Kreis Hildesheim - Mehrmals im Jahr werden auch im Landkreis Hildesheim Menschen vermisst und von Polizei und anderen Rettungskräften gesucht. Dann kommt es oft auf jede Minute an. Um die meist aufwändigen Suchaktionen zu unterstützen, wird inzwischen auch auf mehr Technik gesetzt: Drohnen sind dabei oft im Einsatz. Wo deren Vor- und Nachteile sind, hat jetzt eine große Übung gezeigt.
Es ist Samstagmorgen, 10.30 Uhr. Am Feuerwehrhaus in Bodenburg stehen etliche Einsatzfahrzeuge von Polizei, Feuerwehr und den Johannitern. Rund 100 Rettungskräfte sind alarmiert und warten auf ihren Einsatz. Zehn Menschen werden vermisst. Es sind Ultraläufer, die am Abend zuvor im Harz gestartet sind, vor Stunden eine der Zählstellen der Strecke am Bodenburger Waldgebiet passiert haben, aber die nächste danach nicht erreichten. Die Frauen und Männer gelten als vermisst, sie befinden sich in einem rund 1,3 Kilometer breiten und genau so langen Suchgebiet, irgendwo im dichten Wald oder in der Feldmark. Die Lage, mit der die Retter in Bodenburg konfrontiert werden, ist ein Übungsszenario. Polizei, Feuerwehr und Johanniter wollen gemeinsam den Ernstfall proben – insbesondere mit Blick auf den Drohneneinsatz.
Drohnen bei realen Einsätzen
„Die Feuerwehr hatte die Polizei im vergangenen Jahr eingeladen. Es ging darum, die Drohnenteams im Landkreis zu vernetzen“, erzählt Stephan Heinz, Leiter der sogenannten Verfügungseinheit der Polizeiinspektion Hildesheim. Die Polizei selbst, die Johanniter und der ABC-Zug im Landkreis Hildesheim haben jeweils Drohnen und ausgebildete Piloten und Pilotinnen. Allesamt sind die auch zunehmend in realen Einsätzen aktiv. Die Feuerwehr hatte ihre Drohne beispielsweise beim vergangenen Hochwasser in der Luft, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Nun ging es aber darum, sie bei einer sogenannten Großschadenslage zu koordinieren und auszuloten, ob und wo es Probleme geben könnte.
Bevor die Teams am Sonnabend ausschwärmen, gilt es deshalb auch, den Einsatz genau zu besprechen. Die Leiter der Drohneneinheiten teilen das Suchgebiet in Quadranten ein und unter sich auf. Zudem muss sichergestellt werden, wie die Informationen fließen. Es geht um Flughöhen, Funkkanäle, GPS-Daten – nur wenn das geklärt ist, läuft später alles Hand in Hand. Mehrere Feuerwehren, darunter Einheiten aus Klein Düngen, Bodenburg, Östrum und Bad Salzdetfurth stehen bereit, um Verletzte zu bergen, aus Einbeck ist zudem die Hundestaffel der Johanniter angereist, um bei der Vermisstensuche zu helfen.
Am Waldrand oberhalb von Bodenburg wird eine knappe halbe Stunde später die mobile Einsatzleitung aufgebaut. Hier läuft alles zusammen. Pascal Sobotta, Ortsbrandmeister in Bodenburg, leitet von dort aus den gesamten Einsatz. Hier wartet auch Freiherr Adalbert von Cramm, der eigens für die große Übung seinen Wald zur Verfügung gestellt hat und sich die Abläufe ansehen möchte. Begleitet wird er von Revierförster Malte Wiegand, der, angestellt bei der Landwirtschaftskammer Hannover, unter anderem zuständig für den Privatwald ist. Er hat im Vorfeld geholfen, die vermeintlichen Vermissten im Wald zu verstecken.
Die Drohne immer im Blick
Während die mobile Einsatzleitung aufgebaut wird, beziehen die drei Drohnenstaffeln ihre unterschiedlichen Startplätze. Jede so, dass sie den zugeteilten Quadranten befliegen kann. Oberhalb von Wehrstedt packen die Polizeikommissarinnen Jennifer Unbehau und Kim Arnhold die blau-gelbe Drohne der PI Hildesheim aus. Die Frauen gehören zum insgesamt sechsköpfigen Drohnenteam in der Einheit von Stephan Heinz. Unbehau und Arnhold sind Luftfahrzeugführende, also Drohnenpilotinnen. Seit rund zwei Jahren gibt es die bei der Polizei in Niedersachsen. Die Ausbildung haben sie zusätzlich zur Polizeiausbildung absolviert, die ersten realen Einsätze bereits hinter sich. „Zum Beispiel bei Unfallaufnahmen oder Brandermittlungen“, schildert Unbehau. In Sarstedt sei die Drohne aber auch schon bei der Suche nach einem Tatverdächtigen eingesetzt gewesen. Jetzt geht es darum, Vermisste in einem Wald aufzuspüren.
