HAZ-Zeitreise: Die große Geschichte

Mit dem Sterntaler fing es an: Der Weg vom City-Center zu den Freundlichen Hildesheimern

Hildesheim - Die neue Fußgängerzone ebnet der Werbegemeinschaft den Weg. In den 1970er-Jahren haben ihre Aktivitäten durchschlagenden Erfolg, Oktoberfest, CC-Kunden-Lotto oder Weihnachtstombola locken wie ein Magnet Tausende in die Geschäfte der Innenstadt.

Hildesheim - Aus echtem Gold ist er zwar nicht, sondern nur aus roter Pappe, verheißt aber dennoch Gewinn: der Sterntaler, den die Kaufleute der Hildesheimer Innenstadt erstmals 1970 im Weihnachtsgeschäft ausgeben.


Fast wie bei der Ziehung der Lottozahlen im Fernsehen wird sich die damals vierzehnjährige Cornelia Wechselberger als Glücksfee bei der ersten Sterntaler-Auslosung am 28. Dezember 1970 gefühlt haben.


Der Hauptgewinn, ein VW-Käfer, geht an die Losnummer 239 142. Hildegard Krug aus Lechstedt ahnt zum Jahreswechsel noch nichts von ihrem Glück, erst Neujahr schaut sie in die HAZ und holt sich ihren neuen Flitzer ab. Cornelia Wechselberger überreicht dazu Blumen in den Stadtfarben, rechts Peter-Georg Tessner als Vertreter der Werbegemeinschaft.

Die Interessengemeinschaft der in der frisch eingerichteten Fußgängerzone ansässigen Betriebe hat lange darüber gegrübelt, wie sich die Umsätze in der Vorweihnachtszeit ankurbeln lassen, schließlich bietet ein Märchen der Gebrüder Grimm die passende Inspiration. 35 Sterntaler-Geschäfte beteiligen sich und drücken jedem Kunden nach seinem Einkauf bis Heiligabend ein an Frau Holle erinnerndes Los in die Hand, auf dessen Rückseite eine sechsstellige Nummer eingedruckt ist.


Großer Andrang und gespannte Erwartung herrschen in der Hildesheimer Rathaushalle bei der Sterntalerverlosung am 27. Dezember 1972.


Bei der Sterntaler-Aktion 1972 werden gleich vier Personenwagen verlost, Horst Sander freut sich wie Oberbürgermeister Friedrich Nämsch mit den strahlenden Gewinnern Grete Peter, Sigrid Brand, Heinz Rieken und Gerd Sulzen.

Die so Beschenkten nehmen an der großen Verlosung am 28. Dezember teil, bei der 103 Gewinne verteilt werden. Als Top 3 locken ein nagelneuer VW-Käfer, ein Blaupunkt-Fernseher und eine Geschirrspülmaschine. Die Aktion schlägt ein wie eine Bombe, über 225.000 Sterntaler werden ausgegeben, die Ziehung der Gewinnzahlen wird zum Event mit Lottofeeling in der Rathaushalle. Das Format sorgt überregional für Aufmerksamkeit und wird – in Form und Ablauf immer wieder modifiziert – zur jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte.


Als wohl erfolgreichstes Projekt der Werbegemeinschaft erweist sich die erstmals 1970 durchgeführte Sterntaleraktion. In der Vorweihnachtszeit 1973 werden von den Teilnehmern über 150.000 Karten abgegeben, als Trommel für die Glückslose dient ein Betonmischer der Firma Bettels.

Viele, die in den Siebzigern aufgewachsen sind, werden sich noch an den auf den Weihnachtseinkauf folgenden Spaß beim Aufkleben auf die Gewinnkarten erinnern. Und der Erfolg des Sterntalers lässt die bislang in einzelnen Gruppen agierende Kaufmannschaft näher zusammenrücken. Das gemeinsame Marketing soll endlich großstädtisches Flair verbreiten, Veranstaltungen professionell organisiert werden. Die Geschäfte von Almsstraße und Hohem Weg setzen sich an die Spitze der Bewegung, machen den Weg zur Fusion frei und beauftragen eine Düsseldorfer Werbeagentur, ein passendes Corporate Design zu entwickeln.


Am 1. Mai 1972 feiern die bislang getrennt agierenden Interessengemeinschaften der Händler vom Hohen Weg und der Almsstraße ihren Zusammenschluss, unter dem modern klingenden Namen „City Center Hildesheim“ soll es künftig gemeinsam vorwärts gehen.

Das Ergebnis, City-Center Hildesheim, optisch umgesetzt mit einer Rose zwischen einem doppelten C, kann nicht jeden überzeugen. Der Anglizismus wird von vielen Älteren als alberner Kotau vor dem modernistischen Zeitgeist gegeißelt, bleibt aber in Gebrauch, bis daraus Anfang der 90er-Jahre die Freundlichen Hildesheimer mit dem Maskottchen Fridolin werden. Der kleine Piepmatz trägt die Rose dann in seinem Schnabel. Das ficht 1972 aber noch niemanden an, auch wenn die Probleme vielfach den heutigen ähneln.


Nach einem erfolgreichen ersten Jahr treffen sich die Mitglieder des City-Centers im November 1972 zum Ball der Kaufleute im Vier Linden. Conférencier Horst Sander begrüßt die beiden Vorsitzenden der Werbegemeinschaft, Carl Kreßmann und Robert Krawutschke.

Der ewige Kampf um Mitglieder, Trittbrettfahrer, die ohne Beitragszahlungen partizipieren wollen, stetig weniger inhabergeführte Geschäfte und mangelndes Engagement fürs Ehrenamt. Die Aktionen stoßen aber durchweg auf große Resonanz, das City-Center wird angenommen. Menschenmassen pilgern zum Auto-Salon, wahlweise zum Kinder-, Oktober-, Wein- oder Knochenhauer-Amtshausfest, nehmen begeistert an Flohmarkt, Ostereiersuchen und Sterntaleraktion teil.


Ausgelassene Stimmung herrscht in der Dekorationsabteilung von Kressmann bei der Vorbereitung für das große Kinderfest, das vom 1. bis 4. August 1973 im City Center stattfindet. Diesmal spielt Petrus mit, die Lebkuchenherzen mit der Aufschrift „City-Center Hildesheim“ aus Zuckerguss finden reißenden Absatz.

Das „CC-Fußgänger-Lotto“ wird allerdings zur Geduldsprobe: Rote, grüne, gelbe, blaue und weiße Kreise auf dem Pflaster markieren die Stellen, wo Preise abgeräumt werden können. Freilich bloß zur vollen Stunde, wenn ein Herold in sein Horn bläst und die entsprechende Fahne schwenkt, dann beschenken junge Mädchen die richtig Positionierten. Davon wissen viele nichts und harren vergeblich minutenlang auf den Farbtupfern aus, bis sie missgestimmt wieder ihrer Wege gehen.


Aus der Mobilitätsmeile soll in diesem Jahr ein Frühlingsmarkt werden, früher ging es noch zur Automeile, seinen Anfang nahm das Format 1973 als Auto-Salon im City-Center.

Das Format wird nicht fortgesetzt, auch eine Bikini-Modenschau abgesagt. Nicht aus mangelndem Interesse, keineswegs, sondern nur aus Sorge um das Image der alten Bischofsstadt. Vielleicht ließe sich so heute der kriselnden Werbegemeinschaft neuer Schwung geben? Man muss das Rad ja nicht immer wieder neu erfinden …