„Missstände“?

Standesamt kommt mit Arbeit nicht hinterher: Hildesheimer stehen vor großen Problemen

Hildesheim - Das Hildesheimer Standesamt schiebt offenbar eine gewaltige Bugwelle unerledigter Arbeit vor sich her. Sogar die Stadt spricht von einer „unbefriedigenden Situation“. Wo die Probleme liegen – und wie es nun weitergeht.

Eine ausgedünnte Personaldecke im Standesamt führt derzeit zu viel Ärger unter Bürgern. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Das Standesamt der Stadt Hildesheim schiebt offenbar eine gewaltige Bugwelle unbearbeiteter Anträge vor sich her. Allein bei den Geburtsurkunden hat sich die durchschnittliche Bearbeitungsdauer laut Stadtverwaltung auf sechs Wochen erhöht. Normal sind zwei Wochen. Allerdings haben sich auch bereits Bürger bei der HAZ gemeldet, die schon vier Wochen warten – auf telefonische Nachfrage jetzt aber zu hören bekamen, die Bearbeitung dauere mindestens weitere acht Wochen. Das Rathaus spricht selbst von einer „unbefriedigenden“ Situation. „Es wird alles Mögliche getan, um die Situation schnellstmöglich wieder zu normalisieren und die Bearbeitungszeiten zu verkürzen“, heißt es auf Anfrage der HAZ.

Diese Ankündigung kann manchen Kritiker kaum beruhigen – zum Beispiel einen frischgebackenen Vater aus Giesen. Der 38-Jährige, der selbst im öffentlichen Dienst beschäftigt ist, wurde am 7. August zum dritten Mal Vater. Um seiner Frau einen Gefallen zu tun, beantragte er Elternzeit. 67 Prozent seiner Bezüge werden erstattet – aber nur dann, wenn er der Elterngeldstelle auch eine Geburtsurkunde zukommen lässt. Die lässt aber auf sich warten. „Vielleicht in sechs bis acht Wochen, hat mir die Mitarbeiterin des Standesamts gesagt“, berichtet der verzweifelte Giesener. Das Standesamt in Hildesheim ist zuständig, weil seine Tochter im St. Bernward Krankenhaus zur Welt kam.

Betroffener: „Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll“

Der 38-Jährige schwankt inzwischen zwischen Sorge und Verärgerung. „Ich habe auch keine Rücklagen, von denen ich jetzt leben könnte“, sagt er. Aber er müsse seine Wohnung, das Auto und alle anderen Kosten bezahlen. „Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll.“ Der Giesener überlegt jetzt, ob er die Elternzeit nicht besser abbrechen sollte. Auch sein Arbeitgeber, die Landeshauptstadt Hannover, und zum Beispiel die Krankenkasse haben bereits nachgehakt, wo die Urkunde denn bleibt.

Auch ein 43-Jähriger Familienvater aus Hildesheim meldete sich bei der HAZ. Er ist Ende Juli ebenfalls Vater geworden und wartet nun auf die Geburtsurkunde. Mindestens acht weitere Wochen werde es wohl noch dauern, hat ihm eine Sachbearbeiterin unlängst am Telefon mitgeteilt. Bei dem ebenfalls bei einer Behörde arbeitenden Mann wie bei anderen auch mit dem Hinweis versehen: Wenn man weiter frage, dauere es nur noch länger.

Betroffener spricht von „Missständen im Rathaus“

Der 43-Jährige ist sehr verärgert und spricht von „Missständen im Rathaus“. Finanziell gesehen wirft ihn die Verzögerung zwar nicht aus der Bahn. Aber wie andere Betroffenen auch hängt er an vielen Stellen in der Luft.

Die Stadtverwaltung bedauert den Ärger, bittet aber im selben Atemzug um Geduld. „Die Situation im Standesamt ist bezüglich der Dauer der Bearbeitungszeit in der Tat derzeit unbefriedigend, die Kritik ist berechtigt, auch wenn die Umstände nicht von der Verwaltung verschuldet sind“, räumt Stadtsprecher Helge Miethe ein.

Stadt beruft sich auf Krankheitsfälle und Ausfälle

Als Hauptgrund für die Verzögerungen nennt er krankheitsbedingte, zum Teil auch längere Ausfälle, wodurch der Bearbeitungsstau entstanden sei. „Hier ist in absehbarer Zeit voraussichtlich mit einer Entspannung zu rechnen, so dass es wieder zu kürzeren Bearbeitungszeiten kommen dürfte.“ Einige Stellen im Standesamt seien derzeit auch unbesetzt. Die Nachbesetzungsverfahren liefen.

Das Stammpersonal im Standesamt werde zudem je nach Verfügbarkeit sporadisch mit Kräften aus anderen Bereichen unterstützt. Dieses sei jedoch nur eingeschränkt möglich, da für die speziellen Standesamtsaufgaben eine besondere Ausbildung erforderlich sei. Nur die Standesbeamtin oder der Standesbeamte dürfe etwa eine Personenstandsurkunde ausfertigen.

Auch mehr Arbeit durch mehr Geburten

„Ein weiterer Grund für die momentane Verzögerung in der Bearbeitung liegt auch in der spürbaren Zunahme der Geburten im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Miethe. Häufig komme es auch zu Verzögerungen, wenn die Unterlagen unvollständig seien und dann telefonisch oder schriftlich nachgefragt werden müsse.

Für den 50-Jährigen aus Giesen ist das nur ein schwacher Trost. Er hat sich schon erfolglos an den Caritasverband gewandt, um zu sehen, ob dieser ihm helfen kann. „Ich habe mir jetzt erstmal 100 Euro von meinem Vater geliehen, um über die Runden zu kommen“, erzählt er. Im Oktober sollte sich eigentlich seine zweite Elternzeit-Phase anschließen. Kaum vorstellbar, dass es noch dazu kommen wird.

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