauischer Beobachtung wegen des Verdachts, Sopjani wolle mit IKL-Hilfe eigene Interessen durchsetzen - was Sopjani stets zurückgewiesen hat.
Es sei ihm darum gegangen, Menschen verschiedener ethnischer Herkunft für die CDU zu gewinnen und damit diese Gruppen für die Partei zu erreichen, sagte er am Dienstag der HAZ. Die IKL werde weiter bestehen, er lade demnächst zur Jahresversammlung ein. Gleichwohl müsse die CDU damit rechnen, dass nun weitere 20 Mitglieder austräten.
Sopjani fühlt sich durch CDU-Austritt erleichtert
Mit persönlichen Enttäuschungen habe seine Entscheidung nichts zu tun, betonte Sopjani. So gab es im Vorfeld der jüngsten CDU-Mitgliederversammlung parteiinterne Gerüchte, er interessiere sich für ein Vorstandsamt; bei den Wahlen am Donnerstag war der 47-Jährige aber nicht angetreten. Vor zwei Jahren hatte sich Sopjani vergeblich um die Landtagskandidatur bemüht. Sein CDU-Austritt habe ihm Erleichterung verschafft, berichtete er nun am Dienstag. „Ich habe mich schon lange nicht mehr wohl gefühlt –das passte einfach nicht mit der CDU, fertig.“
Im Ortsrat von nun an parteilos
Sein Mandat im Ortsrat Stadtmitte/Neustadt, wo er Fraktionschef der CDU war, will Sopjani behalten. „Ich bin direkt gewählt worden.“ Er werde sich auch weiter politisch betätigen und bei der nächsten Kommunalwahl antreten –ob für eine andere Partei oder mit einer eigenen Liste, das überlege er noch. Er habe in der CDU auch „gute Seelen“ kennengelernt, diese werde er in seinem Herzen behalten, heißt es in Sopjanis Austritts-E-Mail. „Und ich hoffe, dass sie sich nicht von schlechten und ausländerfeindlichen Seelen beeinflussen lassen.“
Wodsack ist von Austritt überrascht
CDU-Stadtmitte-Chef Bettels sagte der HAZ, er bedauere Sopjanis Schritt. Dieser stehe am Ende eines langeren inneren Ringens. Er rechne weiter mit einer guten Zusammenarbeit im Ortsrat. Für den Hildesheimer CDU-Vorsitzenden Frank Wodsack kommt Sopjanis Rückzug „überraschend“, er bedauere ihn. Sopjani habe innerhalb der CDU einiges angestoßen und mit der Interkulturellen Liga einen besonderen Beitrag zum Thema Integration geleistet, allein dafür gebühre ihm Anerkennung.
Darüber hinaus verliere die CDU einen sehr gescheiten Menschen mit guter Streit- und Diskussionskultur. „Diese wird uns fehlen“, sagte Wodsack der HAZ. Ausländerfeindlichkeit könne er in der CDU nicht erkennen; vielmehr seien in der Partei alle Menschen, die sich zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung bekannten, egal welcher Hautfarbe und Herkunft, willkommen.

