Bockenem - Eine neue Firmenzentrale, zwei große neue Hallen, neue Maschinen, eine Art Campus für Forscher, Firmengründer und Partner-Unternehmen sowie Klimaneutralität bis zum Jahr 2030: Der Bockenemer Dichtungs-Hersteller Meteor hat eine ganze Reihe von Vorhaben für die nächsten Jahre präsentiert, die das Gesicht des Unternehmens gravierend verändern dürften.
25 Millionen Euro
Und die Pläne gehen über Meteor selbst hinaus: Bockenem soll zum „Rubber Valley“ werden, zum Zentrum für Forschung und Entwicklung im Bereich Gummi und Kautschuk. Die Anspielung auf das „Silicon Valley“ ist bewusst gewählt. Die Verantwortlichen denken in großen Dimensionen. Mindestens 25 Millionen Euro wollen sie in den nächsten Jahren in Bockenem investieren.
Ziel sei es, „die Herausforderungen durch die Corona-Krise und den Wandel des Automobilmarktes zu meistern, Bockenem als Firmenzentrale zu stärken, Arbeitsplätze zu sichern und klimaneutral zu werden“, erklärte Robert Roiger, seit der Übernahme Meteors vor gut einem Jahr Geschäftsführer in Bockenem.
„Leuchtturm im Landkreis“
Wer in den nächsten zwei, drei Jahren nicht bei Meteor vorbeifährt, wird das Unternehmen danach kaum wiedererkennen können. Die Verantwortlichen wollen das Betriebsgelände völlig umgestalten. Am südwestlichen Ende, zur Hindenburgstraße und zur Karl-Heinz-Bädje-Straße hin, soll die neue „Konzernzentrale“ entstehen, wie Roiger das selbstbewusst nennt, ein neues, modernes Verwaltungsgebäude.
Das soll laut Roiger „ein Leuchtturm für die nächsten Jahrzehnte im ganzen Landkreis Hildesheim und darüber hinaus“ werden und so den Anspruch Meteors als weltweiter Technologie-Führer auch optisch deutlich stärker untermauern als das aktuelle Bauwerk.
„Ziemlich verschachtelt“
Zudem, und das ist das erste Teilprojekt, sollen zwei große neue Logistik-Hallen auf dem Areal entstehen. „Sie ersetzen insgesamt acht Außenlager, die Bauanträge reichen wir jetzt ein“, kündigte der Geschäftsführer am Dienstagabend in einer Videokonferenz mit Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) sowie zahlreichen weiteren Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Forschung an.
Mit den neuen Hallen ließen sich Prozesse deutlich beschleunigen und optimieren, viele unnötige Fahrten fielen weg. Überhaupt bestehe der Betrieb derzeit aus 51 Einzelgebäuden und sei „ziemlich verschachtelt“, das verursache hohe Kosten – und koste zudem im Arbeitsalltag viel Zeit.
Live-Daten von der Maschine
Insgesamt rund 10 Millionen Euro will Meteor allein in die Modernisierung und Digitalisierung seiner Produktion stecken. Den Auftakt dafür bildete die offizielle Einweihung einer neuen Extrusions-Linie und damit eines Herzstücks der Meteor-Produktion, die allein einen erheblichen Batzen gekostet haben dürfte – genaue Zahlen dazu nennt Meteor aus Wettbewerbsgründen nicht. In der Extrusion wird Gummimasse in Körper mit dem Querschnitt der Öffnung gepresst, aus denen später Formteile herausgeschnitten werden.
Die neue Maschinenreihe läuft wenige Wochen nach ihrer tatsächlichen Inbetriebnahme nicht nur bereits „äußerst effizient“, wie Roiger betonte. Sie liefert den Mitarbeitern in der Halle und den Meistern in den Büros auch permanent Live-Daten zum laufenden Produktionsprozess, was Qualität und Effizienz weiter verbessern soll.
Ausschuss halbiert
Wobei Geschäftsführer Roiger hervorhob, Meteor habe den Material-Ausschuss im vergangenen Jahr bereits halbieren können. Ausschuss war vor und während der Insolvenz und auch nach der Übernahme durch den japanischen Konzern Toyoda Gosei ein Problem und nicht zuletzt auch ein Kostenfaktor, den das Unternehmen nie wirklich in den Griff bekam – und bei dem trotz des jetzigen Erfolgs immer noch Luft nach oben ist, wie Roiger einräumte.
Toyoda Gosei hatte Meteor zum Jahreswechsel 2019/2020 an den Münchner Finanzinvestor Aequita (90 Prozent) und den Zulieferer Prettl verkauft, seither ist Roiger Chef in Bockenem.
Kein Personalbbau geplant
Jedenfalls wolle Meteor auch nach und nach seine weiteren Extrusions-Linien erneuern und digitalisieren: „Eine weitere Anlage ist bereits bestellt und sollte in einigen Monaten hier aufgebaut werden.“ Schließlich sei der Maschinenpark des Dichtungs-Herstellers „schon etwas in die Jahre gekommen“. Ein Aspekt: Die neuen Linien werden mit Gas statt mit Strom aufgeheizt, was schneller geht und deutlich weniger Energie verbraucht. Auch in der Mischerei seien vergleichbare Verbesserungen geplant.
Einfache Tätigkeiten von Menschenhand seien weniger gefragt, ein Personalabbau in der Produktion aber nicht angedacht. „Wir setzen eher auf Weiterqualifizierung“, sagt Roiger. Meteor hat in Bockenem knapp 1000 Beschäftigte.
