Tiny Houses – fest und mobil

Mini-Häuser – warum die nicht überall stehen dürfen und wo es im Kreis Hildesheim möglich ist

Kreis Hildesheim - Ein Leben auf rund 30 Quadratmetern. In den sogenannten Tiny Houses ist das möglich. Die Nachfrage nach den Kleinsthäusern steigt. Im Kreis Hildesheim gibt es mehrere Anbieter und sogar schon ein spezielles Baugebiet.

Kreis Hildesheim - 200 Quadratmeter Wohnfläche, 6 Zimmer, 2 Bäder, ausgebauter Keller – davon haben noch vor einigen Jahren viele Familien geträumt. Viel Platz zum Leben in den eigenen vier Wänden. Ein großes Haus mit Garten im Grünen. Doch der Traum bleibt für viele auch wirklich ein Traum. Denn die Preise im Bausektor sind deutlich gestiegen. Das Wunschhaus ist für viele schlicht nicht mehr zu bezahlen. Es sei denn, man denkt um, denkt kleiner. Seit einiger Zeit schon sind in Deutschland alternative Wohnformen auf dem Vormarsch. Dazu gehört auch das sogenannte Tiny House, ein Kleinsthaus auf Rädern oder fest verbaut. Auch im Kreis Hildesheim stehen schon einige. Und gibt es sogar ein erstes kleines Baugebiet für solche Minihäuser. Dass deren Beliebtheit immer größer wird, liegt aber bei weitem nicht nur an den geringeren Kosten. Doch es ist nicht so einfach, sich ein Leben im Minihaus zu realisieren.

4 Räder und eine Stahlkonstruktion

Vier Räder und eine Stahlkonstruktion auf einem Anhänger – mehr braucht es nicht für das rollende Eigenheim, das Ingo Bosum seit etwa zwei Jahren vertreibt. Der Oedelumer, der eigentlich Messebauer ist, hat während der Corona-Pandemie auf kleine schlüsselfertige Holzhäuser umgesattelt und kooperiert nun mit einem jungen polnischen Familienbetrieb, der mobile Tiny Häuser produziert.

Wer den Begriff Tiny House hört, denkt wohl unweigerlich an genau die Exemplare, die Bosum verkauft. Dabei ist der Begriff nicht festgelegt. Unter dem Begriff Tiny House werden sowohl Kleinsthäuser auf Rädern als auch feststehende Klein- und Modulhäuser zusammengefasst, erklärt das Internetportal Statista. Eine genaue Abgrenzung der Größe, bis zu der ein Haus als Tiny House bezeichnet wird, gebe es nicht. In der Regel seien Tiny Houses in Deutschland zwischen 16 und 30 Quadratmetern groß. Ob als Ferienhaus oder Hauptwohnsitz – Tiny Houses sind beliebt. Etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung kann sich laut Statista das Leben in einem Tiny House gut vorstellen. Die meisten von ihnen müssten sich dafür aber an deutlich weniger Wohnraum gewöhnen. Ein durchschnittliches Tiny House in Deutschland ist etwa 28,7 Quadratmeter groß. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Einwohner beträgt aktuell 47,7 Quadratmeter, so Statista.

Alles was man so zum Leben braucht

Ingo Bosum

Das Modell „Malaga Sun“, das Bosum unter anderem anbietet, hat etwa 26 Quadratmeter – inklusive der beiden Hochebenen, die Stauraum und Schlafplatz bieten. Im „Untergeschoss“ findet sich die Einbauküche, eine gemütliche Sitzecke, am anderen Ende verstecken sich hinter einer Schiebetür Duschkabine, Toilette und Waschbecken. „Alles was man so zum Leben braucht“, sagt Bosum. In Hildesheim hat er derzeit ein Tiny House stehen, mit dem er in Karlsruhe auf einer Messe war. „Das Interesse an den kleinen Häusern ist riesig“, weiß der Geschäftsmann. Die Möglichkeiten, das rollende Zuhause auszubauen, seien es auch. Die Häuschen würden ganz auf Wunsch der Käufer hergestellt und nach Deutschland geliefert. Anschauungsobjekte lässt Bosum auf Wunsch aus Polen anliefern. Der einfachste Ausbau koste etwa 60.000 Euro.

