Hildesheim - Aus echtem Gold ist er zwar nicht, sondern nur aus roter Pappe, verheißt aber dennoch Gewinn: der Sterntaler, den die Kaufleute der Hildesheimer Innenstadt erstmals 1970 im Weihnachtsgeschäft ausgeben.
Der Hauptgewinn, ein VW-Käfer, geht an die Losnummer 239 142. Hildegard Krug aus Lechstedt ahnt zum Jahreswechsel noch nichts von ihrem Glück, erst Neujahr schaut sie in die HAZ und holt sich ihren neuen Flitzer ab. Cornelia Wechselberger überreicht dazu Blumen in den Stadtfarben, rechts Peter-Georg Tessner als Vertreter der Werbegemeinschaft.
Die Interessengemeinschaft der in der frisch eingerichteten Fußgängerzone ansässigen Betriebe hat lange darüber gegrübelt, wie sich die Umsätze in der Vorweihnachtszeit ankurbeln lassen, schließlich bietet ein Märchen der Gebrüder Grimm die passende Inspiration. 35 Sterntaler-Geschäfte beteiligen sich und drücken jedem Kunden nach seinem Einkauf bis Heiligabend ein an Frau Holle erinnerndes Los in die Hand, auf dessen Rückseite eine sechsstellige Nummer eingedruckt ist.
Die so Beschenkten nehmen an der großen Verlosung am 28. Dezember teil, bei der 103 Gewinne verteilt werden. Als Top 3 locken ein nagelneuer VW-Käfer, ein Blaupunkt-Fernseher und eine Geschirrspülmaschine. Die Aktion schlägt ein wie eine Bombe, über 225.000 Sterntaler werden ausgegeben, die Ziehung der Gewinnzahlen wird zum Event mit Lottofeeling in der Rathaushalle. Das Format sorgt überregional für Aufmerksamkeit und wird – in Form und Ablauf immer wieder modifiziert – zur jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte.
Viele, die in den Siebzigern aufgewachsen sind, werden sich noch an den auf den Weihnachtseinkauf folgenden Spaß beim Aufkleben auf die Gewinnkarten erinnern. Und der Erfolg des Sterntalers lässt die bislang in einzelnen Gruppen agierende Kaufmannschaft näher zusammenrücken. Das gemeinsame Marketing soll endlich großstädtisches Flair verbreiten, Veranstaltungen professionell organisiert werden. Die Geschäfte von Almsstraße und Hohem Weg setzen sich an die Spitze der Bewegung, machen den Weg zur Fusion frei und beauftragen eine Düsseldorfer Werbeagentur, ein passendes Corporate Design zu entwickeln.
Das Ergebnis, City-Center Hildesheim, optisch umgesetzt mit einer Rose zwischen einem doppelten C, kann nicht jeden überzeugen. Der Anglizismus wird von vielen Älteren als alberner Kotau vor dem modernistischen Zeitgeist gegeißelt, bleibt aber in Gebrauch, bis daraus Anfang der 90er-Jahre die Freundlichen Hildesheimer mit dem Maskottchen Fridolin werden. Der kleine Piepmatz trägt die Rose dann in seinem Schnabel. Das ficht 1972 aber noch niemanden an, auch wenn die Probleme vielfach den heutigen ähneln.
Der ewige Kampf um Mitglieder, Trittbrettfahrer, die ohne Beitragszahlungen partizipieren wollen, stetig weniger inhabergeführte Geschäfte und mangelndes Engagement fürs Ehrenamt. Die Aktionen stoßen aber durchweg auf große Resonanz, das City-Center wird angenommen. Menschenmassen pilgern zum Auto-Salon, wahlweise zum Kinder-, Oktober-, Wein- oder Knochenhauer-Amtshausfest, nehmen begeistert an Flohmarkt, Ostereiersuchen und Sterntaleraktion teil.
Ausgelassene Stimmung herrscht in der Dekorationsabteilung von Kressmann bei der Vorbereitung für das große Kinderfest, das vom 1. bis 4. August 1973 im City Center stattfindet. Diesmal spielt Petrus mit, die Lebkuchenherzen mit der Aufschrift „City-Center Hildesheim“ aus Zuckerguss finden reißenden Absatz.
Das „CC-Fußgänger-Lotto“ wird allerdings zur Geduldsprobe: Rote, grüne, gelbe, blaue und weiße Kreise auf dem Pflaster markieren die Stellen, wo Preise abgeräumt werden können. Freilich bloß zur vollen Stunde, wenn ein Herold in sein Horn bläst und die entsprechende Fahne schwenkt, dann beschenken junge Mädchen die richtig Positionierten. Davon wissen viele nichts und harren vergeblich minutenlang auf den Farbtupfern aus, bis sie missgestimmt wieder ihrer Wege gehen.
Das Format wird nicht fortgesetzt, auch eine Bikini-Modenschau abgesagt. Nicht aus mangelndem Interesse, keineswegs, sondern nur aus Sorge um das Image der alten Bischofsstadt. Vielleicht ließe sich so heute der kriselnden Werbegemeinschaft neuer Schwung geben? Man muss das Rad ja nicht immer wieder neu erfinden …