Traum vom „Rubber Valley“
Das Silicon Valley in Kalifornien kennt jeder – als Heimat einiger der größten und erfolgreichsten Digital-Konzerne der Welt, aber auch als Ideenschmiede für technologische Neuerungen von globaler Bedeutung. Dass Meteor Bockenem zum „Rubber Valley“ machen will – wenn auch naturgemäß in deutlich kleinerem Maße als das große Vorbild – macht die Ambitionen der jetzigen Eigner deutlich.
Der gesamte östliche Teil des Firmengeländes in Richtung Nordstraße soll in den nächsten Jahren neu gestaltet werden, mit mehreren Gebäuden und einem offenen Campus in der Mitte. „Forschung, Bildung, Wirtschaft, Verbände und öffentliche Einrichtungen“ sollen dort Platz finden können, kündigte Roiger an und sprach von einer „großen Vision“.
Lob von Professoren
Die teilt auch Prof. Gerhard Ziegmann vom Institut für Polymerwerkstoffe und Kunststofftechnik der Technischen Universität Clausthal: „Eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis ist so, so wichtig!“ Das „Rubber Valley“ biete auch die Möglichkeit, Ausgründungen aus der Hochschule heraus direkt bei einem großen Hersteller anzusiedeln. Die Nähe zur Fertigung sei für die Wissenschaftler von hohem Wert.
Ins gleiche Horn stieß Prof. Ulrich Giese, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Kautschuktechnologie: „Ungelernte Arbeitskräfte werden in dieser Industrie immer weniger nötig sein, aber wir brauchen umso mehr qualifizierte Nachwuchskräfte, gerade in der Kombination aus der Theorie und Praxis.“ Der geplante Campus sei daher eine „Super-Chance“ für eine Branche, in der Deutschland ohnehin Spitzenreiter sei.
Näher an die Forschung
Mit Giese und Ziegmann hat Meteor in den vergangenen Jahren schon öfter zusammengearbeitet, mit Giese zum Beispiel beim Bemühen, Gummi-Dichtungen noch leichter zu machen und so dazu beizutragen, das Gewicht von Fahrzeugen insgesamt zu reduzieren – was gerade bei den nun aufkommenden Elektrofahrzeugen mit ihrem schweren Antrieb besonders wichtig sei, wie Giese anmerkte.
Künftig, das wurde deutlich, will Meteor noch stärker auf die Kooperation mit der Wissenschaft setzen. Das passt zum Plan, Meteor noch stärker zu einem hochkarätigen Entwicklungs-Standort aufzubauen.
Klimaneutral bis 2030?
Als großer Produktionsbetrieb ist Meteor auch ein großer Energieverbraucher. Dennoch will das Unternehmen bis zum Ende des Jahrzehnts rechnerisch klimaneutral werden, unter anderem durch die Nutzung von Ökostrom. „Das ist sicher eine sportliche Aufgabe, aber wir wollen es angehen, sagte Roiger.
Dabei sehe er erhebliches Potenzial nicht nur in der Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen, sondern vor allem auch in der deutlichen Senkung des bisherigen Energieverbrauchs.
Lob von Althusmann
Dabei sollen die geplanten Neubauten eine große Rolle spielen. Sie sollen sich deutlich effizienter als das aktuelle Gebäude-Konglomerat auf dem Firmengelände heizen und mit Strom versorgen lassen, zudem sollen viele kleine Lieferfahrten entfallen. Auch die neuen Maschinen sollen deutlich energieeffizienter werden als ihre jahrzehntealten Vorgänger – siehe die neue Extrusion. Schon jetzt bezieht Meteor Strom von einer Biogasanlage. Überlegungen gibt es auch für Photovoltaik-Anlagen auf dem Firmengelände und für den Anschluss an Windparks.
Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann nannte die virtuelle Einweihung der Extrusions-Maschine samt Ankündigung der weitreichenden Pläne bei Meteor ein wichtiges Ereignis: „Das ist nicht irgendwas, das ist ein Zeichen der Hoffnung und des Handelns, ein starkes Signal in Richtung Zukunft.“ So etwas sei in der Krise „die beste Medizin“. Ausdrücklich lobte er die neuen Meteor-Eigner. Die Übernahme durch Aequita und Prettl vor gut einem Jahr müsse „als Wende betrachtet werden“.
Aequita bestätigt Strategie
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Bernd Westphal räumte ein, „Anfang vergangenen Jahres auch skeptisch gewesen zu sein, als sie erste Pläne für Meteor beschrieben haben“. Nun aber sei er „echt begeistert“. In das Lob stimmte auch der SPD-Landtagsabgeordnete Markus Brinkmann ein. Bockenems Bürgermeister Rainer Block betonte, er habe bei den neuen Eignern von Anfang an ein gutes Gefühl gehabt: „Darin sehe ich mich bestätigt.“
Aequita-Chef Axel Geuer bekräftigte, der Haupteigner wolle in Bockenem kräftig investieren: „Eine Neuaufstellung funktioniert nur durch Investitionen in Innovationen und Wachstum“, betonte er. Im ersten Jahr sei schon viel erreicht worden, die Voraussetzungen seien deutlich positiver geworden – trotz Corona.
Neue Aufträge
Dazu passen steigende Auftragseingänge. Vor allem eine Order macht Geschäftsführer Roiger stolz. Ein Truck-Hersteller aus den USA hat bei Meteor die Dichtungssysteme für seine neuen E-Fahrzeuge bestellt. Entwickelt wird in Bockenem, produziert in den USA. „Da reden wir von bis zu 100.000 Fahrzeugen und einem zweistelligen Millionenbetrag im Jahr“, betont der Geschäftsführer. Meteor sei dabei besonders die Kompetenz zugute gekommen, filigrane Dichtungen zu spritzen, die einerseits die Fahrgeräusche minimierten und andererseits besonders leicht seien. Auch mit weiteren Aufträgen sehe es gut aus.