Doch wer die Investition tätigt, darf sein neues Zuhause nicht so ohne weiteres irgendwo hinstellen und einziehen. Wer ein eigenes Grundstück habe, müsse unbedingt vorher die zuständige Kommune fragen. Manche würden das dulden, andere nicht. Auch könnte man sein rollendes Heim nicht einfach auf einem Campingplatz abstellen. Auf einer Anlage in Derneburg stehen inzwischen einige solcher kleinen Häuschen, eins davon von Bosum – „weil die Gemeinde Holle das dort duldet“, freut sich Bosum über die Flexibilität. Problematisch würde es in der Regel vor allen Dingen dann, wenn das Tiny House nicht nur Wochenendhaus sondern Lebensmittelpunkt wird. „Dann geht es immer darum, den Erstwohnsitz anzumelden“, so Bosum. In Deutschland gebe es zum Beispiel nur neun Campingplätze, auf denen das erlaubt ist.

Das weiß auch Stefan Jenner, der sich mit seinem Unternehmen Tiny Home Deutschland in Alfeld auf die kleinen Häuser spezialisiert hat. Seit drei Jahren beschäftigt sich der Hildesheimer mit dem Thema: Bewusster zu leben und der Trend zum Minimalismus wären für viele ebenfalls ein Entscheidungsgrund für die winzigen Häuser, sagt er. Wie das geht, will er in Alfeld in seinem dauerhaften Musterhauspark im Gewerbegebiet an der Zeissstraße zeigen. Bis zu 15 Häuser sollen Interessierte dort besichtigen und auch zur Probe bewohnen können. „Wenn ich Tiny Häuser verkaufe, dann sollen die Leute die auch sehen können“, sagt Jenner. Ein wesentliches Argument für Tiny Häuser sei definitiv die Mobilität. Wer einen Jeep oder Geländewagen hat, der dreieinhalb Tonnen zieht, kann wie eine Schnecke mit allem Hab und Gut auf Wanderschaft gehen. Die Tiny Häuser von Jenner haben eine Grundfläche von bis zu acht mal zweieinhalb Metern.

Bald produziert Stefan Jenner auch in Alfeld

Aktuell lässt er die Häuser komplett bei einem türkischen Produzenten bauen. Doch es ist eine Halle auf dem Gelände der Ausstellung in Bau, in der er mit seinen Mitarbeitern mehr selber machen kann. Dann soll nur noch der Rohbau angeliefert werden, das Fertigstellen des Innenlebens erfolge vor Ort. Jenners Ziel: Er möchte „einer der größten Tiny House Anbieter Deutschlands“ werden und auf lange Sicht 40 bis 50 Häuser pro Jahr verkaufen.

Auch Jens Engelhardt hat sich in Bockenem mit seinem Projektentwicklungsbüro Hildeshome unter anderem auf Kleinsthäuser spezialisiert. Im Gegensatz zu den Modellen von Bosum und Jenner sind seine aber nicht mit einem Auto von A nach B zu ziehen. Engelhardts Häuser stehen fest gebaut auf einem Grundstück.