„Die Bedingungen sind heute ideal“, erklärt Unbehau. Es ist fast windstill, kein Regen in Sicht und der Wald ist noch fast unbelaubt. „Sind die Kronen dicht, haben wir mit den Drohnen keine Chance mehr“, erklärt Arnhold. Sie lässt die Drohne vom Feldweg am Waldrand abheben und steuert sie hoch über die Bäume, rund 50 Meter über dem Boden fliegt sie das Gebiet vor sich ab. Arnhold fixiert den kleinen Bildschirm auf der Steuereinheit in ihren Händen. Kein leichtes Unterfangen. Hochkonzentriert beobachtet sie die Bilder, immer auf der Suche nach Ungewöhnlichem, nach etwas, das auf einen Menschen hinweisen könnte. Die Drohne verfügt auch über eine Wärmebildkamera. In der kälteren Jahreszeit ist das ausgesprochen hilfreich. „Wenn es wärmer wird, bringt uns die aber nichts, die Temperaturen in den Baumkronen sind dann schnell zu hoch“, erklärt Arnhold.
Dennoch: Der Einsatz der Drohnen ist in vielen Fällen ein absoluter Gewinn. Auch an diesem Übungstag. Mehrere Verletzte können von den Teams tatsächlich per Drohne aufgespürt werden. In einem Fall handelt es sich allerdings um eine Falschmeldung: Der vermeintliche Vermisste entpuppt sich als Reh, das sich ganz schnell aus dem Staub macht.
Alle Drohnenteams sind mindestens mit zwei Personen besetzt. So wie auch Unbehau und Arnhold. Die eine behält den Bildschirm im Blick, die andere die Drohne am Himmel. „Wir müssen immer auf Sicht fliegen“, erklären die Kommissarinnen. Auch, um früh genug festzustellen, falls der Drohne etwas in die Quere kommt. So wie am Sonnabend. Ein Greifvogel nähert sich dem Flugobjekt. Unbehau macht schnell Krach am Boden, damit der Vogel sich verzieht.
Stück für Stück suchen die drei Drohnenteams das Waldgebiet Ohe ab. An der mobilen Einsatzstelle behalten Pascal Sobotta und seine Kollegen alles unter Kontrolle. Endlich meldet das erste Team einen Personenfund. Die entsprechenden GPS-Koordinaten werden durchgegeben. Mittels einer Karte bewertet die Einsatzleitung die Fundstelle und entsendet die Feuerwehr mit einem geeigneten Fahrzeug. Die Johanniter haben aus Einbeck dafür ein ganz besonderes Einsatzfahrzeug mitgebracht: ein UTV, eine besondere Art von Quad, mit der auch Verletzte geborgen werden können. Mehrmals wird auch die Hundestaffel von den Drohnenteams angefordert. Die wartet ebenfalls bei der Einsatzleitung und rückt aus, wenn per Drohne Verdächtiges festgestellt wird. Die Hunde nehmen in mehreren Fällen an den von den Drohnen markierten Fundorten die Witterung auf und entdecken Verletzte im Unterholz.
Fazit der Premiere
Um 14.45 Uhr ist auch der letzte Vermisste gefunden. Stephan Heinz ist zufrieden. Nicht nur, weil alle Verletzen im Zusammenspiel gerettet werden konnten, sondern auch, weil schon bei der Premiere alle drei Einheiten gut gemeinsam funktionierten. Einmal mehr ziehe er seinen Hut vor den Ehrenamtlichen von Feuerwehr und Johannitern, mit denen die Polizei auf Augenhöhe zusammenarbeite. „Dennoch haben wir einige Punkte festgestellt, die wir verbessern können“, sagt Heinz. Vor allen Dingen die Kommunikation unter den Drohneneinheiten. „Es ist wichtig, dass wir alle mit einer Sprache sprechen“, so Heinz.
Die erste gemeinsame Drohnenübung verlief also gut – die Bedingungen waren dafür am Samstag aber auch nahezu ideal. Was allerdings, wenn die nicht stimmen? Wenn es stürmt und regnet, wenn es zu heiß ist oder dunkel? Muss eine Vermisstensuche dann abgebrochen werden? Für eine Nachtsuche könnten spezielle Drohnen und Piloten der Polizeidirektion Hannover angefordert werden, sagt Jennifer Unbehau. „In den anderen Fällen müssen mehr Einsatzkräfte am Boden suchen. Hundertschaften der Polizei und Gruppen der Feuerwehren zum Beispiel. Mit Stöberstöcken. So wie wir es sonst ja auch gemacht haben.“ Doch in vielen Fällen seien die Drohnen eben ein große Hilfe bei der Suche.