„Pretty Hitti“ heißt sein kleinstes Modell. Der Bungalow bietet auf gerade mal 34 Quadratmetern Platz zum Leben. Oder „Chilly Hilly“ – ein Häuschen, das auf zwei Etagen und insgesamt 51 Quadratmetern sogar einem Paar mit Kind ausreichen dürfte. Engelhardts Devise ist es, auf kleinstmöglicher Grundfläche ausreichend Wohnräume zu bieten. „Damit man eben auch mal eine Tür hinter sich zumachen kann“, sagt der 45-Jährige, der auch ganz normale Wohnhäuser entwirft. Also gibt es zwar oft Wohnräume mit offener Pantryküche, aber geschlossene Schlafzimmer. Dafür verzichtet Engelhardt auf Nebenflächen. Flure und Abstellräume werden auf ein absolutes Minimum reduziert. Und wohin dann zum Beispiel mit der großen Heiztherme? „Wir bauen Fenster mit Heizspiralen im Glas ein“, erklärt Engelhardt. Einzig ein dünnes Kabel, das aus dem Rahmen in einen kleinen Schaltkasten führt und das Steuergerät an der Tür lassen auf die versteckte Heizung erahnen. „So braucht die Heizung nicht mehr viel Platz“, erklärt er. Mit Blick auf die gestiegenen Strompreise verweist er auf die Photovoltaikplatten, die auf dem Dach installiert werden können.

Wer im Urlaub in Dänemark begeistert ist von seinem 50 Quadratmeter Ferienhaus, und Zuhause dann mal schaut, wie viel Zeug er in seinem eigenen Haus hat, muss sich schon gut überlegen, ob er sich auf Dauer so einschränken will

Jens Engelhardt

Trotz vieler innovativer Ideen, die das Leben in den Tiny Houses möglich machen, müssen sich deren Bewohner doch mächtig einschränken. „Wer im Urlaub in Dänemark begeistert ist von seinem 50 Quadratmeter Ferienhaus, und Zuhause dann mal schaut, wie viel Zeug er in seinem eigenen Haus hat, muss sich schon gut überlegen, ob er sich auf Dauer so einschränken will“, sagt Engelhardt.

Es seien vor allen Dingen ältere Interessenten, die das Gespräch mit ihm suchen. Das bestätigt auch Bosum. „Paare, deren Kinder aus dem Haus sind, die kurz vor dem Ruhestand stehen“, erzählt Engelhardt. Die wollten zwar nicht auf Eigenheim und Garten verzichten, sich aber räumlich verkleinern. Sie würden ihr Haus verkaufen und mit einem Minihaus noch mal starten. „Das Geld dafür haben sie aus dem Hausverkauf“, sagt Engelhardt. Billig ist so ein Tiny House nämlich nicht. Sein kleinstes Model geht bei 139.000 Euro los, dazu kommt dann noch das Grundstück mit entsprechenden Nebenkosten. Doch es ginge eben meist nicht darum, Geld zu sparen, sondern sich für ein neues Lebensmodell zu entscheiden, so Engelhardt. Die jüngeren Generationen würden sich dagegen oft schon grundsätzlich gegen ein Eigenheim entscheiden – „Entweder, weil sie es sich noch nicht leisten können oder auch, weil sie mit Blick auf Jobs flexibel bleiben müssen“, sagt Engelhardt.

Ein besonderes Baugebiet in Westfeld

Immer mehr Kommunen weisen inzwischen in ihren Baugebieten kleine Bauflächen für Kleinsthäuser aus. „In Celle ist so eine Siedlung mit 18 Baugrundstücken entstanden“, weiß Bosum. Die Stadt Hildesheim plant das für den Wasserkamp. In Sibbesse gibt es schon ein solches Mini-Baugebiet. Für einen privaten Grundstücksbesitzer plant und vermarktet Engelhardt in Westfeld an der Straße „Unter dem Dorfe“ ein Areal für sechs bis sieben Tiny Häuser auf jeweils rund 400 Quadratmeter großen Bauflächen. Zwei Grundstücke sind bereits verkauft, zwei reserviert. „Und ich habe noch gar nicht richtig mit der Werbung angefangen“, erzählt er. Ein Post bei Facebook und die Interessenten kamen. In Hannover hat er bereits mehrere kleine Häuser gebaut und auch aus anderen Ecken des Landkreises Hildesheim gebe es Nachfragen. Westfeld werde nicht der einzige Ort mit Mini-Siedlung bleiben, da ist sich Engelhardt sicher.

Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.